„Gilgamesch“ als Comic : Im Schwitzkasten der Antike

Für seine „Gilgamesch“-Adaption hat sich Jens Harder in eine versunkene Epoche eingefühlt. Das Ergebnis ist grafisch beeindruckend, hat aber auch einige Schwächen.

Mythische Abenteuer: Eine Doppelseite aus Jens Harders "Gilgamesch".
Mythische Abenteuer: Eine Doppelseite aus Jens Harders "Gilgamesch".Foto: Carlsen

Der Gegensatz könnte nicht größer sein: hier der Herrscher und Halbgott Gilgamesch, dessen hoher Hut (mögl. Helm) und gepflegte Haarpracht samt langem Bart seine gesellschaftliche Stellung betonen, dort das düstere Antlitz des Naturmenschen Enkidu, dessen verfilzte Haare in alle Himmelsrichtungen zeigen. Deren beider Gesichtshälften bilden zusammen das Einbandmotiv des neuen Comics von Jens Harder, einer Adaption des altbabylonischen „Gilgamesch“-Epos.

Jens Harder erlaubt sich einen kleinen Insider-Scherz, wenn er Enkidu, den Gefährten Gilgameschs, auf die Vorderseite neben den Titel setzt, und dem eigentlichen Helden nur die Rückseite gönnt. Die beiden Gesichtshälften zusammen könnten auch die „zwei Seiten“ desselben Helden darstellen – ein schönes Spiel mit den Interpretationsmöglichkeiten des Mythos.

Der Comic „Gilgamesch“ basiert auf der ältesten bekannten (längeren) Dichtung der Menschheit, einem Heldenepos um den König von Uruk und Halbgott Gilgamesch, der nach aktuellem Forschungsstand möglicherweise als reale Person um 3000 v. Chr. im Zweistromland (im heutigen Irak), wohl als Herrscher des Stadtstaates Uruk, existiert haben könnte.

Das fragmentarisch auf Keilschrifttafeln erhaltene Werk erzählt die mythischen Abenteuer Gilgameschs und seines Freundes Enkidu, darin eingeflochten ist auch die (noch ältere) Sintflut-Erzählung. Das auf 12 Tontafeln erhaltene Fragment wurde bei Ausgrabungen in der assyrischen Stadt Ninive gefunden und stammt aus dem 7. Jahrhundert vor Chr., es existieren aber auch ältere Fragmente sumerischen und akkadischen Ursprungs, die bis etwa ins 25. Jahrhundert vor Chr. datiert werden. Somit ist das Gilgamesch-Epos älter als die antiken Epen Homers wie auch die biblischen Mythen.

Inspiriert von Tontafeln, Rollsiegeln, Plastiken

Jens Harder hält sich an die Abfolge der zwölf Tafeln des Fragments aus Ninive und gliedert seine Comicversion dementsprechend in zwölf Kapitel. Sie beschreiben zunächst die despotische Herrschaft Gilgameschs über seine Stadt, erzählen parallel die Erschaffung des Naturmenschen Enkidus, der von einer Hure „gebändigt“ wird und nach Uruk zu Gilgamesch geführt wird.

Nach einer kämpferischen ersten Begegnung freunden sich die beiden Ebenbürtigen an und bestehen gemeinsame Abenteuer, bezwingen Chumbawa, den Wächter des Zedernwaldes und den Himmelsstier. Nach Enkidus Siechtum und Tod irrt Gilgamesch umher und möchte vom göttlichen Utnapischtim (der in der Bibel Noah heißt) wissen, wie er ebenfalls unsterblich werden kann.

Jens Harder hat bereits in seinen vorigen Arbeiten bewiesen, dass er Frühe Geschichte und Kultur überzeugend in Comicform übertragen kann: In den monumentalen Bänden „Alpha. Directions“ (2009) und „Beta ...civilizations. Volume 1“ (2014) hat er sich anspielungsreich mit der Erd- und Menschheitskulturgeschichte beschäftigt, indem er mittels innovativer und assoziativer Bilder-Montage den Bogen vom Urknall zur Gegenwart schlug. Das Projekt soll 2020 mit dem zweiten „Beta“-Band fortgesetzt werden und mit „Gamma“ enden.

Von der erdigen Farbe der Tontafeln inspiriert: Eine Bildfolge aus Jens Harders "Gilgamesch".
Von der erdigen Farbe der Tontafeln inspiriert: Eine Bildfolge aus Jens Harders "Gilgamesch".Foto: Carlsen

Mit dem Intermezzo „Gilgamesch“ setzt der 1970 geborene Berliner Zeichner erstmals auf eine lineare, von einem Helden getragene Geschichte. Auch hier fühlt er sich wie ein Bild-Archäologe bestens in eine vollkommen versunkene Epoche ein, verzichtet aber auf die Montage konträrer oder anachronistischer Elemente und darauf, den mythischen Text in irgendeiner Form zu „modernisieren“ oder gar dem heutigen Geschmack anzupassen.

Vielmehr hat sich Harder von der überlieferten Kunst und Ästhetik des mesopotamischen Raums zur Zeit der Entstehung des Epos inspirieren lassen - von Tontafeln, Rollsiegeln, Plastiken, insbesondere aber von Reliefdarstellungen, die häufig Szenen mit Herrscher- oder Götterdarstellungen aneinanderreihen. Harder wählt also den der Comic-Kunstform verwandten Relieffries bzw. Bilderfries als adäquate Form aus, um einen Comic zu kreieren, der – zumindest auf den ersten Blick - selbst aussieht wie aus ocker-sandigem Ton gehauen.

Die typische flächige Ästhetik altbabylonischer Relief-Darstellungen, die Figuren fast ausschließlich in Seiten- oder Frontalansicht zeigt, erreicht Jens Harder allein mit den Mitteln des Zeichenstifts (sowie wohl digitaler Kolorierung der Bilder), wobei der Leser trotzdem wahrnimmt, dass die Bilderfolgen keine echten Reliefs sind, sondern deren Look in dezenter ironischer Brechung imitieren.

Die neuen, vollständigsten Übersetzungen wurden ignoriert

Der Text wiederum wird ausschließlich unter die Bilder gesetzt und besteht aus älteren Gilgamesch-Übersetzungen (von Albert Schott, 1934, und Hartmut Schmöckel, 1966) sowie ergänzenden Erzähltexten, die wohl von Harder selbst stammen.

Gegen die verwendeten, leicht altertümelnden Übersetzungen ist nichts einzuwenden, jedoch ist der Umgang mit dem Text insgesamt nicht ganz zufriedenstellend. Auf einigen Seiten ist nicht eindeutig, in welcher Reihenfolge die Bilder zuerst gelesen werden sollen, wodurch auch die Texte in Unordnung geraten. Dadurch ist nicht immer klar, welche der Figuren gerade spricht oder ob es sich um einen ergänzenden Text handelt.

Ebenfalls störend ist das zu kleine und zu eng gesetzte Maschinen-Schriftbild der Texte, das besser durch ein gut leserliches, größeres Handlettering ersetzt worden wäre, um den Lesefluss zu gewährleisten, den das Epos trotz seines fragmentarischen Charakters in allen bekannten Übersetzungen besitzt.

Solche überflüssigen Stolpersteine hätte ein gutes Lektorat verhindern können, und so die Lesbarkeit und Verständlichkeit des Comics mit wenigen Änderungen verbessern können. Hinzu kommt, dass Jens Harder bewusst auf veraltete Übersetzungen zurückgegriffen hat (neben einer moderneren von Raoul Schrott von 2001, die umstritten ist), aber die neuesten, vollständigsten Übersetzungen des Epos vollkommen ignorierte.

Jens Harder.
Jens Harder.Foto: Carlsen

Hier ist vor allem die verdienstvolle Neuübersetzung des Assyriologen Stefan M. Maul zu nennen, die bereits 2005 erschien (bei C.H. Beck) und mehrmals überarbeitet wurde. Diese Übertragung stützt sich auf die neueste wissenschaftliche Edition des Londoner Altorientalisten Andrew R. George von 2003 und erweitert diese noch um fünf weitere gefundene Textfragmente.

Hätte Harder diese Neuübertragung und -kommentierung des Epos gelesen, wären manche inhaltliche Unklarheiten aus den älteren Fassungen womöglich zu beheben gewesen. Insbesondere in Harders Adaption der zehnten Tafel, als Gilgamesch dem Fährmann Urschanabi begegnet und mit ihm das Totenmeer überqueren will, ergeben sich für den Leser einige Irritationen, die aber in der sorgfältigen und erweiterten neuen Übertragung dieser spannenden Szene plausibel werden: Bei Harder tötet Gilgamesch die sogenannten „Steinernen“ in einem Wald, während Urschanabi am Ufer ist. Für den Leser bleibt unverständlich, welche Bedeutung die Steinernen haben und warum sie sich im Wald aufhalten, während ihr Herr Urschanabi nicht mal in der Nähe ist.

Aus der Neuübersetzung geht aber hervor, dass die steinernen Wesen zusammen mit Urschanabi Zedernholz sammelten, um daraus Stocherstangen zu bauen, mit denen sie sich am Meeresboden abstoßen, um so das todbringende Meer zu durchqueren. Urschanabi hätte sich ebenfalls im Wald aufhalten müssen und - nicht wie bei Harder - entfernt am Strand, er kämpfte gegen Gilgamesch, während die Steinernen das Boot sicherten und auch das Meer sich gegen Gilgamesch erhob. Urschanabi unterliegt schließlich Gilgamesch, da er von ihm in den Schwitzkasten genommen wird. Die Szene wäre also insgesamt vielgestaltiger und spannender ausgefallen, so bleibt sie unklar und skurril.

Die Adaption macht neugierig auf das Original

Auch wenn Jens Harder vielleicht manche Unverständlichkeiten mit dem fragmentarischen Charakter des Ursprungstextes begründen könnte, ist doch zu bemängeln, nicht alle verfügbaren Quellen wie diese von Maul herangezogen zu haben. Das geht auch aus seinem (ebenfalls in viel zu kleiner, eng gesetzter Schrift) Nachwort hervor, in dem alle Quellen genannt werden. Auch ist seine Version ja keine freie Interpretation des Epos, sondern vielmehr der Versuch einer detaillierten Illustration des Epos, die möglichst anschaulich sein sollte.

Die durch den ganzen Band sich ziehende Sepia- bzw. Ocker-Kolorierung, die sich wohl an der erdigen Farbe der Tontafeln orientiert, auf denen das Epos überliefert ist, ist auf Dauer auch etwas eintönig und hätte einige Variation zur Unterstützung unterschiedlicher Stimmungen vertragen können - und um erzählerische Höhepunkte hervorzuheben.

Das Cover des besprochenen Bandes.
Das Cover des besprochenen Bandes.Foto: Carlsen

Auch gerät die Seitenaufteilung etwas zu gleichförmig – warum gibt es nicht etwa in dem in der Dichtung atemberaubenden Kampf gegen den Wald-Wächter Humbaba größere Splash-Panels, die die Bedeutung des Geschehens gegenüber alltäglicheren Szenen abheben? Gestrichelte Linien zwischen einzelnen Panels kennzeichnen wiederum einige erzählerische Lücken im Text - deren Einsatz ist jedoch recht beliebig (die beispielhafte Szene um die Steinernen ist nicht so gekennzeichnet), leere Panels hätten überzeugender das Lückenhafte ausdrücken können.

Im Großen und Ganzen gelingt Harder nichtsdestotrotz eine grafisch beeindruckende wie ästhetisch kompromisslose Version des für heutige Leser fremd und zugleich faszinierend anmutenden Gilgamesch-Epos, das sich von bereits vorhandenen Comicversionen durch hohe Textnähe und seine antikisierende Ästhetik abhebt (2010 erschien bereits eine „Graphic Novel“-Version von Burkhard Pfister, die mit aufwendigen illustrativen Elementen arbeitet; eine zweibändige französische Comicalben-Reihe von Gwen De Bonneval/Frantz Duchazeau von 2004/5 ist im Stil der Gruppe „L´Association“ gezeichnet).

Die poetische Kraft des Ursprungstexts erreicht Jens Harder durch manche ironische Brechung sowie einige Holprigkeiten in der Bild-Textverknüpfung nicht. Aber er macht mit seiner inspirierten Adaption neugierig auf das Original und seinen vielschichtigen Inhalt.

Jens Harder: Gilgamesch. Carlsen Verlag, 144 Seiten, 24,99 €.

Empfehlungen zur weiteren Vertiefung ins Thema:
Stefan M. Maul, Das Gilgamesch-Epos. 7. Auflage 2017. C. H. Beck Verlag, 192 Seiten, 19,95€
Manfred Krebernik, Götter und Mythen des Alten Orients. 2012. C. H. Beck Wissen, 128 Seiten, 8,95 €

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