Von Alan Moore bis Erik Kriek

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Horrorautor H. P. Lovecraft im Comic : Sex and Drugs and Cthulhu
Erik Wenk
Nah am Original: Eine Seite aus Erik Krieks „Vom Jenseits und andere Erzählungen“.
Nah am Original: Eine Seite aus Erik Krieks „Vom Jenseits und andere Erzählungen“.Foto: Avant

Eine sehr freie Interpretation des Cthulhu-Mythos und besonders der Erzählung “Schatten über Innsmouth” haben Alan Moore und Jacen Burrows („The Courtyard“) in einer zwischen 2010 und 2011 entstandenen Mini-Serie abgeliefert: In „Neonomicon“ stoßen zwei FBI-Agenten bei ihren Nachforschungen über eine Reihe von Ritualmorden und einen wahnsinnig gewordenen Kollegen auf den „Esoterischen Orden von Dagon“. Dieser veranstaltet Sexorgien mit humanoiden Fischwesen, in die auch die Protagonisten bald hineingezogen werden.

 Der Klappentext bringt die Grundidee von „Neonomicon“ auf den Punkt: „Aus den ‚blasphemischen Riten’ von einst wird endlich das, was der schüchterne Herr aus Providence immer damit gemeint hat: Sex mit großen schleimigen Monstern!“ Dementsprechend explizit geht es in dem Mystery-Horror-Thriller zu.

Originell, aber konträr zur Vorlage

 Moores Ansatz ist zwar originell, läuft jedoch Lovecrafts Vorstellung von Horror völlig zuwider: Für diesen erwuchs das Grauen gerade nicht aus der direkten Darstellung und Benennung des Abscheulichen, sondern aus dessen schierer Unfassbarkeit, an welcher die geistige Gesundheit von Lovecrafts Protagonisten regelmäßig zugrunde geht. Die suggestive Andeutung, das bewusste Im-Dunkeln-lassen der Blasphemien, die Albtraum-Orte wie Innsmouth, Arkham oder Dunwich heimsuchen, macht die eigentliche Qualität von Lovecraft aus.

 Abgesehen davon ist der Comic auch sonst etwas lieblos geraten, auch wenn die Story wie bei Moore üblich voller Anspielungen auf Lovecrafts Werke steckt (so taucht etwa eine Rock-Band namens „The Ulthar Cats“ auf). Die unspektakulären Zeichnungen von Burrows tun ihr übriges. Moores Aussage, er habe den Comic vor allem gemacht, weil er gerade Geld brauchte, ist nicht unbedingt als Scherz zu verstehen.

Nyarlathotep, mach meine Hausaufgaben!

Ähnlich unkonventionell, aber in ganz anderer Hinsicht, gehen die Spanier José Oliver und Bartolo Torres mit dem Horror-Autor um: Der Funny-Strip „Der junge Lovecraft“ aus dem Jahr 2013 zeigt erneut, welche Faszination dessen Biographie auf viele seiner Fans ausübt, denn hier ist Lovecraft – als Kind – selbst die Hauptfigur. In einem Manga-beeinflussten Zeichenstil zeigen Oliver und Torres den Eigenbrödler als altklugen Bücherwurm und Muttersöhnchen, der versucht Schulhofschlägern und Mathe-Hausaufgaben mit der Beschwörung okkulter Dämonen zu begegnen.

 Entstanden war die Idee schon 2004: Zunächst als Webcomic veröffentlicht erfreute sich der Strip wachsender Beliebtheit und wurde auch von diversen Zeitungen abgedruckt. Mittlerweile liegen drei Sammelbände vor, auf Deutsch ist bislang nur der erste erschienen.

Auch neue Figuren werden eingeführt

   Man muss kein ausgewiesener Lovecraft-Kenner sein, um alle Witze zu verstehen, die Autoren beziehen sich nur lose auf die Geschichten und führen auch gänzlich neue Figuren ein: Zum Beispiel einen rüpelhaften Werwolf-Ghoul, den Lovecraft unfreiwillig als Haustier akzeptiert, oder das Gothic-Mädchen Siouxie, das – welch ein Horror für den jungen Nerd! – gerne mit Lovecraft befreundet sein würde. Nebenbei werden auch noch sämtliche Klassiker der Weltliteratur von Dracula bis Macbeth durch den Kakao gezogen und mit einem typischen Lovecraft-Ende versehen.

 Lovecraft-Fans werden schmunzeln, aber man hätte aus dem witzigen Ansatz durchaus mehr machen können. Die Pointen sind oft recht lau, auch wenn immer wieder schöne Ideen aufblitzen: etwa, dass Lovecraft beim Scrabble-Spielen auf die unaussprechlichen Namen seiner außerirdischen Gottheiten gekommen ist („Zxlygstnh – 82 Punkte und dreifacher Wortwert!“).

Werkgetreuer Einstieg: Erik Kriek 

Im selben Jahr veröffentlicht wurde „Vom Jenseits und andere Erzählungen“ des niederländischen Zeichners und Illustrators Erik Kriek, der vor allem für seine wortlose Comic-Serie „Gutsman“ bekannt ist. Der Band beinhaltet mit „Die Farbe aus dem All“, „Der Außenseiter“, „Dagon“, „Vom Jenseits“ und „Schatten über Innsmouth“ einige der berühmtesten Geschichten des Autors.

 Im Zentrum steht natürlich letztere Erzählung, die längste des Bandes: Ein junger Reisender stößt auf die verfallene Hafenstadt Innsmouth, dessen degenerierte Bewohner einen Pakt mit einer Rasse von Fischwesen geschlossen haben und bald Jagd auf den neugierigen Besucher machen; „Dagon“ schließt inhaltlich daran an.

Die Optik erinnert an Charles Burns 

Kriek setzt dies alles mit seinem sorgfältigen, realistischen Stil in Szene, der gelegentlich an die beunruhigende Schwarz-Weiß-Optik eines Charles Burns erinnert. Allerdings wirken die Zeichnungen in ihrer akzentuierten Klarheit gelegentlich etwas unpassend für die Geschichten, die vor allem von ihrer Atmosphäre und weniger von naturalistischer Darstellung leben. 

 Der Zeichner bekennt selbst, er habe sich mit diesem Buch einen lange gehegten Traum erfüllt. Dies merkt man seinem Comic durchaus an: Kriek ist von den hier vorgestellten Adaptisten der konventionellste und werkgetreueste, auf dem Einband zu „Vom Jenseits“ steht daher auch respektvoll „… bearbeitet und illustriert von Erik Kriek“. Anders als Kleist oder gar Moore erzählt er die Geschichten so, wie sie in den Büchern stehen und nutzt dafür zum Teil auch die entsprechenden Textpassagen. Aber gerade deshalb ist der geschmackvoll aufgemachte Band, der neben den Comics auch noch einen kurzen aber aufschlussreichen Essay über Lovecraft enthält, vor allem für Lovecraft-Unkundige ein guter Einstieg in dessen Werk.

 Reinhard Kleist: Lovecraft, 1994 Feest/Ehapa, 80 Seiten, farbig und schwarz-weiß, nur noch antiquarisch erhältlich

Reinhard Kleist: Das Grauen im Gemäuer – Neue Lovecraft-Geschichten, 2002 Edition 52, 48 Seiten, schwarz-weiß, 12,50 Euro

Alan Moore & Jacen Burrows: Neonomicon, 2011, Panini, 144 Seiten, farbig, 16,95 Euro

José Oliver und Bartolo Torres: Der junge Lovecraft, 2013, Diaboló Comics, 104 Seiten, farbig, gebunden, 14,95 Euro

Erik Kriek: Vom Jenseits und andere Erzählungen, 2013, Avant-Verlag, 112 Seiten, schwarz-weiß, 19,95 Euro

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