„Die Schöne und die Biester“ : Es war (k)einmal

Der Comic „Die Schöne und die Biester“ möchte kein Märchen sein. Was er tatsächlich sein will, verlieren Boris Koch und Frauke Berger leider aus den Augen.

Machtbewusster Monarch: Eine Seite aus „Die Schöne und die Biester“.
Machtbewusster Monarch: Eine Seite aus „Die Schöne und die Biester“.Foto: Splitter

Das prominent auf dem Titelbild von „Die Schöne und die Biester“ (Splitter-Verlag, 72 S., 18,00 €) als Untertitel in Szene gesetzte Ablehnen einer Klassifizierung weckt Aufmerksamkeit: „Kein Märchen“ heißt es da, was natürlich als Fingerzeig auf das bekannte französische Märchen „La Belle et la Bête“ (Die Schöne und das Biest) und dessen zahlreiche Adaptionen in allerlei künstlerischen Disziplinen verweist.

Der Kern der von Gabrielle-Suzanne de Villeneuve 1740 erstmals erzählten Geschichte stellt vor allem das Motiv der Aufopferung in den Mittelpunkt. So ist es eine zum Zwecke der Menschwerdung gegenüber der Bestie Liebe opfernde Frau, sowie ein Vater, der seine selbstverständlich als schön und dadurch antagonistisch inszenierte Tochter dem Biest offeriert – aber letztlich hält hier doch stets die Weiblichkeit den Kopf hin

In einer späteren und populäreren Version von Jeanne-Marie Leprince de Beaumont darf dieser Kopf übrigens nicht nur hübsch, sondern gebildet im Sinne von belesen sein.

Was aber passiert, wenn, wie von den Autor*innen angekündigt, a) gar kein Märchen erzählt wird und b) die Kreatur im Plural zu verorten ist?

Folgenreiche Prophezeiung: Eine Seite aus „Die Schöne und die Biester“.
Folgenreiche Prophezeiung: Eine Seite aus „Die Schöne und die Biester“.Foto: Splitter

Nun, wegen mangelnder Thronnachfolge wird in „Die Schöne und die Biester“ von einem machtbewussten Monarchen geehelicht, was das Zeug hält. Leider aber will sich bei keiner der zahlreichen Bräute der gewünschte männliche Kronprinz einstellen, derweil nach dem Begattungsakt angefallene Töchter als ungeeignet empfunden werden.

Nach erfolgter Geburt des Stammhalters kommt eine Prophezeiung durch eine Fee hinzu. Diese verheißt Ungutes für den Herrschenden, denn eine Taube soll durch dreimalige Defäkation auf das nachfolgende Oberhaupt, also den Kopf des Prinzen, diesen zum Aufbegehren und Entmachten des Vaters bringen.

Was den Vater veranlasst, jede Taube und sein finanziell eh klammes Reich als vogelfrei zu erklären – und schon beginnt eine trotz chronisch leerer Kassen mit Kopfgeld angeheizte Taubenhatz von gigantischen Ausmaßen.

Nicht unter die Taube gebracht

Bis … ja, bis die Theorie aufkommt, dass damit wohl auch Taube gemeint sein könnten, genaugenommen weibliche Gehörlose, um im Wortlaut der Prophezeiung der Fee zu bleiben. Und flugs werden taube Frauen und Mädchen zwecks vorbeugender Gefahrenabwehr weggesperrt.

Aber auf Grund der beschriebenen Verhältnisse, die das Volk in einen permanenten Ausnahmezustand und Armut zwingen, regt sich bald schon Widerstand, der bis hin zur Herstellung mechanischer Girrvögel als Güllebomber eskaliert.

Ist's eine Vogelperspektive ... nein, es ist die Obrigkeit: Ein Panel aus „Die Schöne und die Biester“.
Ist's eine Vogelperspektive ... nein, es ist die Obrigkeit: Ein Panel aus „Die Schöne und die Biester“.Foto: Splitter

Zeitgleich mit der Geburt des Königssohns wird eine Bäckerstochter namens Hänfling geboren. Sie, von Dritten durchweg mit dem Attribut schön belegt, dient der Klarstellung, dass sich die Verfassenden der Unsinnigkeit dieser Kategorisierung wohl bewusst sind.

Kurz bevor die übrigens einer zukünftigen Ehe nicht sonderlich zugetane Bäckerstochter wegen der Einkerkerung ihres Vaters in den Befreiungskampf eintritt, kommt es noch zu folgender Szene: Ein Verdächtiger, der nach einer Befragung von den Schergen des Königs freigelassen werden soll, wird dann doch verhaftet, weil die zufällig vorbeikommende Bäckerstochter ein Rendezvous mit einem der beiden Vasallen ablehnt – was den Hänfling sehr schuldbewusst blicken lässt. Dadurch, wenn auch nicht unbedingt beabsichtigt, wird der verschwommene Eindruck einer Mitverantwortung erweckt.

Das ist, neben der im Verlauf der Erzählung an die Hufeisentheorie gemahnenden Gleichstellung von repressiver Obrigkeit und Widerstand, eine der zwiespältigsten Szenen im Comic, die alle vorangegangen Bemühungen eines kritischen Blicks auf Machtverhältnisse jeglicher Couleur obsolet und als Feigenblatt erscheinen lässt. Mag ja sein, dass hier anerzogene Verhaltensmuster veralteter Geschlechterrollen sichtbar gemacht werden sollen, aber derartige Ambivalenzen gehören klarer ausgedrückt.

Zumindest die Grafik ist eine runde Sache: Ein Panel aus „Die Schöne und die Biester“.
Zumindest die Grafik ist eine runde Sache: Ein Panel aus „Die Schöne und die Biester“.Foto: Splitter

 Vielleicht gut gemeint, aber nicht gut gemacht  

 Auch der Anhang des Comics, der in einer Art Pseudodokumentation den Eindruck eines Bewusstseins für Fake News zu transportieren versucht, erscheint als weiteres halbherziges Unterfangen einer aktuellen Bezugnahme, weil der Untertitel Kein Märchen ja offensichtlich doch nicht reicht.

Gelungener ist dagegen die mehrfach durch Co-Autorin Frauke Berger visualisierte Frosch- und Vogelperspektive. Diese lässt sowohl die zu Bestien verklausulierten Tauben wie auch die abgehobene Perspektive der Obrigkeit wesentlich unplakativer und nicht so zwanghaft bemüht erscheinen wie die offensichtlich mit dem Holzhammer eingeschlagenen Pflöcke, die dieses wackelige Zelt von einem erzählerischen Überbau festzurren sollen.

Das Titelbild des besprochenen Albums.
Das Titelbild des besprochenen Albums.Foto: Splitter

Eine Unstetheit, die sich eben auch in der den Kalauer zum Storymotor erhebenden Wortspiel mit den Tauben manifestiert – da dürften die bei Hochzeiten ganz gern gesehenen und symbolisch aufgeladenen Tauben eigentlich auch nicht fehlen. Vielleicht erschien dies den Verfasser*innen aber dann doch zu überladen.

Was bleibt: Bergers souveräne zeichnerische Performance, deren oft kreisförmig orientierter Panelaufbau und schwindelerregende Blickwinkel bereits in ihrem Debüt „Grün“ zu bewundern waren.

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Aber die Unart, durch grammatikalische und zugleich handlungstragende Verballhornungen Tauben zu Schwerhörigen machen und, schlimmer noch, Repression und Revolution moralisch gleichzusetzen, ruiniert die gesamte Ästhetik. Am Ende wirkt alles als unentschlossene Darstellung eines aufgeweckten Bewusstseins, das letztlich aber doch gewisse Vorbehalte zu hegen scheint.