Kleine Hexe Coco : Zauberhafte Zeichenkunst

Die Mangaserie „Atelier of Witch Hat“ erzählt, wie ein magischer Wunsch wahr wird. Zeichnerin Kamome Shirahama findet Inspiration bei Moebius, Mucha und Klimt.

Sabine Scholz
Aufs Papier gezaubert: Eine Szene aus „Atelier of Witch Hat“.
Aufs Papier gezaubert: Eine Szene aus „Atelier of Witch Hat“.Foto: Egmont Manga

Coco wünscht sich seit einer schicksalhaften Begegnung in ihrer Kindheit nichts sehnlicher, als zaubern zu können. Damals traf sie auf einem Jahrmarkt in der großen Stadt einen maskierten Zauberer, der ihr ein magisches Bilderbuch sowie Feder und Tusche als Zauberutensilien für jedermann verkaufte. Kurz darauf erfuhr sie allerdings, dass nur einigen wenigen als Hexe oder Zauberer geborenen Menschen das Privileg zukommt, Magie zu wirken.

Magische Momente: Eine Doppelseite aus „Atelier of Witch Hat“.
Magische Momente: Eine Doppelseite aus „Atelier of Witch Hat“.Foto: Egmont Manga

Coco ist inzwischen zu einer jungen Frau herangewachsen und hilft ihrer Mutter im Stoffgeschäft. Dort trifft sie auf den Magier Quiffrey, der zunächst als Kunde in Erscheinung tritt und wenig später anbietet, einen kaputten fliegenden Pegasuswagen zu reparieren. Coco soll dabei Schmiere stehen, damit niemand ihn beobachtet.

Die Versuchung, verstohlen zu schauen, ist allerdings viel zu groß für das Mädchen und so sieht sie, wie der Besucher seine Magie wirkt – mit Feder und Tusche zeichnet er schlicht ein Symbol und das war auch schon der ganze Zauber. Ist etwa alles wahr? Kann Coco mit ihrem magischen Bilderbuch, der Feder und der Tusche ebenfalls eine Hexe werden?

Verbotener Zauber verwandelt die Mutter in eine Statue

Gute Fantasy-Geschichten räumen ja bekanntlich erst mal die Erziehungsberechtigten aus dem Weg, um Platz zu machen für wahlweise Meister, Lehrer oder andere Kumpane. So auch in der Manga-Reihe „Atelier of Witch Hat“ (Egmont Manga, bislang 4 Bände, je 208/192 S., 7 €): Kamome Shirahama tötet die Mutter allerdings nicht einfach. Sie lässt ihr ein Schicksal als Steinstatue zukommen, denn Coco probiert natürlich kurz nach ihrer Entdeckung mit Feder, Tusche und Buch herum und wirkt unbeabsichtigt einen verbotenen Zauber.

Zaubern kann doch jeder: Eine Szene aus dem ersten Band der Reihe.
Zaubern kann doch jeder: Eine Szene aus dem ersten Band der Reihe.Foto: Egmont Manga

Mit den maskierten Magiekundigen vom Jahrmarkt, deren Ziel es ist, die Zauberei für alle zugänglich zu machen, gibt es sodann die passenden Antagonisten. Der gute Quiffrey, der zur rechten Zeit am rechten Ort war, nimmt Coco — nicht ganz uneigennützig —als Lehrling auf. Er beherbergt auch drei Gefährtinnen für sie in seinem Atelier: Die rational-unnahbare Liche, die freundliche, aufgeschlossene Tethia und die bärbeißige, begabte Agathe, deren Respekt erst verdient werden will.

Für die älteren Leser ist vor allem der kauzige Lehrmeister des Quartetts ein Gewinn, der selbst gern aus der Reihe tanzt. Abgesehen von der von ihr so ersehnten Ausbildung geht Coco die Aufgabe an, die unabsichtliche Verzauberung ihrer Mutter wieder rückgängig zu machen. Dafür benötigt sie allerdings die Beschreibung aus dem Kinderbuch, das bei dem Missgeschick ebenfalls abhandenkam. Das Abenteuer kann beginnen.

Inspiriert von Moebius, Alfons Mucha und Gustav Klimt

Kamome Shirahama ist eine erfahrene Zeichnerin und Fans klassischer US-Superheldencomics bereits als Variant-Cover-Zeichnerin bekannt. So schmücken ihre Illustrationen unter anderem einige Ausgaben von „Batgirl and the Birds of Prey”, „Wonder Woman #63“ und viele mehr.

In ihren kunstfertig getuschten, bewegungsreichen Bildern verzichtet sie auf die in japanischen Mangas meist unausweichlich zu findenden Rasterfolien. Die studierte Designerin setzt vielmehr auf lebendige Schraffuren, um ihren Bildern die Anmutung antiker Illustrationen zu verleihen wie sie kürzlich in einem Interview im „AnimaniA-Magazin“ erzählte. Als Einflüsse nennt Kamome Shirahama Moebius, Alfons Mucha und Gustav Klimt. Viele der in akribischer Handarbeit gestalteten Seiten zeigen prächtige Einzelillustrationen oder sind kunstvoll gerahmt.

Fortsetzung folgt: Das Cover des aktuellen vierten Bandes der Reihe.
Fortsetzung folgt: Das Cover des aktuellen vierten Bandes der Reihe.Foto: Egmont Manga

Die Geschichte selbst besteht aus traditionellen Coming-of-Age-Motiven, rasanten Action-Szenen und magischen Ideen wie Schreibfedern als Zauberwerkzeug, wundersamen Zauberstädten und fremden Wesen ¬wie dem Pinselwurm, die sich auch nach Harry Potter noch märchenhaft frisch anfühlen.

Kamome Shirahama arbeitet mit „Atelier of Witch Hat“ zwar erstmals im Fantasy-Genre, beweist aber ein Händchen dafür, bekannte Themen neu zu arrangieren. Getreu dem Motto: „Alles war irgendwie schon mal da - aber es kommt darauf an, was man damit macht!“, dem auch der deutsche Fantasy-Autor Markus Heitz folgt.

Kleine Hexen wie Coco gibt es übrigens im japanischen Popuniversum reichlich. Ob Kiki aus Ghiblis Anime-Märchen „Kikis kleiner Lieferservice“, Kurzzeitzauberschülerin Mary aus „Mary und die Blume der Hexen“, der Hexennachwuchs aus „Magical Doremi“ und „Little Witch Academia“ — sie alle haben meist eine Botschaft: Du kannst alles schaffen, wenn du dich reinhängst! Und mit der ambitionierten Identifikationsfigur Coco ist diese Welt der weiblichen Zauberlehrlinge wieder ein Stück reicher geworden.

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