Die Monster als Musen : „Ich wurde mir meiner Sterblichkeit bewusst“

Emil Ferris hat für „Am liebsten mag ich Monster“ den Max-und-Moritz-Preis bekommen. Im Interview erzählt sie die dramatische Geschichte hinter dem Erfolgscomic.

Horror mit Herz: Die junge Karen ist die Hauptfigur von „Am liebsten mag ich Monster“.
Horror mit Herz: Die junge Karen ist die Hauptfigur von „Am liebsten mag ich Monster“.Foto: Fantagraphics

Die US-Zeichnerin Emil Ferris hat mit „Am liebsten mag ich Monster“ eines der erfolgreichsten Comicdebüts der Geschichte hingelegt. Das in den USA im Jahr 2017 von Fantagraphics und auf Deutsch 2018 bei Panini (420 S., 39 €) veröffentlichte Buch ist der erste Teil einer auf 800 Seiten angelegten zweibändigen Erzählung.

Ferris wurde dafür unter anderem mit einem Eisner Award und einem Ignatz Award sowie dem großen Preis des Comicfestivals Angoulême geehrt, auch die Tagesspiegel-Kritikerjury kürte das mit einem Kugelschreiber im Notizbuch-Stil gezeichnete Buch vor zwei Jahren zum besten Comic des Jahres. Und nun hat Ferris am Freitagabend auch noch den Max-und-Moritz-Preis für den besten internationalen Comic bekommen.

Zudem ist sie mit dem Comic-Heft „Our Favorite Thing Is My Favorite Thing Is Monsters“, das auf ihrem Buch beruht, in diesem Jahr erneut für einen Eisner Award nominiert, die renommierteste Auszeichnung der US-Comicszene, die am 24. Juli verliehen werden. Im kommenden Jahr soll der zweite Band von „Am liebsten mag ich Monster“ erscheinen.

Lars von Törne hat Emil Ferris 2019 beim Comicfestival Fumetto in Luzern interviewt, hier aus aktuellem Anlass eine Zusammenfassung des Gesprächs.

Emil Ferris.
Emil Ferris.Foto: Lars von Törne

Emil Ferris, Ihr Buch ist eine Mischung aus Familendrama, Geschichts-Thriller, Krimi und Entwicklungsroman. Es ist im Chicago der 1960er angesiedelt, die Hauptfigur ist ein junges Mädchen namens Karen Reyes, das sich als Privatdetektiv betätigt, sich selbst als Monster sieht, vor allem aber eine sehr genaue Beobachterin ihrer Umwelt und eine unglaublich talentierte Künstlerin ist. Sie selbst kamen 1962 zur Welt und sind ebenfalls in Chicago aufgewachsen. Wieviel von Ihnen steckt in Karen?

Ich würde sagen: Alles. Sie ist in mir, ich gebe ihr alles, was ich habe. Ich hatte allerdings anfangs nicht damit gerechnet, wieviel Raum sie in mir einnehmen würde. Sie hat inzwischen ihren eigenen Willen entwickelt und sagt mir, welche Dinge sie bereit ist zu machen und welche nicht. Die Zeichnungen von ihr haben im Laufe des Arbeitsprozesses eine Art Eigenleben entwickelt und immer wieder zu auch für mich überraschenden Wendungen in der Handlung geführt. Es begann mit einer Vision. Ich habe vor einigen Jahren Theaterwissenschaften studiert und nahm an einem Drehbuch-Schreibkurs teil. Da schrieb ich ein Skript für einen Film, den ich in meinem Kopf vor mir sah. Die Hauptfigur war ein krasser afroamerikanischer Frankenstein, der seinen Regenmantel öffnete und ein kleines, lesbisches mexikanisches Werwolf-Mädchen umarmt. Und ich dachte: Wer zum Teufel seid Ihr? Ich musste weinen, denn es waren beides Außenseiter – aber sie kümmerten sich umeinander. Daraus hat sich dann einerseits die Figur der Karen entwickelt und andererseits eine weitere wichtige Figur in dem Buch.

Eine Doppelseite aus der Originalausgabe von „Am liebsten mag ich Monster“.
Eine Doppelseite aus der Originalausgabe von „Am liebsten mag ich Monster“.Foto: Fantagraphics

„Am liebsten mag ich Monster“ erzählt neben Karen auch von ihrer Mutter und ihrem Bruder, die sich mit ganz eigenen Problemen herumschlagen, und ihrer Nachbarin, einer Holocaust-Überlebenden, die auf mysteriöse Weise verschwindet. Wieweit sind diese Figuren vom realen Leben inspiriert?

Manchmal will man die Wahrheit über Menschen erzählen, aber kann es nicht ganz direkt machen, weil es zum Beispiel Familienmitglieder sind. Dann ändert man sie ein bisschen, aber nur so weit, dass sie nicht mehr zu identifizieren sind. Das ist der Fall mit den meisten Figuren in meinem Buch und auch mit vielen Elementen der Handlung. Der größte Teil davon basiert auf realen Menschen und realen Ereignissen. Aber sie sind gerade soweit verändert worden, dass man die echten Menschen dahinter nicht erkennen kann. Der Bruder im Buch, der Karen beschützt und sie an die Kunst heranführt, ist zum Beispiel meinem Vater nachempfunden. Es gibt ein Sprichwort der indigenen amerikanischen Bevölkerung, das auch mein Buch zutrifft: Diese Dinge sind nie passiert, aber die Geschichte ist wahr.

Fortsetzung folgt: Das Cover der deutschen Ausgabe von „Am liebsten mag ich Monster“.
Fortsetzung folgt: Das Cover der deutschen Ausgabe von „Am liebsten mag ich Monster“.Foto: Panini

Eine Leidenschaft, die Sie mit Ihrer Figur Karen teilen, ist die für Horrorcomics. Das scheint eine alte Jugendliebe von Ihnen zu sein, die bis heute anhält.

Absolut. Wenn ich irgendwo einen Horrorcomic sehe, muss ich zugreifen. Und das Tolle ist: Als das Buch rauskam und sich gut verkaufte, hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben genug Geld, um mir auf Ebay all die Horrorcomics zu kaufen, die ich als Kind geliebt hatte. Ich war zwei Wochen lang im Himmel und las in meinem Bett all die alten Horrorcomics. Und mir wurde klar, dass die Leute, die die damals gezeichnet haben, Genies waren. Die Zeichnungen waren grandios. Aber sie wurden dafür nie angemessen gewürdigt. Okay, die Geschichten waren teilweise ziemlich dumm. Aber die Zeichnungen waren fantastisch. Und es gab auch ein paar gute Geschichten, die zum Beispiel politische Themen verarbeiteten.

Vom Vater der Zeichnerin inspiriert: So sieht Karens Bruder Deeze in „Am liebsten mag ich Monster“ aus.
Vom Vater der Zeichnerin inspiriert: So sieht Karens Bruder Deeze in „Am liebsten mag ich Monster“ aus.Foto: Panini

Ihr Buch kam für viele Comicleser quasi aus dem Nichts, weil man Sie vorher nicht als Comiczeichnerin kannte. 400 Seiten voller großartiger Zeichnungen und Geschichten von einer Autorin, die zwar ihr Geld unter anderem als kommerzielle Illustratorin verdiente, deren Namen man aber in der Comicszene nie zuvor gehört hatte. Lasse Sie uns ein wenig über die Entstehungsgeschichte ihres Buches reden…

Die hängt eng mit einigen tragischen Ereignissen zusammen, die mein Leben bestimmten. Generell war mein Leben eine Kette von Glücks- und Unglücksfällen, die sich abwechselten. Wie wahrscheinlich bei vielen Menschen. Ich wurde bei einer Party von einer Mücke gestochen, als ich 40 war. Drei Wochen später war ich von der Hüfte abwärts gelähmt und ich konnte meinen Arm so gut wie nicht mehr bewegen. Ich hatte Meningitis und Enzephalitis. Die Mücke hatte den West-Nil-Virus übertragen. Ich hatte aber noch Glück im Unglück: Viele Menschen starben an dem Virus, ich nicht. Ich hatte hohes Fieber, Halluzinationen, und irgendwann dann eine Erscheinung, eine Art Todesengel, der mir in Form eines Aktenschrankes erschien und sagte: Wir müssen für unsere Unterlagen wissen, ob sie weitermachen oder nicht.

Coming-out: Eine Szene aus der US-Ausgabe von „Am liebsten mag ich Monster“.
Coming-out: Eine Szene aus der US-Ausgabe von „Am liebsten mag ich Monster“.Foto: Fantagraphics

Und?

Ich dachte an meine Tochter und mir war klar, dass ich weitermachen muss. Ich hatte bis zu meiner Krankheit als Werbe-Illustratorin für Klempner und andere kleine Kunden gearbeitet und nebenbei als Putzfrau, damit es zum Leben reichte. Ich machte damals jeden Job, um über die Runden zu kommen. Ich komme aus einer Künstlerfamilie, meine Eltern und mein Bruder sind Künstler. Eigentlich wollten wir damals eine gemeinsame Familienausstellung machen. Durch die Lähmung verlor ich die Kontrolle über meine rechte Hand. Aber ich wollte etwas zu der Ausstellung beisteuern. Also habe ich zusammen mit meiner Tochter, die damals sechs war, etwas Gemeinsames zu zeichnen versucht. Ich konnte zu der Zeit allerdings keinen Stift mehr halten. Also klebte sie eine Zeichenfeder mit Klebeband an meine Hand, tauchte sie in Tinte und zeichnete mit mir zusammen. Dann zeichnete sie mich, ich saß damals im Rollstuhl. Doch sie zeichnete mich, wie ich aus dem Rollstuhl aufstand, und sagte: „Du wirst wieder laufen können.“ Die Ärzte gaben mir damals keine große Chance – aber meine Tochter hat Recht behalten. Ich wurde mir damals zum ersten Mal richtig meiner eigenen Sterblichkeit bewusst. Und ich hatte bis dahin nicht wirklich etwas geschaffen, außer ein paar Werbezeichnungen für Klempner. Ich dachte mir: Ich habe all diese Geschichten und Erlebnisse in meinem Kopf, aber nie etwas draus gemacht. Also habe ich mich, als die Lähmung nachließ, drangemacht, das zu ändern. So begann ich mit der Arbeit an „Am liebsten mag ich Monster“.

Im Krankenhaus: Selbstporträt von Emil Ferris als Patientin, nachdem sie sich mit dem West-Nil-Virus infiziert hatte.
Im Krankenhaus: Selbstporträt von Emil Ferris als Patientin, nachdem sie sich mit dem West-Nil-Virus infiziert hatte.Illustration: Emil Ferris

Und auch dessen Veröffentlichungsgeschichte war ja ziemlich turbulent…

Ja, der erste Verlag, an den ich mich wandte, lehnte mein Buch rundheraus ab. Auch andere Verlage konnten damit nicht viel anfangen. Insgesamt 48 Verlage lehnten es ab. Die meisten konnten es nicht einordnen, weil es eine Monstergeschichte ist, eine Coming-of-Age-Story, und noch vieles mehr, das nicht einfach so in einer der bestehenden Schubladen passt. Das war hart. Ich hatte kein Geld, wurde aus meiner Wohnung geworfen, hatte vorübergehend kein Zuhause. Dann hatte ich endlich einen Verlag gefunden, das Buch wurde gedruckt, aber die Druckerei ging pleite und die gesamte erste Druckauflage von 10.000 Büchern ging beim Transport von China in die USA auf dem Meer verloren. 2017 kam es dann endlich bei Fantagraphics heraus.

Im Atelier: Emil Ferris mit einigen ihrer Zeichnungen beim Fumetto-Festival 2019.
Im Atelier: Emil Ferris mit einigen ihrer Zeichnungen beim Fumetto-Festival 2019.Foto: Lars von Törne

Die meisten Zeichner, die sich an ihren ersten Comic machen, veröffentlichen erstmal eine kurze Geschichte, die eine oder eine paar mehr Seiten hat. Sie haben sich als erstes Projekt nach der Genesung von ihrer Krankheit ein 800-Seiten-Buch vorgenommen, ohne zu wissen, ob das jemals veröffentlicht wird. Wie haben sie es geschafft, da nicht die Motivation zu verlieren?

Wenn Sie das so sagen, denke ich: Wow, habe ich das wirklich gemacht? Ich bin verrückt! Ja, ich habe es gemacht. Und wie ich mich motiviert habe? Ich habe einfach weitergemacht. Es hat mir in vielen schwierigen Situationen geholfen, dieses Projekt zu haben. Und ich habe tolle Freunde, die mir geholfen haben und mir auch mal Geld geschickt haben, wenn es nicht für die Miete oder Essen reichte. Und die mich ermunterten: Arbeite weiter an Deinem Buch! So ist das doch mit uns allen: Wir tragen Angst mit uns herum, haben Probleme, stoßen an Grenzen, haben innere Kämpfe. Und doch müssen wir einfach immer weitermachen.

Eine Seite aus Emil Ferris' Skizzenbuch.
Eine Seite aus Emil Ferris' Skizzenbuch.Foto: Lars von Törne

Wieweit haben Ihnen Skizzenbücher, Notizen und andere Aufzeichnungen aus Ihrem Leben geholfen, als Sie mit der Arbeit an dem Buch begannen?

Ich habe immer schon Skizzenbücher geführt, so wie Karin im Buch, das war sehr hilfereich.

Eine weitere Seite aus dem Skizzenbuch von Emil Ferris.
Eine weitere Seite aus dem Skizzenbuch von Emil Ferris.Foto: Lars von Törne

In dem Buch gibt es neben der offensichtlich autobiografisch inspirierten Hauptgeschichte der jungen Karen auch noch die ebenfalls recht umfangreiche Geschichte der Holocaust-Überlebenden namens Anka, die unter anderem im Deutschland der NS-Zeit spielt und auch von Pädophilie, sexuellem Missbrauch und anderen Themen handelt. Wie kam diese zweite Geschichte zu Ihnen?

Ich bin in einem Viertel von Chicago aufgewachsen, in dem viele Holocaust-Überlebende lebten. Eines Tages, als ich acht Jahre alt war, sah ich auf dem Arm der Mutter einer Freundin eine tätowierte Nummer. Ich hatte keine Ahnung, wieso jemand einem Menschen eine Nummer auf den Arm tätowieren würde. Also las ich in der Bibliothek einige Bücher darüber und verstand. Das war eine sehr intensive Erfahrung, zu merken, wie wir in einer Welt leben, in der anderen Menschen Dinge widerfahren sind, über die kaum geredet wird. Und das betrifft auch uns in den USA. Ich habe zum Beispiel als Kind viel in einem Park gespielt, der den Namen Pottawattomie-Park trägt. Nun, die Pottawattomie haben da nicht gespielt. Die wurden alle umgebracht. Aber auch darüber wurde damals nicht geredet. Viele meiner Freunde waren damals schon Afroamerikaner und kamen aus dem Süden der USA. Die verbindet eine lange Geschichte der Gewalt, die ihnen und ihren Verwandten angetan wurde. Es war also eine viel größere Geschichte der Grausamkeit, die Menschen einander antun, die ich damals als Kind erst nach und nach entdeckte. So fand diese Geschichte ihren Weg in das Buch.

Emil Ferris beim Zeichnen.
Emil Ferris beim Zeichnen.Foto: Lars von Törne

Sie zeichnen Ihre Bilder nicht wie viele andere Comiczeichner mit einem Bleistift, einem Fineliner, einem Pinsel oder auf einer digitalen Oberfläche, sondern mit einem Billig-Kugelschreiber, der Ihren Seiten eine ganz eigene, an ein Notizbuch erinnernde Anmutung gibt. Rein handwerklich haben Sie sich wahrscheinlich einer der am schwierigsten zu meisternden Zeichenwerkzeuge ausgesucht, auch weil diese Zeichnungen weniger leicht zu korrigieren und zu kontrollieren sind als mit anderen Stiften. Wieso?

Es schien mir einfach das passende Werkzeug für ein Buch, das von einem Kind erzählt, das ein Notizbuch hat und da ständig seine Beobachtungen reinkritzelt. Dazu kommt, dass ich ja in einer Künstlerfamilie aufgewachsen bin, wo das Geld immer knapp war. Wir konnten uns keine teure Zeichenausrüstung leisten. Und in der Schule, die mich meistens sehr langweilte, verbrachte ich sehr viel Zeit damit, mit einem Kugelschreiber in meine Schulhefte zu zeichnen – während ich so tat, als ob ich Notizen zum Unterricht machte. Stattdessen zeichnete ich den Lehrer, die anderen Kinder oder Monster. Dazu kommt: Als meine Hand wegen der Krankheit gelähmt war – und so ganz habe ich die Kontrolle über sie immer noch nicht wiedergewonnen – war es für mich einfacher, Zeichnungen aus lauter kleinen Linien zu entwickeln, und da passte der Kugelschreiber einfach.

Ein bislang noch unveröffentlichtes Bild von Emil Ferris.
Ein bislang noch unveröffentlichtes Bild von Emil Ferris.Foto: Lars von Törne

Ein herausragendes Merkmal ihres Buches ist die Sammlung von prägnanten Gesichtern, die neben den Hauptfiguren auch viele Nebenfiguren auszeichnen. Sind das alles Porträts realer Menschen?

Ja, ich zeichne ständig Menschen, die ich sehe und deren Gesichter ich interessant finde. Das ist eine Sache, die ich von meinem Vater gelernt habe und die ich seitdem mein ganzes Leben lang gemacht habe. Immer wenn wir unterwegs waren, zeichnete er. Wenn wir in ein Restaurant gingen, kam die ganze Küchenmannschaft raus, um uns zu begrüßen, weil er viele von denen schonmal gezeichnet hatte – oder weil sie hofften, sie könnten eine andere Zeichnung von ihm bekommen. Sobald da ein Stück Papier auf dem Tisch lag, zeichnete er los. Und wenn wir mit der Hochbahn durch Chicago fuhren, zeichneten wir alles, was wir da im Wagen sahen. Das führte manchmal zu problematischen Situationen: Einmal bedrohte mich ein Mann, den ich gezeichnet hatte, und forderte das Bild aus meinem Block. Es stellte sich heraus: Es war ein Häftling auf Bewährung, der nicht in Chicago hätte sein dürfen und der Angst hatte, wegen meines Bildes erkannt zu werden.

Ein bislang unveröffentlichtes Porträt von Karen, der Hauptfigur von „Am liebsten mag ich Monster“.
Ein bislang unveröffentlichtes Porträt von Karen, der Hauptfigur von „Am liebsten mag ich Monster“.Foto: Lars von Törne

Ihr Werk zeichnet sich nur durch das Storytelling und die kunstvollen Zeichnungen aus, sondern auch durch ein besonderes Bild von Weiblichkeit, speziell verkörpert durch die Hauptfigur Karen, die nicht dem traditionellen Geschlechterklischee entspricht. Zum einen, weil sie sich nicht wie ein Mädchen fühlt, zum anderen, weil es sehr gefährlich sein kann, ein Mädchen zu sein, wie man in einigen Szenen erleben kann, in denen sie männlicher Gewalt ausgeliefert ist. Ihr Buch wurde dafür gelobt, wie selbstverständlich es Konzepte jenseits der klassischen Gendermodelle vermittelt. Fühlen Sie sich als Vorreiterin für ein neues Verständnis von Weiblichkeit in der lange Zeit von Männern dominierten Comicwelt?

Das ist komisch, denn ich kenne viele tolle Frauen in der Comicszene, von Lynda Barry bis Alison Bechdel, die bereits einen Großteil der Arbeit geleistet haben. Ich selbst trage dazu gar nicht mehr so viel Neues bei. Ich sehe Karen auch gar nicht als Mädchen, oder als Junge: Sie ist ein Monster.

Für einen Eisner nominiert: Das Cover des Spin-Off-Comics von Emil Ferris' Erfolgsbuch.
Für einen Eisner nominiert: Das Cover des Spin-Off-Comics von Emil Ferris' Erfolgsbuch.Foto: Fantagraphics

Voraussichtlich 2021 soll der zweite Teil Ihres Buches erscheinen. Wieweit waren die schon fertig, als Teil 1 veröffentlicht wurde – oder hat sich die Geschichte danach dann nochmal anders entwickelt?

Die zweiten 400 Seiten waren zwar weitgehend fertig, als der erste Band erschien. Aber sie fühlten sich lange Zeit nicht richtig an. Ich habe nach dem Erscheinen des ersten Buches noch sehr viel dran gearbeitet. Langsam gewann es dann dir richtige Form. Und erst relativ spät verriet mir Karen eine sehr wichtige Sache – und da erkannte ich, wie die Geschichte weitergehen muss, inhaltlich wie auch zeichnerisch. Das hat das ganze zweite Buch verändert. Ich will noch nicht zu viel verraten. Nur so viel: Es gibt Zeiten in Deinem Leben, wo Du alles verlierst, und dann andere Zeiten, wo Du alles findest, aber in einer Form, die Du nie erwartet hättest. So ist das in meinem Buch, und so war es auch in meinem Leben.