Der kleine Nick als Comicfigur : Klein, aber oho!

Der Kinderbuch-Klassiker „Der kleine Nick“ war zunächst ein Comic. Jetzt werden die vergessenen 50er Jahre-Strips von René Goscinny und Jean-Jacques Sempé erstmals in Buchform veröffentlicht.

Von amerikanischen „Family Strips“ inspiriert: Eine Seite aus „Le petit Nicolas – la bande dessinée originale“.
Von amerikanischen „Family Strips“ inspiriert: Eine Seite aus „Le petit Nicolas – la bande dessinée originale“.Foto: IMAV

Schon bei seinem ersten Comic-Auftritt gibt dieser Steppke den Ton an: nachdem der kleine Nick eine Trommel geschenkt bekommen hat, schlägt er unaufhörlich darauf herum – was seinen Vater zur Verzweiflung und in eine Keilerei mit dem genervten Nachbarn, Monsieur Blédurt, treibt. Deren Streit hört erst auf, als der kleine Nick im Schlafanzug erscheint und die beiden Erwachsenen mit empörter Miene zur Ruhe ermahnt.

Moment mal – der „kleine Nick“ als Comicfigur? Eigentlich kennen wir doch diesen Lümmel mitsamt seiner Bande vor allem aus mehreren Kinderbüchern von René Goscinny (Autor von u.a. „Asterix“ und „Lucky Luke“) im Zusammenspiel mit den poetischen Illustrationen des Zeichners Jean-Jacques Sempé?

Von Kindheitserlebnissen der beiden Autoren inspiriert

Vor allem die in den „Kleiner Nick“-Erzählungen vorkommenden unvergesslichen Charaktere erfreuen nicht nur Kinder seit Generationen. Dabei sind es eigentlich nur ganz normale Schulkinder, die darin so treffend porträtiert werden. Da sind etwa Nicks bester Freund Otto, der immer nur ans Essen denkt, Georg, der sich gerne Chef als Chef gebiert, Adalbert, der Streber der Klasse und Marie-Hedwig, die so toll mit den Wimpern klimpern kann. Nicht zu vergessen: Herr Hühnerbrüh, der Lehrer mit dem durchdringenden Blick.

Seltsame Konventionen: Eine weitere Seite aus dem besprochenen Band.
Seltsame Konventionen: Eine weitere Seite aus dem besprochenen Band.Foto: IMAV


Ab 1959 bis 1965 entstanden 222 Nick-Erzählungen, die von Kindheitserlebnissen der beiden französischen Autoren inspiriert waren. Das Besondere: René Goscinny erzählte mit der Stimme des kleinen Nick, versetzte sich einfühlsam und mit schelmischem Humor in die Perspektive eines typischen Schuljungen, der unspektakuläre und witzige Abenteuer erlebte.

Indem Goscinny dessen kindliche Denkweise ernst nahm, entstand ein unwiderstehlich komischer Effekt, der die Geschichten bis heute nicht nur für Kinder reizvoll macht: auch Erwachsene können darin die Welt ein zweites Mal mit Kinderaugen sehen.

„Der Humor brachte uns zusammen“

Doch zurück zur Ausgangsfrage, die zum Entstehungsprozess des Klassikers führt. René Goscinny (1926-1977) und Jean-Jacques Sempé (geb. 1932) lernten sich bereits 1954 in der Redaktion der belgischen Zeitschrift „Le Moustique“ kennen und freundeten sich an. Sempé beschreibt rückblickend: „Der Humor brachte uns zusammen“.

Er hatte bereits einige Cartoons um einen noch namenlosen kleinen Jungen gezeichnet, die Goscinny gefielen. Aus dieser Figur beschlossen die beiden, einen Comicstrip zu machen - nach dem Vorbild amerikanischer „Family Strips“ sollten sie jeweils eine Seite lang sein. So wurde die erste Folge der Reihe „Le petit Nicolas“ am 25. September 1955 in „Le Moustique“ veröffentlicht, signiert mit Sempé und Agostini – Goscinny war nämlich damals derart produktiv (er schrieb u.a. redaktionelle Texte, Szenarios für Comics wie auch Krimis), dass er mehrere Pseudonyme pflegte.

Durch einen Konflikt Goscinnys mit seinem Chef um bessere Honorierung und Arbeitsbedingungen endete seine Zusammenarbeit mit „Le Moustique“ 1956, und dadurch endete auch die gemeinsame Arbeit der beiden Künstler am „Kleinen Nick“.

Insgesamt entstanden 28 Comic-Folgen: in zarter Kolorierung, noch ganz im flächigen Cartoonstil der Fünfziger Jahre gehalten, kann der Leser den kuriosen Streichen eines Jungen im Vorschulalter zusehen, die zu vielfältigen Komplikationen mit seiner Umwelt führen – sei es mit dem Nachbarn, dem Friseur oder den eigenen Eltern. Dabei hat der kleine Nick nie böse Absichten. Es sind meist die Erwachsenen selbst, deren seltsame Konventionen mit dem Verhalten des unbekümmerten Jungen kollidieren.

Im Herbst auch auf Deutsch geplant: Das Cover des besprochenen Bandes-
Im Herbst auch auf Deutsch geplant: Das Cover des besprochenen Bandes-Foto: OMAV


Ab 1959 belebten Goscinny und Sempé die Figur für die Sonntagsbeilage der französischen Zeitung „Sud Ouest“, um nun in Form von Kurzgeschichten den bekannten Geschichtenreigen zu schaffen, der den „Kleinen Nick“ unsterblich machen sollte. 2004 wurden bereits zahlreiche vergessene Geschichten neu entdeckt, deren Veröffentlichung (auf deutsch im Band „Neues vom kleinen Nick“) zu einem Revival der Serie führte. Bis heute sind die Erlebnisse des „Kleinen Nicks“ so beliebt, dass sie mehrfach adaptiert wurden – als Zeichentrickserie und zuletzt in zwei Kinoverfilmungen.

Die ursprüngliche Comicversion des „Kleinen Nick“ geriet hingegen in Vergessenheit und wurde nie nachgedruckt. Selbst Zeichner Sempé, seit langem einer der erfolgreichsten französischen Buch- und Magazin-Illustratoren, hatte sie vollkommen vergessen.

Erstmals ist sie nun in Frankreich in einer Buchausgabe erschienen – „Le petit Nicolas – la bande dessinée originale“ (45 Seiten, 12,90 Euro) im Verlag IMAV, der Goscinnys Tochter Anne gehört (eine deutsche Veröffentlichung ist für Herbst 2018 im Diogenes Verlag geplant). Sie vermittelt auch, wie manche der Comic-Streiche später nochmal in den Kurzgeschichten aufgegriffen und modifiziert wurden.

Auch wenn die bunte Rasselbande um den Kleinen Nick darin noch nicht vorkommt, und dieser noch etwas pummeliger wirkt als in den späteren Illustrationen der Kinderbücher, so lässt sich doch der eigenwillige Charakter des mit nur wenigen Strichen eingefangenen kleinen Jungen schon feststellen. Und eines hatte der „Asterix“-Autor René Goscinny wohl schon damals erkannt: die spinnen, die Erwachsenen.

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