„Girlsplaining“ von Katja Klengel : Ungeschminkt und unrasiert

Katja Klengels feministische Kolumnensammlung „Girlsplaining“ vermittelt nuancierte Gedanken auf äußerst unterhaltsame Weise.

Marie Schröer
Witty in Pink: Eine Szene aus „Girlsplaining“ (für Komplettansicht auf das Plus-Symbol klicken).
Witty in Pink: Eine Szene aus „Girlsplaining“ (für Komplettansicht auf das Plus-Symbol klicken).Foto: Reprodukt

Seit die Publizistin Rebecca Solnit vor zehn Jahren den Begriff „Mansplaining“ prägte, ist er in aller Munde. Warum? Weil das Kunstwort so plakativ wie präzise eine Situation beschreibt, die den meisten von uns bekannt sein dürfte: Ein Mann erklärt ungefragt die Welt und schert sich herzlich wenig um das Vorwissen der (oft weiblichen) Zuhörerinnen.

In Katja Klengels Kolumnensammlung „Girlsplaining“ wird der Spieß umgedreht, mit einem entscheidenden Unterschied. Die feministischen Comic-Essays dokumentieren das wachsende Selbstbewusstsein der Autorin, verzichten aber auf den Duktus der Selbstgerechtigkeit. Das probate Mittel dagegen sind nuancierte Gedanken, die äußerst unterhaltsam vermittelt werden.

Der autobiografische Ansatz sorgt für ungeschminkte Authentizität und Autorität; Exkurse ins Fantastische, Zitate aus Hoch- und Populärkultur und vor allem die gehörige Portion Selbstironie sorgen für gute Stimmung.

Besuch vom Geist der verrosteten Rasierklinge

Klengels Talent für subtile (Tabu-)Brüche lässt sich bereits vom Cover ablesen. Zu sehen sind fünf adrett gekleidete Mädchen. Erst die genaue Betrachtung der bonbonfarbenen Pausenhof-Idylle sorgt für Irritation. Vier der Mädchen schauen fasziniert auf die Fünfte. Ihren Blicken folgend, sehen wir ein gelüpftes Kleid und entdecken eine am Boden liegende Unterhose.

Die Lektüre einer der sieben Kolumnen liefert das Kontextwissen. Der titelgebende „Geist der verrosteten Rasierklinge“ ist es, der der nunmehr erwachsenen Autorin, frei nach Dickens, die Augen öffnet. Gemeinsam mit der imaginierten (und ordentlich beinbehaarten) Mentorin (ja, der Geist ist eine „Sie“) rekapitulierte Klengel, wie das Diktat der Haarentfernung ihren Alltag als Heranwachsende prägte.

Das Cover des besprochenen Buches.
Das Cover des besprochenen Buches.Foto: Reprodukt

Die junge Katja wurde auf einer Klassenfahrt aufgefordert, den körperlich weniger entwickelten Mitschülerinnen ihren Haarwuchs zu präsentieren. Nachzulesen sind nicht nur die traumatisierenden Reaktionen der Peergroup, sondern auch der Gegenentwurf: Was hätten die Mädchen sagen können, wäre die Welt eine andere?

Behaarung, Menstruation, Reproduktionspflicht, weiblicher Orgasmus, gegendertes Spielzeug: Wer jetzt denkt, dazu sei alles gesagt, dem sei die Lektüre dringend ans Herz gelegt. Klengel kann für die Lesenden leisten, was dem „Geist der verrosteten Rasierklingen“ im Comic gelingt. Sie schärft den Blick für Schieflagen. Die undogmatische und verspielte Herangehensweise, ihr Gespür für Komik und Tempo schaden der Sache nicht. Im Gegenteil.

Katja Klengel: Girlsplaining, Reprodukt, 160 Seiten, 18 Euro.

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