„Conan, der Cimmerier“ : Die archaische Seligkeit des Fernwehs

Rummelplatzliteratur, aber eben nicht nur: Französische Autoren und Zeichner adaptieren „Conan“, jetzt gibt es die ersten Bände auf Deutsch.

Aus dem rauen Norden: Eine Seite aus dem ersten Band der neuen Reihe.
Aus dem rauen Norden: Eine Seite aus dem ersten Band der neuen Reihe.Foto: Splitter

Fast alles im Leben ist eine Frage der Perspektive. Anscheinend auch die Errungenschaften der Zivilisation. „Aber ich klage die ganze sich ‚zivilisiert‘ nennende Menschheit an, daß sie trotz aller Religionen und trotz einer achttausendjährigen Weltgeschichte noch heutigen Tages nicht wissen will, daß dieses ‚Zivilisieren‘ nichts anderes als ein ‚Terrorisieren‘ ist!“

Karl May hat das geschrieben, der Großmeister der Reise-, Abenteuer und Lügengeschichte, und dabei sicher nicht an „Conan, den Cimmerier“ gedacht. Und doch bietet dieser Satz im Geiste Rousseaus den Schlüssel, um Robert E. Howards 1932 erschaffenen Helden und vielleicht überhaupt zu verstehen, warum ausgerechnet diese auf den ersten Blick augenscheinlich so völlig von der Zeit überholte Figur, bis heute derart fasziniert.

Auch Wahnsinn ist immer eine Frage der Perspektive

Mit Zivilisation jedenfalls hat es der Mann aus dem rauen Norden des Fantasyreichs Hyperborea auch nicht so. Das erfahren die Leser gleich auf der ersten Seite des ersten Bandes neuen „Conan“-Reihe, die Adaptionen französischer Künstler nun auf Deutsch präsentiert.

„Die Königin der schwarzen Küste“ beginnt, als Conan vor Gericht steht. Der Richter will, dass der Held jemanden verpfeift. Der hat aber keine Lust: „Ich hatte diesem Wahnsinnigen meinen Standpunkt anschaulich erklärt, doch er schien nichts begriffen zu haben. Das machte mich wütend …“, referiert Conan und zieht die logische Konsequenz: „Also zog ich mein Schwert und schlug diesem rasenden Richter den Kopf ab.“

Merke: Auch Wahnsinn ist immer eine Frage der Perspektive. Dann prescht Conan zu Pferde von dannen, trifft die Piratenbraut Belit und schlägt noch ein paar mehr Köpfe ab.

Blut, Gold, Astralleiber: Eine Seite aus dem zweiten Band.
Blut, Gold, Astralleiber: Eine Seite aus dem zweiten Band.Foto: Splitter

Natürlich ist das Rummelplatzliteratur, aufregend und unterhaltsam, aber eben nicht nur. Autor Jean-David Morvan und Zeichner Pierre Alary, die den ersten von geplanten zwölf Bänden gestaltet haben, berichten vordergründig rasante Schwänke voller Blut, Gold und kaum verhüllter, kantig-cartooniger Astralleiber, gegen die Karl Mays Werke sich ausnehmen wie die Kinderbücher, die sie sind.

Wovon sie aber auch erzählen, ist die archaische Seligkeit des Fernwehs. Sie feiern die Lust am Entdecken, am Abenteuer, am stets neuen Aufbruch auch nach der Niederlage und damit ein Menschenbild, das heutigen Nordländern, die zwar bei Manufactum dem Fetisch des Ursprünglichen huldigen, sich aber in der eigenen Stadt verfahren, wenn der Akku vom Smartphone alle ist, als so einfaches wie glorreiches Ideal erscheinen muss.

Oder in Conans Worten: „Ich liebe, ich töte, und das ist gut genug für mich.“ Moritz Honert

Bisher erschienen:
Jean-David Morvan & Pierre Alary: Die Königin der schwarzen Küste, Splitter, 64 Seiten, 15,80 Euro
Vincent Brugeas und Ronan Toulhoat: Natohk, der Zauberer, Splitter, 72 Seiten, 15,80 Euro

Das Cover des zweiten Bandes.
Das Cover des zweiten Bandes.Foto: Splitter

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