Leseförderung : Was Comics für Bibliotheken bedeuten

Türöffner, Publikumsmagnet, ständig ausgeliehen: Bei vielen Büchereien ist der Comic fester Bestandteil. Dennoch gibt es Unterschiede - ein Rundgang durch Berlin.

Charlotte Bausznern
Volles Programm: Die Comic-Abteilung der Bibliothek am Luisenbad in der Badstraße in Berlin-Gesundbrunnen.
Volles Programm: Die Comic-Abteilung der Bibliothek am Luisenbad in der Badstraße in Berlin-Gesundbrunnen.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, wo die Comics in Ihrer Lieblings-Bibliothek stehen? In diesen Kisten, da, wo immer so wenig drin ist, weil ständig alles ausgeliehen ist? So wie in der Heinrich- Böll-Bibliothek in Berlin-Pankow. Hier sind die Comics das, was am besten läuft, die treiben die Ausleihzahlen nach oben. Da klebt zwar ein Schild im Erwachsenen-Comic-Bereich: „Comics sind nicht nur Sprechblasen!“ So als gäbe es nach wie vor genug Menschen, die da noch Erklärungsnotstand haben. Für die, die schon wissen, was sie lieben, ist von „Abrafaxe“ bis zu Arne Jyschs Adaption von Volker Kutschers Berlin-Krimi „Der nasse Fisch“ alles da – nur halt leider ausgeliehen.

„Woa, es gibt den Laden noch!“

Was Comics können, muss Sarah Wildeisen aus der Bibliothek am Luisenbad in Gesundbrunnen nicht mehr erklärt werden. Sie und ihr Team bieten einen vielfältigen Comicbestand an und sie locken das Publikum auch mit Verlagspräsentationen, Lesungen und Ausstellungen. Als Zerocalcare, der italienische Comic-Star, vergangenes Jahr für eine Lesung kam, mussten viele draußen bleiben. „Und trotzdem warteten alle ganz geduldig auf ihr Autogramm. Das war eine unglaublich gute Stimmung“, erinnert sich Sarah Wildeisen.

Nachwuchsförderung: Ein Blick in die Comic-Abteilung der Bibliothek am Luisenbad in Berlin-Gesundbrunnen.
Nachwuchsförderung: Ein Blick in die Comic-Abteilung der Bibliothek am Luisenbad in Berlin-Gesundbrunnen.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Neben Zahlenlieferant ist der Comic grundsätzlich Türöffner: „Comics sind niedrigschwellige Lese- und Schreibanlässe“, sagt Peter „Auge“ Lorenz. Er ist Mitgründer der Comic-Bibliothek Renate, die seit den 90er Jahren in der Tucholskystraße ihre Glastür öffnet. Für die Kinder aus den umliegenden Schulen, die nachmittags in den Panels versinken. Für Stammgäste und Laufkundschaft, und dann und wann für ein „Woa, es gibt den Laden noch!“. Auge Lorenz zeichnet, macht Workshops für Kinder und Erwachsene, und hat immer wieder Bibliotheken beraten. Die Regale der Renate sind zum Brechen übervoll, aus den Kisten quellen Serien, dahinten wartet die Fachliteratur auf jene, die noch Argumente brauchen für das Comic-Lesen.

Unschlagbare Kombination aus Bild und Wort

Argumente, wie sie Stefan Rogge längst verinnerlicht hat. Für den Leiter der Stadtbibliotheken Mitte ist der Comic natürlich auch ein probates Mittel der Lese- und Sprachförderung: „Mein Vater hat in der Textilindustrie gearbeitet, und ich konnte miterleben, wie sich viele Gastarbeitende damals die deutsche Sprache mit Comics erschlossen haben.“ Das gilt nach wie vor: Der Comic holt die Menschen ab mit seiner unschlagbaren Kombination aus Bild und Wort.

Türöffner, Publikumsmagnet, und dabei ungeheuer vielfältig, um nicht zu sagen: unübersichtlich. Als Ausdruck einer ausdifferenzierten Literaturgattung ist der Comic also selbstverständlich Bestandteil öffentlicher Bibliotheken. Welcher Comic in welcher Bibliothek landet, das entscheidet jede Bibliothek je nach Etat und gesellschaftlichem Auftrag. So kann die Amerika-Gedenk-Bibliothek mit ihrer umfassenden Sammlung glänzen, weil sich ihre Mittel auch aus ihren Aufgaben als Landesbibliothek generieren. Da wimmeln Comics in der Kinderabteilung, Comics in der Jugendabteilung, Comics in der Erwachsenenabteilung und dann gibt’s da auch noch, Luft holen, die 1001-Comic-Sammlung, die Paul Gravett folgt und die wichtigsten Erscheinungen seit den Anfängen des Comics chronologisch präsentiert. Stadtbibliotheken damit zu vergleichen, wäre ein bisschen so, wie Spätis mit einer Supermarktkette: Andere Zuständigkeiten, andere Aufträge, andere Etats, ein bisschen unfair.

„Der Einkauf soll kundenorientiert sein.“

Die Comicbestände der Stadtbibliotheken sind so unterschiedlich wie ihre Kieze und ihr Publikum. Sitzt jemand im Lektorat mit einer gewissen Vorliebe für Comics, zeigt sich das auch in den Regalen. Bert Henning vom Comic-Laden „Grober Unfug“ in Kreuzberg findet das gut so: „Der Einkauf von Comics soll kundenorientiert sein.“ Eine Statistik darüber, welche Comics in welchen Bibliotheken zu finden sind, gibt es nicht. Genauso wenig, wie es eine Statistik für die Krimi- oder die Autobiografien-Auswahl gibt. Zwischen dem Blick aufs Zielpublikum, der Vielfalt der Comic-Erscheinungen und den lokalen Möglichkeiten treffen die Bibliothekslektoren und -lektorinnen jeweils ihre Auswahl.

Nicht nur in der Bruno-Lösche-Bibliothek in Moabit setzt Martina Ulrich, die Lektorin für den Comic-Bereich, neben den gängigen Serien inzwischen auf Autorencomics oder Graphic Novels. Für Bert Henning und Magnus Weise aus dem „Groben Unfug“ bleibt dieser Begriff eher ein Marketingwerkzeug. Das hat zwar Leute an den Strand der Comic-Inseln geschwemmt, die da vorher keinen Fuß drauf gesetzt hätten – aber es teilt die Comic-Welt auch weiterhin in gut und schlecht. So ähnlich wie bei den Filmen, sagt Auge Lorenz: „Autorenfilme sind super; B-Filme nix für Schwiegermütter und Kinder.“

Kooperationen mit spezialisierten Buchhandlungen oder der Renate zahlen sich aus für die Bibliotheken. Das zeigt sich unter anderem in der Schiller-Bibliothek in Wedding: Ein reichhaltiger Manga-Bestand zieht das Publikum an. In der Bodo-Uhse-Bibliothek in Lichtenberg arbeitet Lisa Sieg, die vor einem Jahr ihre Ausbildung abgeschlossen hat, offensichtlich mit versierten Kenntnissen im Manga-Bereich. Und die Mangas, die laufen in Lichtenberg, so ähnlich wie die Defa-Filme. Vor kurzem hat die Bodo-Uhse-Bibliothek außerdem ein Comic- Projekt für Grundschulkinder begonnen.

Vielleicht wächst also gerade ein bibliothekarischer Nachwuchs heran, der gewissen Neigungen auch professionell nachgeht? Zu wünschen wär’s dem Comic. Und dem Nachwuchs unter den Leserinnen und Lesern – egal welchen Alters.

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