Im Zwiespalt gegen die Klimakatastrophe : „Hätte ich die Macht, würde ich den Knopf drücken“

Lukas Jüliger erzählt in seinem neuen Comic „Unfollow“ von einem ökologischen Heilsbringer. Zeichnerkollege Andreas Hartung hat ihn dazu befragt.

Andreas Hartung
Öko-Influencer. „Unfollow“ handelt von einem jungen Mann namens Earthboi.
Öko-Influencer. „Unfollow“ handelt von einem jungen Mann namens Earthboi.Foto: Reprodukt

„Unfollow“ heißt die zweite große Veröffentlichung des 1988 geborenen Comiczeichners Lukas Jüliger. Nach seinem seltsam traurig-schönen Debüt „Vakuum“ erzählt Jüliger in „Unfollow“ vom Aufstieg einer ökologischen Bewegung unter Führung eines jungen Mannes namens Earthboi, welcher über erstaunlichen Fähigkeiten zu verfügen scheint.

Um ihn entsteht eine Art digitale Ökosekte, welche beginnt via Social Media Arbeit das Denken der Menschen zu beeinflussen . Für den Tagesspiegel sprach Andreas Hartung mit Lukas Jüliger über die Faszination von religiösen Kulten, über den Entstehungsprozess seines Buches – und darüber, ob es richtig ist, die Menschen zum Guten zu zwingen.

Andreas Hartung ist Illustrator und Comiczeichner und lebt wie Jüliger in Berlin. Aktuell arbeitet er an einer mehrteiligen Adaption von H. P. Lovecrafts Geschichte „The Colour Out Of Space“ als multimediales Comic- und Konzertprojekt.

Spoiler-Warnung: Im Interview werden einige zentrale Elemente der Handlung des Buches verraten.

Andreas Hartung: Die Klimakrise ist sicherlich die dringendste und bedrohlichste Herausforderung der heutigen Zeit. Wie bist Du auf die Idee gekommen, dieses Thema in Form einer religiösen Erlösungsgeschichte anzupacken? Wie hast Du diese Idee entwickelt?

Lukas Jüliger.
Lukas Jüliger.Foto: privat

Lukas Jüliger: Das war ein relativ organischer Prozess. Die Klimakrise ist für mich existent, seitdem ich existiere. Die ist immer im Hinterkopf und beschäftigt mich. Sie macht mich gleichzeitig sauer und ratlos. Deswegen lag es auf der Hand, das zu kanalisieren. Auf der anderen Seite habe ich eine Faszination für religiöse Kulte und charismatische Führer von Sekten und dergleichen. Das habe ich dann in meinem Kopf kombiniert.

Dadurch ist ja etwas sehr Zwiespältiges entstanden. „Unfollow“ erzählt einerseits vom Kampf gegen den Klimawandel – den man führen muss – und auf der anderen Seite geschieht dieses Sektenartige mit all seinen unangenehmen Nebenwirkungen. Wenn man sich zum Klimawandel äußern will, wäre es ja erstmal naheliegender gewesen, eine Geschichte von Umweltschutz oder Umweltzerstörung zu erzählen, was nicht diesen Beigeschmack hätte …

… sondern mit Ratio …

Genau: Die Umwelt stirbt und ich äußere mich dazu, weil es mir ein Anliegen ist.

Aber genau das mache ich mit dem Buch. Aber ich äußere mich emotional dazu. Meine Emotionen stecken darin. Das ist mega durchfühlt.

In welcher Form?

Ich glaube, es ist vor allem der Zwiespalt. Einmal die Wut auf die Menschheit, was sie treibt und was sie mit dem Planeten macht. Die Geschichte von „Unfollow“ kulminiert am Ende ja in einem sehr gewaltsamen Akt gegen die Menschheit. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite gibt es die Figur der Yu, welche die Ratio und den konstruktiven Weg nach vorne repräsentiert, was ja die einzig sinnvolle Antwort auf die Klimakrise ist.

Illustration: Lukas Jüliger / Reprodukt

Ich muss gestehen, dass ich am Anfang etwas enttäuscht vom Buch war, da es sich erst wie eine vollkommen undistanzierte, religiös-ökologische Erlösungsgeschichte liest. Es gibt keine aktive Handlung, keine wörtliche Rede, und das Geschehen wird nie kritisch reflektiert. In der Mitte des Buches dachte ich: „Scheiße, was ist, wenn ich hier das Buch eines naiven, leicht esoterischen Ökorevolutionärs in der Hand habe?“ Aber dann gibt es am Ende ein Umschlagen in der Handlung und es wird klar, warum der Text so ist, wie er ist. Anschließend muss der Leser eigentlich das vorher Erzählte nochmal hinterfragen und neu denken. Das ist recht raffiniert. Damit mutest Du dem Leser einiges zu.

Deine Enttäuschung bestand darin, dass Du anfangs dachtest, Du folgst vielleicht irgendeinem vollkommen Naiven?

Ja klar. So steht es ja erstmal da.

Das freut mich mega, dass du das so empfunden hast und meinst, dass man das Buch dann nochmal lesen muss, um im besten Fall das Ganze zu hinterfragen. Das war auch der Ansatz. Dass ich die Leserinnen und Leser für mich gewinne – beziehungsweise für die Hauptfigur Earthboi – und sie ihm folgen. Dann aber stellt sich heraus, dass sie seinen Jüngern folgen, die sein Narrativ schmieden, wo man sich am Schluss fragen kann: Ist das ihre Erzählung oder seine? Was von dem Erzählten stimmt und was nicht? Möglicherweise merkt man auf einmal: Ich bin hier gerade etwas gefolgt, das jetzt zu dieser Katastrophe geführt hat. Und ich habe gar nicht hinterfragt, was dahintersteht. Menschen verändern sich ja auch. Man folgt irgendwelchen Leuten und plötzlich passiert bei denen eine Entwicklung, die man selber so gar nicht nachvollziehen kann. Plötzlich stehen die für irgendwas ganz Anderes, aber man folgt denen immer noch und macht sich praktisch mitschuldig. Das finde ich interessant.

Earthboi verbreitet seine Botschaft über seine Social Media-Kanäle. So kommuniziert er auch mit seinen Anhängern. Welche gesellschaftliche Rolle könnten Influencer in der Zukunft spielen? Dass sie sich politisch gesellschaftlich einmischen, ist ja eine relativ neue Entwicklung. Hast Du da eine Vorstellung?

Illustration: Lukas Jüliger / Reprodukt

Ich glaube schon, dass sich das weiterentwickeln und verselbstständigen wird. Das ist ja auch … hmm … ist das eine Form der Demokratisierung?

Eigentlich schon, würde ich erstmal sagen …

Ja, eigentlich schon. Bis jetzt gab es Parteien in einem Parteiensystem und den Journalismus zur politischen Meinungsbildung. Und jetzt kommen die Influencer dazu. Ich glaube schon, dass das irgendwo hinführen könnte. Ich finde es fantastisch, was man 2019 beobachten konnte: dass es eine junge Generation mit einer alten aufnimmt. Es würde mich wundern, wenn das nirgendwo hinführen würde. Ja, Ich glaube, dass sich das verstärken wird.

Mittlerweile können wir auf eine lange Geschichte von Reform- und Alternativbewegungen zurückblicken. Wir können heute sehen, was sie ursprünglich wollten und was sie erreicht haben. Die Menschheit scheint aber kaum voranzukommen. Jede Lösung wirft neue Probleme und Fragen auf. Dabei drängt die Zeit. In „Unfollow“ tut der Erlöser Earthboi wissenschaftliche Wunder. Zum Beispiel züchtet er eine Alge, die keine ökologischen Probleme erzeugt, dafür äußerst nahrhaft ist und auch noch CO2 abbaut. Glaubst Du, dass es eine Sehnsucht gibt nach einem Erlöser, der für alles eine Lösung hat? Und diese Lösung ist klar, einfach und richtig. Spürst Du auch diese Sehnsucht?

Ja, das könnte sein. Diese (Er)lösung wäre auf jeden Fall eine große Erleichterung. Deswegen glaube ich schon, dass es in großen Teilen der Gesellschaft ein Bestreben dahin gibt. Wenn man sich anschaut, was für großen Zuspruch Leute, wie Elon Musk, der Chef von Tesla, bekommen. Der – wenn man davon absieht, was er an Kerosin verbrennt für irgendwelche Raketen – versucht, das Automobil zu revolutionieren. Ich glaube, dass es durchaus einen Wunsch und ein Bestreben danach gibt: nach diesem Rundumschlag. Aber den wird es wahrscheinlich nicht geben.

Nee, wird’s nicht …

Es passiert eher partiell an vielen Stellen etwas. Und das ist ja bündelbar. Earthboi fasst das zusammen.

Illustration: Lukas Jüliger / Reprodukt

Eigentlich kommt uns diese Sehnsucht ja erstmal aus einer anderen politischen Ecke bekannt vor. Und das Buch stellt die Frage, inwiefern man auch selber anfällig dafür ist und diese Sehnsucht hat.

Habe ich diese Sehnsucht? Ich weiß nicht. Ich habe die Sehnsucht nach einer guten Lösung für das alles. Dass ich besser schlafen kann. Aber ich weiß, dass das nicht durch einen Menschen geschehen wird und auch nicht sollte.

Ich habe eine Sehnsucht nach einer Lösung, aber nicht nach einem Erlöser. Und natürlich habe ich die Erfahrung, dass jede Lösung neue Probleme und Fragen mit sich bringt. Was die Lösung nicht unbedingt schlechter macht, sondern der Komplexität des Lebens entspricht. Und dann stirbt man irgendwann und die Nächsten machen dann weiter – und so entsteht Geschichte.

Genau, das ist so wie mit den Tabletten, die mein Großvater nimmt. Wo eine Tablette die Nebenwirkungen der vorherigen bekämpft und immer so weiter.

Ich stelle fest, dass die bereits etwas abgekämpfte mittlere Generation ein wenig müde und verzweifelt wirkt, weil alles so komplex ist und sich so wenig ins eindeutig Positive bewegt. Deswegen wird da ganz viel Hoffnung und Erwartung auf die sogenannte „Fridays for Future-Generation“ projiziert. Oft wirklich als Generation betitelt. Als würde man die Last abgegeben wollen. Weil man versagt hat und nun hofft, die neuen Leute hätten irgendwelche Geheimrezepte, mit denen dann doch nochmal alles zum Guten gewendet wird. Da steckt ja auch wieder diese Erlösungssehnsucht drin. Dass jemand kommt und das Unlösbare für einen löst. Fehlt den Menschen auf lange Sicht die Kraft sich mit der Komplexität der Probleme auseinanderzusetzen? Sie zu bewältigen?

Das Ursprungsproblem ist, glaube ich, wirklich die Einigkeit. Wenn sich alle einig wären, was das Ziel ist, welches die absolute Priorität hat, dann könnte man es anpacken. Dann wäre es überschaubarer. Wir konzentrieren uns jetzt alle darauf, den Klimawandel einzudämmen, und scheuen uns nicht gegenseitig, sondern sind uns einig: Das ist das Ziel! Dann wäre es realistisch …

Aber das ist ja eine Utopie.

Ja, das wird nicht passieren. Und deswegen bin ich sehr pessimistisch, um ehrlich zu sein. Die Gräben zwischen uns scheinen immer größer zu werden. Die Welt wird immer komplexer.

Das Titelbild des besprochenen Buches.
Das Titelbild des besprochenen Buches.Foto: Reprodukt

Die Erzählung lockt den Leser in eine Falle, denn vieles, was während der Handlung entsteht, findet man ja gut. Prinzipiell. Allerdings transportiert Earthboi seine Botschaft über eine Art Manipulation. Er beeinflusst die Menschen über eine App, die sie dahingehend beeinflusst, „das Richtige“ zu tun. Wie stehst Du zu der Frage: Ist es richtig, Leuten ein Handeln aufzuzwingen, wenn sie dann das Richtige tun? Weil wir ja keine Zeit mehr haben.

Das ist eine schwierige Frage … Ich glaube man sollte es trotzdem machen. (lacht) Da spricht aus mir der Fatalist. Oder der Fanatiker. Was ist das größere Ziel? Das Überleben der Natur oder der Gattung?

Die Natur überlebt ja so oder so …

Ja, meinst du?

Klar. „Das Leben findet immer einen Weg“, wie es in „Jurassic Park“ heißt. Irgendwas wird schon wachsen. Irgendwas wird schon krauchen.

Ja, aber vielleicht ist am Schluss alles so kaputt, dass nur eine digitalisierte Version, eine KI-Version von uns überlebt und Natur nur noch eine simulierte ist. Ich habe keinen Zweifel daran, dass die Menschheit überlebt. Aber ich mache mir wirklich Sorgen um die Natur und in welcher Form sie dann noch vorhanden ist. Die Sache ist, wir wollen eigentlich, dass das alles durch einen freien Willen passiert. Leute wie du und ich können nicht entscheiden: Das ist der richtige Weg. Eigentlich wissen wir, es wäre der richtige Weg, wenn jeder Mensch zu sich selbst, zur Erfüllung und zu einem nachhaltigen Leben finden würde. Du und ich würden wahrscheinlich sagen: Das IST der richtige Weg. Glückliche Menschen, Naturschutz und Nachhaltigkeit sind der richtige Weg. Aber das können wir ja niemandem aufzwingen. Das wäre ja dann keine Demokratie. Deswegen ist das eine sehr schwierige Frage … Wenn ich die Macht hätte (lacht) … dann würde ich aber wahrscheinlich den Knopf drücken und die Leute dazu zwingen.

Illustration: Lukas Jüliger / Reprodukt

Sollten wir uns trauen, die Lösung unserer Probleme der Technik – zum Beispiel einer KI – anzuvertrauen? Uns von der Technik optimieren lassen? Vielleicht wäre das ja ein Weg, wenn wir es selbst nicht schaffen.

Genau, es gibt eine Strömung, die dafür eintritt, dass die KI unsere Probleme löst –und dann gibt es die Leute, die sagen: Wenn die technologische Singularität eintritt, ist es einfach so unvorhersehbar, was danach geschieht. Es ist entweder total wundervoll und die KI ist so klug, dass sie eigentlich nur gute Entscheidungen treffen wird, die für ihre Selbsterhaltung und die der Menschheit die richtigen sind. Andere sagen: Die KI wird daran interessiert sein, sich selbst zu erhalten und den Human Error auszumerzen. Ich finde es spannend und gruselig zugleich. Es bedeutet riesige Chancen, aber ich kann mir auch sehr gute dystopische Szenarien vorstellen, die mir eher Sorge bereiten. Elon Musk zum Beispiel ist ja extrem besorgt über KI und die Singularität. Und der Typ ist ziemlich klug.

Der Text von „Unfollow“ ist, wie es religiöse Texte oft an sich haben, teilweise widersprüchlich. So kommt die Handlung mehrmals an Stellen, an denen die Erkenntnis und Transformation abgeschlossen zu sein scheint, und dann gibt es aber nochmal eine weitere Stufe des Plans. Am Ende, als alles gut läuft für die Bewegung, kommt es zur Entzweiung zwischen Earthboi und seinen Jüngern. Diese wollen noch einen Schritt weitergehen, obwohl es unnötig erscheint. Sie nehmen die Angelegenheit daraufhin selbst in die Hand und die Sache eskaliert. Ist das eine Anspielung darauf, dass der Mensch nie mit sich selbst zufrieden sein kann? Dass er es immer nur glaubt, und wenn er angekommen ist, muss er bald weiterziehen und wieder eine Firma gründen? Rettung ist also letztendlich doch nicht möglich?

Innerer Frieden ist nach allem, was ich so höre, das, was am nachhaltigsten zufrieden macht. Ich glaube, dem Menschen würde genau das reichen. Das ist natürlich kitschig konnotiert, aber durch Meditation ist ein nachhaltiger Zustand von Zufriedenheit zu erreichen, beziehungsweise von Leere und Nichts-mehr-Wollen. Ich glaube da muss der Mensch eigentlich hin. Das Immer-mehr-Wollen loszulassen. Aber es liegt in unserer Natur, dass nichts wirklich nachhaltig zufrieden macht, sondern wir immer das Nächste brauchen. Das Buch ist auch eine Anspielung darauf. Diese Kommune versucht ja, diesen Naturzustand zu erreichen. Eine Rückkehr zum Zustand des Jägers und Sammlers, was wohl nicht nur der nachhaltigste Lebensentwurf war, sondern der die Menschen auch am nachhaltigsten glücklich gemacht hat, falls man das messen kann … Ich war ja nicht dabei …

Illustration: Lukas Jüliger / Reprodukt

Niemand von uns war dabei …

Fünf Stunden Jagen und Kräuter sammeln und sich dann ausruhen. Und jetzt verbringen wir zehn Stunden gebeugt über dem Tisch und sind alle extrem ausgelastet und erschöpft. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch eine Eigenart, ein Instrument eines Kultes, dass es immer eine nächste Stufe gibt. Das der Prozess niemals abgeschlossen ist. Wenn du bei Scientology bist, gibt es immer eine nächste Stufe der Erkenntnis. Hubbard hat das immer weiter ausgebaut, um die Leute immer tiefer reinzuziehen. Das ist etwas sehr Typisches für einen Kult. Bei meiner Geschichte ist es so, dass die Jünger den Glauben an ihren Spiritual Leader verlieren, da bei diesem eine Transformation stattfindet, mit der sie nicht einverstanden sind. Weil er plötzlich andere Ziele verfolgt und nicht mehr an seine Ursprungsversion glaubt oder an das, was sie dafür halten.

Etwas löst dann diesen zerstörerischen Prozess aus. Und Earthboi hat das mit vorbereitet, weicht dann aber davon ab.

Diese Zerstörung war tatsächlich immer der Masterplan. Als er und die anderen sich das erste Mal in diesem Kinderheim treffen, teilt er seine Vision mit ihnen: eines Tages die Menschheit auszulöschen.

Ah … Das habe ich dann auch überlesen. Kann ich da schon drauf kommen, wenn ich das Buch noch mal lese?

Ja, Du meintest ja schon, es fordert den Leser. Das ist auch so gedacht. Das muss man verstehen wollen oder rausfinden wollen. Es wird einem nicht auf dem Silbertablett serviert.
Die Geschichte funktioniert aber auch trotzdem.

Aber dann ist es ja seltsam, dass in „Unfollow“ von der inneren Ruhe des Menschen geredet wird, denn wenn sich der Mensch aus dem Fenster stürzen soll, brauch er ja vorher auch keine Innere Ruhe mehr.

Ja, aber das ist der erste Schritt für die Mind Control.

Illustration: Lukas Jüliger / Reprodukt

Das Buch heißt ja interessanterweise auch „Unfollow“, was natürlich die Frage aufwirft, ob du quasi deinen Standpunkt zu der Art, wie der Prozess abläuft, direkt in den Titel gelegt hast, was man aber erst gar nicht mitbekommt, weil: Wer denkt schon an den Titel beim Lesen?

Ja, das soll schon ein bisschen so sein. Man ist da jemandem gefolgt, und dann passiert plötzlich diese Katastrophe – und man muss zurückblicken und feststellen: Wem bin ich da eigentlich die ganze Zeit gefolgt? Gleichzeitig steckt da auch dieser Aussteigeraspekt mit drin: In der Natur zu leben. Eine Einstellung, die auch in der Mitte der Gesellschaft immer mehr zunimmt. Zumindest glaube ich, das zu beobachten.

Die religiöse Anmutung wird dadurch verstärkt, dass wir die Figuren fast immer nur in ruhigen, fast statischen Bewegungen sehen. Es liegt eine große Ruhe und Poesie in den Bildern. War das Absicht? Oder ist das einfach deine Art die Dinge zu betrachten. Mit einer gewissen Zärtlichkeit?

Ich glaube, das kommt mir relativ natürlich. Ich habe auch in meinen anderen Büchern eher ruhige Aufnahmen. Ich sehe in meinem Kopf immer Kamerafahrten. Wenig Action ist auch wichtig. Das ist für mich wie ein Film, der vor meinem inneren Auge abläuft.

Es gibt ja auch Actionfilme …

(lacht) Es gibt auch Actionfilme. Aber nicht in meinem Kopf. Bei diesem Buch haben manche Bilder auch fast etwas Ikonenhaftes, was sehr gut zur Geschichte passt. Am Ende ist es ja fast so eine Art Evangelium.

Illustration: Lukas Jüliger / Reprodukt

Man kennt das ja auch von Jesus-Darstellungen. Der auf Bildern oft eine Handlung vollzieht, aber es ist immer eher statisch. Man sieht ihn nie hektisch rennen, weil er etwas vergessen hat.

Genau. Eigentlich ist es eine Bebilderung von ihrem Manifest. Dem Manifest der Jünger. Von ihrem Narrativ, das sie an sich reißen und auslegen, wie sie es für ihre Bewegung brauchen.

Es ist gibt zweimal diese Bilder von Earthboi, in denen er auf einmal fast nackt mit einem Kranz gekrönt dargestellt wird.

Das ist konkret das Erste, was er seinen jungen Anhängern mitgibt: Das werde ich eines Tages sein. Dieser messianische Junge, der alles verändert.

Das Buch besteht quasi nur aus zwei Farben: rosarote und blaue Farbtöne. Zum Anfang habe ich mich gefragt, ob es eine symbolische Ebene dafür gibt. Mittlerweile glaube ich aber, dass es eher eine Art von Tag und Nacht, Morgen- und Abenddämmerung ist. Was hat es damit auf sich? Wieso war dir das wichtig?

Genau. Blau ist Nacht. Das andere ist tagsüber. Was ich spannend finde: Ich habe eine Erzählung geschrieben, die zu 80 Prozent in der Natur stattfindet und trotzdem die Farbe Grün nicht verwendet. (lacht) Ich habe alles in diesen Rottönen getränkt. Damit versuche ich eine Schwere zu erzeugen. Das hat alles etwas von Dämmerung. So etwas Drückendes. Etwas Unheil- oder Hoffnungverheißendes. Das kann man sich dann aussuchen.

Illustration: Lukas Jüliger / Reprodukt

Und mehrfarbig war keine Option?

Wieso, es ist doch mehrfarbig?

Ja … bunt. Ich meine bunt.

Falls du mein erstes Buch „Vakuum“ gelesen hast, das war noch viel erdiger. Das waren mehr Farben, aber dafür viel entsättigter. Hier habe ich für meine Verhältnisse ordentlich auf die Tube gedrückt und versucht, mehr Kontrast zu schaffen. Ich bin mega zufrieden. Ich mag es richtig gerne.

Wie sah der Arbeitsprozess an dem Buch aus?

Ich habe 2017 sehr konzentriert angefangen, daran zu arbeiten. Davor über Jahre mir mal was aufgeschrieben, Gedankenschnipsel. Kleine Skizzen. Und 2018 habe ich dann eigentlich nur die Geschichte geschrieben. Zwischendurch mal ein wenig gezeichnet. Kleine Skizzen, die nur für mich verständlich sind. Neulich habe ich die Storyboards wiedergefunden. Das sind zwei DINA-4-Seiten, wo winzig klein die Seiten drauf gezeichnet sind, die niemand verstehen würde, der die Geschichte nicht gerade selbst schreibt. 2019 habe ich konzentriert angefangen zu zeichnen. Ziemlich genau um Januar.

Illustration: Lukas Jüliger / Reprodukt

Wie viele Seiten sind das genau? Das Buch hat ja keine Seitenzahlen

Es sind 168 Seiten mit Zwischenseiten. Aber es sind ganz viele Seiten rausgeflogen. Ich habe also mehr gezeichnet als das. Das Jahr 2019 habe ich nur gezeichnet. Dabei ist der Prozess so, dass ich den Text erst in Photoshop setze – gemäß dem winzigen Storyboard, das ich angefertigt habe. Davon mache ich Ausdrucke. Das ist dann eine Seite, wo so kleine Textblöcke sind. Zwischen diesen mache ich die Vorzeichnungen. Das Ganze pause ich anschließend durch, und das ist dann die Endzeichnung. Diese werden eingescannt und koloriert. Für die Kolorierung habe ich nochmal drei Monate benötigt.

Wie lange benötigst Du für eine Seite? Bei 168 Seiten – bleiben wir mal dabei – müsstest Du ja bei einem Jahr Zeit alle zwei Tage eine Seite fertig haben, wenn Du jeden Tag arbeitest.

Genau. Aber 2019 habe ich noch einen Nebenjob gehabt, und das war dann alles noch mal viel komprimierter. Es gab auch Tage, wo ich drei Seiten geschafft habe.

Du hast erzählt, dass Du die Seiten in Originalgröße angelegt hast, aber die sind ja teilweise sehr detailliert. Viel Natur und florales Dekor. Dann bist Du ein relativ schneller und souveräner Zeichner?

Ich glaube schon. Ich habe versucht, den Detailreichtum etwas runterzubrechen.

Hat nur so mittel geklappt.

Ja, hat nur so mittel geklappt. (lacht) Ich glaube, da komme ich auch nicht mehr raus. So funktioniert mein Kopf. Mir geht es jetzt auch ganz gut nach den zweieinhalb Jahren. Eigentlich müsste ich total erschöpft sein und alles hassen, aber ich bin ziemlich happy. Vielleicht bin auch einfach besser und nachhaltiger mit meinen Energien geworden. Aber ich muss etwas für meinen Rücken tun.

Gibt es Elemente in „Unfollow“, von denen Du meinst, dass man sie nur im Comic erzählen kann? Was zeichnet Deiner Meinung nach das Medium Comic gegenüber allen anderen Medien aus?

Ich finde das Medium ist nah am Film. Ohne die Musik. Man kann gut Spuren für die Leser legen, die sie dann später nochmal im nächsten Durchgang genießen können. Als Filmversion würde das Buch so aber nicht funktionieren. Man würde die Bilder sehen und ein Erzähler, der die ganze Zeit drüber liest. Das wäre eher ein anstrengender Film.

Es ist ja auch ein anstrengendes Buch …

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Freut mich. Aber in Filmform müsste die Adaption trotzdem anders aussehen. Im Buch jedoch funktioniert’s. Und das, was du gesagt hast – dass man es nach dem Lesen noch mal in die Hand nehmen muss, weil man vielleicht das Gefühl hat, etwas verpasst zu haben oder hinters Licht geführt worden zu sein ... Ein besseres Ergebnis kann ich mir nicht erhoffen.