Im Horror-Haus von Leipzig : Die Geister der Vergangenheit

Der Comic „Das Fleisch der Vielen“ von Kai Meyer und Jurek Malottke ist solide Horror-Unterhaltung, als politische Allegorie aber unausgegoren.

Jeff Thoss
Die Gefahr lauert in der Masse: Eine Seite aus „Das Fleisch der Vielen“.
Die Gefahr lauert in der Masse: Eine Seite aus „Das Fleisch der Vielen“.Foto: Splitter

Ein Paar sucht Zuflucht in einem alten, verfallenen Hotel und gerät unvermittelt in ein Geisterhaus. Das Szenario könnte traditioneller nicht sein, doch „Das Fleisch der Vielen“ verpasst dem Schrecken einen zeitgemäßen Anstrich.

Die beiden, die sich an den Spukort verirren, waren eben noch auf einer turbulenten Großdemo in Leipzig, bei der sich Neonazis und Antifa gegenüberstanden. Tim und Jana stammen aus der Hausbesetzerszene. Nachdem ihnen eine Gruppe Rechter den Weg versperrt, sehen sie keinen anderen Ausweg, als sich in das mit Holzbrettern verschlagene Astoria zu zwängen.

Das Grand Hotel Astoria – einstiges Aushängeschild der DDR, nach der Wende geschlossen und zum Spekulationsobjekt verkommen – bietet mit seiner wechselhaften Geschichte einen idealen Ort für Meyer und Malottkes Geschichte, in der die Geister der Vergangenheit sich mit den neu belebten Bedrohungen der Gegenwart kreuzen.

Menschenähnliche Umrisse im Wandputz

Zuerst werden allerdings Standardsituationen des Horrorgenres durchgespielt. Im Mittelpunkt steht Jana, die sich zu Beginn in der genderkonformen Rolle des ängstlichen und hilfsbedürftigen Mädchens wiederfindet.

Im Lauf der Handlung wird sie sich allerdings zunehmend von ihrem Beschützer Tim lösen beziehungsweise lösen müssen. In den verwinkelten Hotelgängen, die spiralförmig zu einem unbekannten Zentrum hinzuführen scheinen, treibt eine schemenhafte Gestalt ihr Unwesen, die menschenähnliche Umrisse im Wandputz hinterlässt. Daneben sorgen Haare für Schauermomente, Unmengen von Haaren, die in jeden Winkel vordringen und die Helden zu ersticken drohen.

Menschenähnliche Umrisse: Eine Seite aus „Das Fleisch der Vielen“.
Menschenähnliche Umrisse: Eine Seite aus „Das Fleisch der Vielen“.Foto: Splitter

Der Autor Kai Meyer geht die Sache routiniert an, die Show gehört jedoch dem Zeichner Jurek Malottke, der hier neben dem Phantastik-Veteranen debütiert.

Malottke nutzt gern eine reduzierte aber expressive Farbpalette sowie kontrastreiche Licht- und Schattenspiele und besticht insgesamt durch einen sehr dynamischen Stil. Seinem leicht nervösen Stift verdanken sich die oft nur skizzenhaften Zeichnungen, die den Schrecken eher erahnen lassen als dass sie ihn ausbuchstabieren.

Verteidigung der Individualität

Panelgröße und Seitenlayout werden beständig variiert, ebenso wie die Perspektive, die gelegentlich auch ähnlich einem Fischauge verzerrt wird. Allerdings überschlägt sich die Darstellungsweise an manchen Stellen, und man fragt sich, ob so viel Desorientierung wirklich noch zum Programm gehört.

Gegen Ende schleicht sich das Tagesgeschehen dann nochmal ganz direkt in den Comic. „Das Fleisch der Vielen stillt den Hunger des Kollektivs“ – unter diesem Slogan firmiert das Monströse im Hotel Astoria. Jana, die bislang gegen die „Gier des Individuums“ protestiert hat, ist gezwungen, ihre Weltanschauung zu hinterfragen.

Das Titelbild des besprochenen Bandes.
Das Titelbild des besprochenen Bandes.Foto: Splitter

Die Gefahr lauert bei Meyer und Malottke in der Masse, prinzipiell unabhängig ihrer politischen Couleur, aufgrund des Schauplatzes aber doch eher sozialistisch konnotiert. Dass es nicht diese Art von Kollektiv ist, die zuletzt vermehrt durch ostdeutsche Städte marschiert ist, scheinen die Schöpfer allerdings nicht bedacht zu haben.

Die Verteidigung der Individualität gegen eine amorphe Masse, die den Einzelnen zu verschlucken droht, mag löblich sein. Als politische Allegorie wirkt „Das Fleisch der Vielen“ jedoch bestenfalls platt und unausgegoren.

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Kai Meyer und Jurek Malottke: Das Fleisch der Vielen, Splitter, 96 Seiten, 19,80 Euro