Lesen Sie, was Katja-Schmitz-Dräger an Brown Position fragwürdig findet

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Debatte : Auf Freiersfüßen
Emotionslos oder sensibel? Eine weitere Szene aus dem Buch.
Emotionslos oder sensibel? Eine weitere Szene aus dem Buch.Illustration: Chester Brown

Ein von der Liebe enttäuschter Zyniker fühlt sich besser, seit er in seinem Sexualleben die Position des Kunden einnimmt und sich an die klaren Regeln des Tauschgeschäfts klammern kann: Das ist der Ausgangspunkt von Chester Browns Verteidigung des Freiertums. Man muss weder Romantiker noch prinzipiell gegen Prostitution sein, um weite Teile seines (im Übrigen durchaus fesselnden) Plädoyers zumindest fragwürdig zu finden. Natürlich ist es auch nicht gerade sympathisch, wenn er Frauen wie Ware bewertet. Aber bitte: wenigstens ehrlich.

Ehrlichkeit ist Browns Allround-Argument fürs Sexgeschäft gegenüber der verlogenen romantischen Liebe. Was ihn nicht davon abhält, irritiert zu sein, wenn eine Prostituierte keine emotionale Reaktion zeigt. Er gibt ihr dann eine schlechte Kritik im Internet.

Klar kann es ein erzählerischer Kniff sein, ein Alter Ego mit Neigung zu menschenverachtenden Manieren zu erfinden. Aber hier will der Autor das Thema Prostitution ernsthaft diskutieren. Er hat zu diesem Zweck einen üppigen Anhang verfasst. Aus seiner Beweisführung spricht vor allem Bequemlichkeit.

 

Brown tut aufgeklärt, wenn er für eine unreglementierte Prostitution wirbt – versteigt sich dann aber dazu, den Lohn für die sexuelle Dienstleistung als „Geschenk“ betrachten zu wollen, das die Dame als Dreingabe zum einvernehmlichen Akt erhält. Eine romantische Verklärung des Geschäfts: Alles freiwillig, selbst gewählt.

 

Das gibt es wohl, aber wie will er das überprüfen? Er habe keine blauen Flecken gesehen – also bitte! Bei einer Frau kriegt er nicht mal mit, dass sie kein Englisch spricht; es genügt ihm, wenn es„plausibel“ ist, dass ein Mädchen schon 18 sein könnte. Auf dem Aufmerksamkeitslevel will er Beweggründe durchschauen?

 

Strom kommt aus der Steckdose, Fleisch aus der Kühltheke, Sex gibt’s eben im Puff. Wie das alles dort hinkommt, interessiert nicht. Vor allem zeigt dieses Buch, wie egal vielen Menschen die Folgen ihres Tuns sind.

 

Katja Schmitz-Dräger

 

Geschäftsberich. Das Cover des Buches.
Geschäftsberich. Das Cover des Buches.Illustration: Chester Brown

Chester Brown: Ich bezahle für Sex – Aufzeichnungen eines Freiers, mit einem Vorwort von Robert Crumb,Walde & Graf, 336 Seiten, 22,95 Euro. Eine frühere Tagesspiegel-Rezension anlässlich der nordamerikanischen Erstveröffentlichung von Chester Browns Buch im vergangenen Jahr finden Sie unter diesem Link

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