„Eine Schwester“ von Bastien Vivès : Flüchtig wie eine Sommerwoche

Mit leichter Hand und viel Liebe für seine Figuren: Bastien Vivès erzählt im Comic „Eine Schwester“ von jugendlichen Reifeprozessen.

Barbara Buchholz
Vorsichtige Annäherung: Eine Szene aus „Eine Schwester“.
Vorsichtige Annäherung: Eine Szene aus „Eine Schwester“.Foto: Reprodukt

Die titelgebende Schwester hat der 13-jährige Antoine nicht. Aber seit er auf der Autofahrt in die Sommerferien von einer früheren Fehlgeburt seiner Mutter erfahren hat, lässt ihn der Gedanke nicht los: Wie es wohl wäre, wenn er und sein kleiner Bruder Titi eine große Schwester hätten?

Die 16-jährige Hélène hingegen hätte einen kleinen Bruder bekommen können, aber ihre Mutter hat gerade die zweite Fehlgeburt hinter sich. Um die Verbundenheit zwischen – tatsächlichen und potentiellen – Geschwistern kreist der Comic „Eine Schwester“, den Autor und Zeichner Bastien Vivès („Der Geschmack von Chlor“, „Polina“) denn auch seinem Bruder gewidmet hat.

Antoine aus Paris lernt Hélène am Meer in der Bretagne kennen, wo seine Familie jedes Jahr im Juli und August ein Ferienhaus bezieht. Hélènes Mutter ist eine Freundin seiner Eltern und stößt mit ihrer Tochter für eine Woche dazu, um auf andere Gedanken zu kommen. Das Mädchen wird am Ankunftsabend kurzerhand ins Zimmer der beiden Jungs gesteckt, die sie am nächsten Morgen misstrauisch beäugen.

Doch die Irritation hält nur kurz an, bald sind vor allem Antoine und Hélène unzertrennlich. Sie – cool, hübsch und erfahren – nimmt ihn – drei Jahre jünger und zurückhaltend – unter ihre Fittiche, und weiß auch den aufmüpfigen kleinen Titi um den Finger zu wickeln.

Reifeprozess auf mehreren Ebenen

Antoine hat stets Skizzenblock und Stift dabei, er zeichnet am Strand, im Garten, im Zimmer; er ist begabt und alles geht ihm leicht von der Hand – nur ein Porträt von Hélène, das will ihm partout nicht gelingen. Erst als sie mit ihrer Mutter die Fähre besteigt, ist er offensichtlich so zufrieden mit einem Werk, dass er es ihr zum Abschied überreicht.

Zu diesem Zeitpunkt hat Antoine auch auf anderen Ebenen einen Reifeprozess durchlebt: Einerseits hat Hélène ihm zu ersten erotischen Erfahrungen und seinem ersten Rausch verholfen; andererseits ist er aber auch in seiner Rolle als großer Bruder gewachsen und hat sich bewusst gemacht, wie wertvoll ihm der kleine Quälgeist Titi ist.

Das Titelbild des besprochenen Bandes.
Das Titelbild des besprochenen Bandes.Foto: Reprodukt

Bastien Vivès erzählt diese Geschichte einer jugendlichen Entwicklung mit wunderbar leichter Hand und viel Liebe für seine Figuren, wie man es von ihm kennt.

Leicht und elegant wirken auch die Zeichnungen, die sparsamen Striche sehen aus wie locker hingeworfen, sind mit zarten hellgrauen Flächen und weichen schwarzen Schatten unterlegt. Das wirkt insgesamt so flüchtig wie die intensive Sommerwoche, die Antoine mit Hélène durchlebt.

Bastien Vivès: Eine Schwester, Reprodukt, aus dem Französischen von Heike Drescher, Lettering: Minou Zaribaf / Bastien Vivès, 216 Seiten, 24 Euro

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