Dominik Wendlands „Tüti“ : Vom Winde verweht

Reduzierter Strich, hintersinniger Witz: Dominik Wendlands Comic-Groteske „Tüti“ besticht durch skurrilen Humor und eine einzigartige Hauptfigur.

Faustdick hinter den Henkeln: Eine Seite aus „Tüti“.
Faustdick hinter den Henkeln: Eine Seite aus „Tüti“.Foto: Jaja

Plastiktüten haben vor allem aus ökologischen Gründen schon lange keinen guten Ruf mehr. Die Hauptfigur von Dominik Wendlands Comic-Groteske „Tüti“ hat es allerdings so faustdick hinter den Henkeln, dass dagegen alle Umweltsünden ihrer Artgenossen harmlos wirken. Vom Winde verweht wabert das weiße Kunststoffwesen mit dem Smiley-Gesicht durch eine der originellsten deutschen Comicerzählungen der jüngeren Zeit. Sie mischt bei einer rebellischen Gangsterbande mit, erlebt amouröse Abenteuer, nimmt mehreren Menschen auf bizarre Weise das Leben und wird vorübergehend als absolutistische Herrscherin verehrt.

Dabei bleibt bis zum Schluss rätselhaft, was an Tütis Aktionen reiner Zufall ist, was menschliche Projektion – und wieweit dieser Beutel vielleicht doch über eine Persönlichkeit verfügt, wie es ihm von den Menschen zugeschrieben wird.

Anspielungen von Film noir bis „Watchmen“

Das setzt der in München lebende Zeichner, der seit längerem im Internet mit originellen Kurz-Comics erfreut, in reduzierten Bildern um, die die Absurdität der Situation auch visuell voll ausreizen. Dass Wendland dabei mit den Regeln der menschliche Anatomie sehr frei verfährt, verzeiht man ihm angesichts des skurrilen Charmes der Hauptfigur gerne.

Sein reduzierter Strich wie sein hintersinniger Witz erinnern an deutsche Comic-Erneuerer wie Anna Haifisch („The Artist“) oder Max Baitinger („Röhner“) – die beide ebenso wie Wendland das Kunststudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig absolviert haben.

Skurriler Charme: Tüti in einer weitere Szene aus dem Buch - für Komplettansicht auf Plus-Symbol klicken.
Skurriler Charme: Tüti in einer weitere Szene aus dem Buch - für Komplettansicht auf Plus-Symbol klicken.Foto: Jaja

Trotz dieser Anklänge gelingt Wendland mit „Tüti“ etwas ganz Eigenes, auch dank überraschender Wendungen und Genre-Anspielungen von Film noir über Historiendrama bis zum Superhelden-Epos „Watchmen“. Clever arrangierte Panels und knappe, pointierte Dialoge tun ihr Übriges, um einer einzigartigen Hauptfigur einen Auftritt zu verschaffen, die zwar auch durch den Einsatz einer Grünen Tonne im großen Finale nicht zum Umweltengel wird, aber Lesern mit Spaß an skurrilem Humor nachhaltige Freude bereiten dürfte.

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Dominik Wendland: Tüti, Jaja-Verlag, 88 Seiten, 14 Euro

Das Cover des besprochenen Buches.
Das Cover des besprochenen Buches.Foto: Jaja

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