„Die Unsichtbaren und die Zornigen“ : Russland: Zwischen Willkür und Widerstand

Die Zeichnerin Viktoria Lomasko dokumentiert seit Jahren die Schattenseiten des russischen Alltags. Jetzt gibt es einen neuen Sammelband auf Deutsch.

Pussy Riot vor Gericht: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.
Pussy Riot vor Gericht: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.Foto: Diaphanes

Pussy Riot kennt wohl jeder. Aber wer sind Taisiya Osipova, Mikhail Beketov und Sergei Mokhnatkin? Die russische Autorin und Zeichnerin Viktoria Lomasko bringt in ihren Bilderzählungen die Schicksale von Putin-kritischen politischen Aktivisten ins Bewusstsein, die auch in Russland kaum jemand kennt.

Seit bald zehn Jahren begleitet die Künstlerin Bürgerrechtsdemonstrationen und Lastwagenfahrer-Proteste, LGBT-Festivals und Gerichtsprozesse gegen Regierungskritiker mit dem Zeichenblock.

Ein Tagebuch mit Comic-Elementen

In der Form eines mit Comic-Elementen durchsetzten illustrierten Tagebuchs veröffentlicht die 39-Jährige ihre Reportagen bei unabhängigen russischen Zeitschriften, im Internet – und inzwischen auch in zwei auf Deutsch verlegten Büchern. Einige von Lomaskos Arbeiten waren zudem kürzlich in einer großen Comic-Ausstellung in Oldenburg zu sehen.

Am Rande der Zivilisation: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Am Rande der Zivilisation: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Diaphanes

Den besten Überblick über ihre Arbeit gibt der Sammelband „Die Unsichtbaren und die Zornigen“, der ein gutes Dutzend ihrer Arbeiten versammelt jetzt auf Deutsch erschienen ist. Zwei Gruppen von Menschen ziehen Lomasko an: Die Unsichtbaren und die Zornigen – so lauten auch die Zwischentitel, die das Buch zweiteilen. Lomasko porträtiert alleinstehende Frauen, die von der russischen Gesellschaft als Verliererinnen dargestellt werden.

Sie besucht abgebrühte jugendliche Gefängnisinsassen, die sich in Zeichenkursen mit Lomasko verletzlich und sensibel zeigen. Eine Dorfschule am Rande der Zivilisation, ein Prozess gegen Sklavenhalter, die von der örtlichen Polizei geschützt wurden, Protokolle von Sexarbeiterinnen – es sind düstere, traurige Bilder und Erzählungen, die Lomasko sammelt.

Parallelen zu Ulli Lust und Joe Sacco

Und doch vermitteln ihre Bildfolgen die enorme Würde und Willenskraft ihrer Protagonisten. Ihr Stil erinnert zeichnerisch an die Berliner Comic-Chronistin Ulli Lust. In Sachen politisches Engagement und mutige Recherche gibt es auch Parallelen zu Joe Sacco, dem Pionier der Comicreportage, der in einem Klappentext für die englische Ausgabe des Buches Lomaskos Mut und ihre künstlerische Unmittelbarkeit gelobt hat.

Immer auf der Seite der Schwachen: Eine Szene aus „Die Unsichtbaren und die Zornigen“.
Immer auf der Seite der Schwachen: Eine Szene aus „Die Unsichtbaren und die Zornigen“.

Lomasko ist dabei, wenn Bürgerrechtler bei den Duma-Wahlen Fälschungen dokumentieren. Sie zeigt, wie Putins Unterstützer mit Einschüchterung und Betrug für ihnen genehme Ergebnisse sorgen. Sie dokumentiert Polizeigewalt, den Pussy-Riot-Prozess und weitere gegen Bürgerrechtler, Querdenker und Demonstranten wie eben Taisiya Osipova, Mikhail Beketov und Sergei Mokhnatkin.

Neben Willkür dokumentiert sie auch viel Widerstandskraft

Dabei nimmt sie Partei für die Schwachen, zeichnet schon mal ein Poster für protestierende Lkw-Fahrer, präsentiert die russische Justiz als Hort der Absurdität, in dem Entlastungszeugen gar nicht erst zugelassen werden und forensische Gutachten wie surrealistische Literatur klingen.

Das kennen ihre Leser bereits aus dem 2015 auf Deutsch veröffentlichten Buch „Verbotene Kunst - Eine Moskauer Ausstellung“, in dem sie zusammen mit dem Autor Anton Nikolajew einen Schauprozess gegen die Organisatoren einer umstrittenen Kunstausstellung dokumentiert hat.

Das Titelbild des besprochenen Bandes.
Das Titelbild des besprochenen Bandes.Foto: Diaphanes

Überprüfbar sind ihre explizit parteiischen Berichte in „Die Unsichtbaren und die Zornigen“ für die Leser allerdings nur ansatzweise – die Autorin selbst liefert kaum Kontext, viele der von ihr präsentierten Vorgänge schafften es höchstens in Form von Kurzmeldungen in die westliche Presse. Was bleibt, ist das erschreckende Bild eines Landes, in dem Willkür und Verzweiflung herrschen – aber auch Widerstandskraft und die Hoffnung, dass eine bessere Welt nicht unmöglich ist.

Viktoria Lomasko: Die Unsichtbaren und die Zornigen, Diaphanes-Verlag, übersetzt von Sandra Frimmel, 320 Seiten, 30 Euro
Viktoria Lomasko, Anton Nikolajew: Verbotene Kunst - Eine Moskauer Ausstellung, Matthes & Seitz, Übersetzung: Sandra Frimmel, 226 Seiten, 19,90 Euro

Veranstaltungshinweis: Am 4. Juni um 19 Uhr spricht Viktoria Lomasko im Einstein Forum Potsdam mit Mischa Gabowitsch über ihre Arbeit.

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar