„Das Haus am Wald“ : Das Böse kommt mit leichten Strichen

Mystery-Thriller, Krimi, Familiendrama: Hannes Nüsselers „Das Haus am Wald“ besticht mit reduzierter Grafik, knappen Dialogen und feinem Gespür für die cineastische Inszenierung.

Marie Schröer
Topoi des Unheimlichen: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Topoi des Unheimlichen: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Edition Moderne

Die Jahreszahl 1992 prangt fett und einsam auf der ersten Seite von Hannes Nüsselers zweitem Comic „Das Haus am Wald“. Die folgende Doppelseite eröffnet die Erzählung mit sechs horizontalen Panels in Leinwandbreite. Im ersten Panel sehen wir ein fahrendes Auto: „Der Leinenzwang sorgte bei der Erstbesprechung des revidierten Jagdgesetzes für heftige Diskussionen“, tönt es aus dem Radio. Am Rückspiegel baumelt ein Duftbäumchen. Zwei Personen sitzen im Wagen; wir blicken mit ihnen durch die Frontscheibe. Dass der Beifahrersitz besetzt ist, erkennen wir nur an der ihm zugeordneten Sprechblase: „Muss das Radio so laut sein?“ fragt jemand in dieser. Erst das dritte Panel zeigt uns zwei Frauen im Profil. Die Beschwerde ihrer Beifahrerin ignoriert die jüngere der beiden, und erkundigt sich nach dem Weg: „Links oder geradeaus, Mama?“. „Links.“ antwortet die Mutter und fragt weiter: „Wo ist Tom?“. Die Tochter reagiert zunächst gereizt, rudert aber schnell wieder zurück: „Lass uns nicht streiten, okay?“ schlägt sie vor. „Ich streite nicht. Ich will nur wissen, wie es Dir geht, Diana“ erklärt sich die Mutter. „Dann frag mich einfach.“, entgegnet Diana.

Beklemmung macht sich auf den Seiten breit

Die Komposition der ersten Doppelseite ist repräsentativ für das gesamte Buch: Ohne Vorgeplänkel oder Umschweife versetzt uns der Comic in Dianas Leben in der Schweiz der neunziger Jahre – und enthält sich durchweg jedweder Kommentare. Wohin fahren die beiden Frauen? Warum ausgerechnet dieser Radio-Beitrag? Wer ist Tom? Vieles wird nur angedeutet und nicht aufgelöst. Unausgesprochenes liegt zwischen den Panels: Besagter Tom, der auf der zweiten Seite durch seine Abwesenheit prominent präsent ist, wird nach einem wortlosen One-Panel-Auftritt aus der Geschichte (und damit aus Dianas Liebesleben) verbannt und fungiert bloß noch als Echo: „Nein, Tom ist nicht hier“, so Diana wenig später am Telefon im Gespräch mit einer Freundin. Im Hintergrund stehen Umzugskartons. „Tom ist ein Idiot, wenn er sich das entgehen lässt“, befindet eine andere Freundin nach der Besichtigung von Dianas neuer Bleibe, die dem Comic seinen Titel gibt.

Cineasten-Comic: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Cineasten-Comic: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Edition Moderne

Reduziert in Grafik und Text wirken die Dialoge und minimalistischen Zeichnungen umso einprägsamer. Entfaltet wird auf den rund hundert Seiten weniger das psychologische Portrait der Protagonistin, als eine melancholische Grundstimmung: Beklemmung, die sich auf den Seiten breitmacht, ohne dass dafür opulente Zeichnungen notwendig sind. Stimmungsbilder, die mit subtiler Feder Schwere zu transportieren wissen: Vorahnungen und ein permanentes Gefühl von ‚Es liegt was in der Luft‘ charakterisieren die Lektüreerfahrung.

Assoziationen an Hänsel, Gretel und so ziemlich jeden Horrorfilm

„Das Haus am Wald“: Irgendwo im Nirgendwo bei Talberg im Baseler Land steht ein bombastischer Bungalow. Die modernistische Villa ist seit vielen Jahren unbewohnt, verfügt über einen leeren Swimmingpool und eindrucksvolle Wanddekorationen aus afrikanischen Ahnenmasken und Jagddevotionalien. Hier lebte Diana als Kind mit ihren Eltern bis ihr Vater unter rätselhaften Umständen ums Leben kam- und hierhin zieht es sie nun zurück, auch ohne besagten Tom. Ein geeigneter Ort für die Selbst- und Spurensuche der jungen Frau und – ein Geheimnis sei verraten – werdenden Mutter.

Und ein geeignetes Setting für einen Comic, dessen Autor Filmkritiker und Cineast ist: Die modernistische Villa samt den verstörenden Requisiten ist, wie ihre neue Bewohnerin ein Fremdkörper in der betulichen Heimatfilm-Kulisse. Aber auch die vordergründige Dorfidylle Talbergs wird durch kleine Details hinterfragt: Der Dorfpfarrer organisiert einen Basar zugunsten eines Schulprojekts in Ghana, auf dem Tisch liegen Flugblätter mit der Aufschrift „Asylheim? Nein Danke.“

Das Cover des besprochenen Buches.
Das Cover des besprochenen Buches.Foto: Edition Moderne

Der Comic weckt bereits durch seinen Titel Assoziationen an Hänsel, Gretel und so ziemlich jeden Horrorfilm. Das Szenario des jungen Mädchens, allein im großen Waldhaus, ist ein Klassiker. Hinzu kommt der mysteriöse Tod des Vaters. Das Cover trägt dazu bei, die Erwartungen an eine unheimliche Lektüre zu verstärken: Wir sehen einen graumelierten Mann von hinten, er blickt durch ein Fernrohr. Ein Voyeur? Oder (man denke an den Wandschmuck und den Radiokommentar aus dem Off) ein Jäger? Das Rätsel wird die Lektüre lösen. Verraten werden soll hier nur so viel:

Die Zutaten harmonieren: Knappe Dialoge, Perspektivwechsel, spärliche, aber ausgesuchte Requisiten, ein reduziertes Personeninventar - kurz, Topoi des Unheimlichen, die die Lektüre intertextuell ergänzen, sorgen für kurzweilige Unterhaltung. Der Plot ist nicht wahnsinnig komplex; die Zeichnungen sind nicht virtuos: Dennoch gelingt es dem Comic, eine Atmosphäre der ständigen (An)spannung zu kreieren. Und so trifft auf „Das Haus am Wald“ (vielleicht nicht zufällig) in Teilen das zu, was Nüsseler in einer seiner überaus lesenswerten Filmkritiken kürzlich anlässlich der neuen Folgen von Twin Peaks formulierte. Die dramaturgische Funktion des Mordes an Laura Palmer erklärt er dort folgendermaßen: „Dabei war das Verbrechen nur ein Trick, ein Handlungstreiber, der es Lynch erlaubte, ein Labyrinth von Figuren und Motiven zu spinnen. Nicht die Aufklärung des Falls stand im Vordergrund – Lynch wollte das Rätsel nach eigenem Bekunden nie lösen –, sondern das Erzeugen von Stimmungen: Staunen, Heiterkeit, Furcht.“

Hannes Nüsseler: Das Haus am Wald, Edition Moderne, 120 Seiten, 24 Euro

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