Die Comic-Bestenliste der Kritiker : Misanthropin und Möchtegern-Bohémienne

30 Comic-Kritiker wählen ihre Favoriten der Saison. Das neue Buch der britischen Zeichnerin Posy Simmonds ist der Siegertitel.

Martin Jurgeit Barbara Buchholz
Weihnachtswahnsinn: Eine Seite aus „Cassandra Darke“.
Weihnachtswahnsinn: Eine Seite aus „Cassandra Darke“.Foto: Reprodukt

In der vierteljährlichen Comic-Bestenliste von 30 Kritikerinnen und Kritikern, die der Tagesspiegel in Kooperation mit der Fachzeitschrift „Buchreport“, der Website comic.de und dem Radiosender rbbKultur präsentiert, konnten sich dieses Mal besonders viele Graphic Novels durchsetzen.

Platz 1: „Cassandra Darke“ von Posy Simmonds (Reprodukt, 96 S., 24 €). Bitterböse Gesellschaftskomödie über die Londoner Kunstszene, in der eine Händlerin auf die schiefe Bahn gerät. Die Rezension von Barbara Buchholz findet sich nach dieser Liste.

Platz 2: „Sabrina“ von Nick Drnaso (Blumenbar, 208 S., 26 €). Die Suche nach einer verschwundenen jungen Frau in den USA führt in die Welt der Verschwörungstheorien.

Platz 3: „Wir waren Charlie“ von Luz (Reprodukt, 320 S., 29 €). Schonungslose Innenansicht des Satireblatts „Charlie Hebdo“ aus der Zeit vor dem Anschlag.

Platz 4: „Das Licht, das Schatten leert“ von Tina Brenneisen (Edition Moderne, 240 S., 29 €). Der Tod des eigenen Kindes kurz vor der Geburt, bewegend aufgearbeitet (siehe oben).

Platz 5: „Blake & Mortimer Spezial 1: Der letzte Pharao“ (Carlsen, 92 S., 19,99 €) von François Schuiten und anderen. Grandiose Neuinterpretation des großen Comic-Klassikers.

Platz 6: „Spirou und Fantasio Spezial 28: Spirou oder: die Hoffnung – Teil 2“ (Carlsen, 96 S., 14 €). Belgien zur Zeit der deutschen Besatzung, als die ersten Züge mit Juden Richtung Osten abfahren.

Platz 7: „Der König der Vagabunden“ von Patrick Spät & Bea Davies (Avant, 160 S., 25 €). Die Wiederentdeckung des Gregor Gog, der in der Weimarer Republik eine Selbsthilfeorganisation für Obdachlose gründete.

Platz 8: „Hunger“ von Martin Ernstsen nach Knut Hamsun (Avant, 220 S., 30 €). Das autobiografische Hauptwerk des norwegischen Literaturnobelpreisträgers als Graphic Novel.

Platz 9: „Freistaat Flaschenhals“ von Marco Wiersch & Bernd Kissel (Carlsen, 208 S., 20 €). Historisch belegtes Schelmenstück aus der Besatzungszeit nach dem Ersten Weltkrieg.

Platz 10: „Der Berg der nackten Wahrheiten“ von Jan Bachmann (Edition Moderne, 112 S., 24 €). Knallbunte Graphic Novel über die Aussteigerkolonie Monte Verità.

Eine weitere Seite aus „Cassandra Darke“.
Eine weitere Seite aus „Cassandra Darke“.Foto: Reprodukt

Barbara Buchholz stellt den Siegertitel „Cassandra Darke“ vor

Mehr als zehn Jahre nach ihrem Comicroman „Tamara Drewe“ um eine attraktive Klatschkolumnistin, die die Idylle eines Schriftstellerrefugiums auf dem Lande gehörig aufrührt, meldet sich die britische Zeichnerin und Autorin Posy Simmonds zurück. Schon ihr 1999 erschienener Comic „Gemma Bovery“ nach Flauberts Roman „Emma Bovary“ war nicht gerade eine Komödie. „Cassandra Darke“ (aus dem Englischen von Sven Scheer, Handlettering: Michael Hau, Reprodukt, 96 S., 24 €) aber kommt nun deutlich finsterer als die beiden Vorgänger daher.

Überhaupt ist „Cassandra Darke“ ein ganz anderes Kaliber. Das liegt nicht zuletzt an der sperrigen Titelheldin, die schon äußerlich das Gegenteil von Tamara Drewe und Gemma Bovery ist: Ähnelten sich diese beiden jungen Frauen in ihrer anmutigen Attraktivität, wuchtet sich jene in die Jahre gekommene, übergewichtige Misanthropin in einen unförmigen Mantel gehüllt über die Seiten, eine Trappermütze auf dem Kopf, unter der sie grimmig hervorstarrt.

Ihr Gebaren kontrastiert wunderbar mit dem Londoner Weihnachtswahnsinn, der sich auf den ersten Seiten verbreitet: eine dunkle, klobige Gestalt, die im festlich geschmückten Kaufhaus missmutig auf einen mit Weihnachtskugeln beladenen Tisch starrt oder auf einem wunderschönen seitenfüllenden Bild in einem Strom von Menschen an hell erleuchteten Schaufenstern vorbeigeschoben wird.

So anders die Protagonistin sein mag, der collagenartige Stil rahmenloser oder auch seitenfüllender Bilder mit darunter, daneben oder mittenhinein gesetzten Textblöcken aber ist ganz Posy Simmonds. Die Zeichnungen sind so fein und exakt wie gewohnt, der Strich aber kräftiger – und vor allem die Farben ausdrucksvoller und gerne im wirkungsvollen Kontrast mit grauschwarzen Straßenszenen in Winternächten.

Ein wenig Krimi und viel Sozialstudie

Nahm Posy Simmonds zuvor mit Vorliebe die literarische Welt aufs Korn, hat sie nun die Kunstwelt zum Ziel ihrer fein gestrichelten Entlarvungen gemacht. Cassandra Darke ist Kunsthändlerin, Anfang 70, betreibt eine Kunstgalerie im poshen Londoner Westend und ist gut im Geschäft. Doch sie beginnt bei Kunstverkäufen zu betrügen, fliegt auf und landet vor Gericht – und ist sowohl ihren professionellen Ruf als auch ihr Vermögen los.

Cassandra hat eine Art Gegenpart, verkörpert von ihrer Nichte Nicki, jung, hübsch und Möchtegern-Bohémienne. Nicki hat sich mit ihren Eltern – Cassandras Stiefschwester und Cassandras Ex-Mann – überworfen, verbringt ihre Zeit mit politischen Burlesque-Kunst-Performances, braucht ein Dach über dem Kopf und einen Job. Die herrische Cassandra lässt die freiheitsliebende Nicki in der Einliegerwohnung im Souterrain ihres Hauses wohnen, dafür soll Nicki für Cassandra kopieren, Besorgungen machen oder mit dem Hund Gassi gehen. Von Anfang an ist zu ahnen, dass diese unharmonischen Zweckgemeinschaft nicht von Dauer sein wird.

Das Titelbild des besprochenen Buches..
Das Titelbild des besprochenen Buches..Foto: Reprodukt

Mehr als ein Jahr später – Cassandra hat Nicki längst wieder vor die Tür gesetzt – findet Cassandra  im Wäschekorb der Einliegerwohnung im Souterrain eine Pistole. Es stellt sich heraus, dass Nicki sie dort versteckt hat, für ihren zeitweiligen Freund, der sie jemandem entwendet hat. Eine Zeitungsmeldung berichtet vom Fund einer unbekannten Toten im Wald, die laut Polizei Opfer eines rund ein Jahr zurückliegenden Mordes geworden sei. Eine riskante Spurensuche beginnt, mit überraschendem Ausgang.

„Cassandra Darke“ ist ein wenig Krimi und viel Sozialstudie. Die Erzählung in Zeitsprüngen, in der die Protagonistin die Ereignisse rekapituliert, ist kurzweilig. Gegen Ende überschlagen sich die Ereignisse – das wirkt ein wenig konstruiert, gibt aber Gelegenheit für grafisch eindrucksvolle Effekte, wenn in den graphitgrau gestrichelten Szenen der Ruf „Hilfe!“ in gelben Lettern leuchtet, ebenso wie Cassandras Handschuhe, die die Pistole umklammern.

Dieser dramatische Höhepunkt löst eine Wandlung in Cassandra aus, die nicht ganz nachvollziehbar scheint; aber schließlich heißt es, sie sei ein Pendant des kaltherzigen Geizhalses Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens‘ Erzählung „Eine Weihnachtsgeschichte“. Vor diesem Hintergrund passt es – und kurz bevor am Ende beinahe der Kitschalarm losgehen will, hat Posy Simmonds noch eine Überraschung parat.

Die Jury der Comic-Bestenliste

Der Jury gehören an: Barbara Buchholz (Der Tagesspiegel) • Gina Dähmlow (Sumikai) • Anne Delseit (Animania) • Christian Endres (die zukunft, Geek!) • Birte Förster (Titel Kulturmagazin) • Gerhard Förster (Die Sprechblase) • Christian Gasser (Radio SRF 2, Neue Zürcher Zeitung) • Meheddiz Gürle (ekz.bibliotheksservice) • Christoph Haas (Süddeutsche Zeitung) • Volker Hamann (Alfonz, Reddition) • Gerd Heger (Saarländischer Rundfunk) • Andrea Heinze (rbb Kulturradio, DLF) • Jule Hoffmann (Deutschlandfunk Kultur) • Alex Jakubowski (ARD-aktuell, Comic-Denkblase) • Martin Jurgeit (buchreport, die neunte) • Karin Krichmayr (Der Standard) • Jörg Krismann (Comixene) • Gerrit Lungershausen (Comicgate) • Mattes Penkert-Hennig (Dein Antiheld) • Andreas Platthaus (Frankfurter Allgemeine Zeitung) • Claudia Reicherter (Südwest Presse) • Martin Reiterer (Wiener Zeitung) • Volker Robrahn (Comic-Talk) • Martin Schöne (3sat: Kulturzeit) • Sabine Scholz (Animania, Der Tagesspiegel) • Anna Mháire Stritter (Orkenspalter TV) • Lars von Törne (Der Tagesspiegel) • Ralph Trommer (taz.die tageszeitung) • Gesa Ufer (DLF Kultur, rbb radioeins) • Hans Jürg Zinsli (Tages-Anzeiger)