Männer, die sich Sorgen machen : Flucht in die Beliebigkeit

In ihrem Comic „Zuflucht nehmen“ nutzen Zeina Abirached und Mathias Énard das Potenzial ihres Themas nur ansatzweise.

Charlotte von Bausznern
Plakativ: Eine Seite aus „Zuflucht nehmen“.
Plakativ: Eine Seite aus „Zuflucht nehmen“.Foto: Avant

Auf der Flucht sind sie beinahe alle in diesem Comic: Ob vor Krieg und Zerstörung, vor sich selbst, vor gesellschaftlichen Zwängen oder ins Buch, und Ankommen ist dabei keiner wirklich gegönnt.

Zeina Abirached und Mathias Énard beginnen „Zuflucht nehmen“ (Avant, 345 S., 30 €), ihre erste gemeinsame, ziemlich umfangreiche Graphic Novel, mit der titelgebenden Zuflucht, die im Buddhismus der Beginn des buddhistischen Weges ist.

Da flüchtet sich Karsten lieber in ein Buch, statt Smalltalk mit Elke zu führen, die es ihm dafür viel zu sehr angetan hat. Elke flüchtet sich ins Sprücheklopfen in der Gemeinschaft von Freunden. Am Bratwurststand trifft Karsten Neyla, die aus Syrien geflohen ist. Und später liest Karsten weiter in diesem Buch, das von den Fluchten der Annemarie Schwarzenbach erzählt, oder besser gesagt: von ihrer Begegnung mit der Archäologin Ria Hackin in den 1930er Jahren in Afghanistan. Da standen die Buddhas von Bamiyan noch. Mit deren Zerstörung 2001 durch die Taliban endet „Zuflucht nehmen“. Mehrdeutigkeit mitbekommen?

Geschichten Geflüchteter kann es eigentlich nicht genug geben. Und nicht immer muss erzählt werden, warum und woher geflüchtet wurde. Die Geschichte von Neyla und Karsten beginnt vorsichtig, und wird, gerade als Karsten lernt, mit dem Rad direkt in Neylas Himmel zu fahren und syrische Gedichte zu sprechen, von Neyla wieder abgebrochen.

Ihr Abschiedsbrief ist vielleicht der stärkste Teil des Buches: Hier weben Abirached und Énard eine Erzählung aus Bild und Text, greifen Elemente wieder auf, und werden in ihrer Deutlichkeit vielschichtig traurig.

Steilvorlage für eine Fülle von Geschichten

Zeina Abirached’s Zeichnungen sind großflächig, loten das Schwarzweiß bis in seine Untiefen aus. Persepolis lässt grüßen. Bei manchen Figuren gewinnt der dermaßen reduzierte Strich von Abirached ein Mimenspiel, das verblüfft. Oft bleibt die Anordnung gleicher Gesichter und visueller Elemente in der Fläche jedoch plakativ.

Die größten Fragen stellen sich bei der Wahl der Figuren: Karsten, Neyla und Elke schimmern auf, ihre Biografie und ihre Begegnung würde weiter interessieren. Gerade Annemarie Schwarzenbach böte eine Steilvorlage für eine Fülle von Geschichten und Fragestellungen (schon fast ein bisschen gefährlich, so eine Steilvorlage).

Das Titelbild des besprochenen Buches.
Das Titelbild des besprochenen Buches.Foto: Avant

Aber sie wirkt in der geschilderten Episode ungeheuer beliebig. Schade, denn insbesondere die parallele Erzählung von Frauen wie Neyla und Annemarie Schwarzenbach könnte doch explosiv abgehen: Annemarie Schwarzenbach als diejenige, die ins Schreiben flüchtet, vor einer Gesellschaft und familiären Verhältnissen, die Einsamkeit und Fremde sucht, den Versuch wagt, in einem anderen Land zu leben, aus freien Stücken – oder zumindest „nur“ getrieben von der eigenen Sehnsucht, der eigenen Identitätssuche.

Buddhas, Gewitter und Skorpione

Und Neyla, die als Ingenieurin nach den Sternen strebt, die sich vor Krieg und Zerstörung retten muss. Die nicht zuletzt daran verzweifelt, dass die Fremde nur sehr bedingt Willkommen heißt und nicht immer vereinbar ist mit sich selbst.

Annemarie Schwarzenbach bleibt in diesem Comic eine Frau, die sich noch nicht einmal ansatzweise ähnlich sieht, und sich eben auf Reisen unterm Sternenhimmel, angesichts von Buddhas, Gewittern und Skorpionen, ein kleines bisschen verliebt.

Die Autoren des Comics weisen im Abspann des Buches darauf hin, dass weder sie, noch Ria und Joseph Hackin die 1940er Jahre überleben. Im direkten Vergleich zu einer Syrerin, die vermutlich den Großteil ihrer Familie verloren hat, ist das ist einfach zu wenig Auseinandersetzung.

Und die Liebe? Vielleicht ist „Zuflucht nehmen“ der ganz und gar unbuddhistische Versuch, in dem zerbrechlichen und unbeschreiblichen Gebilde „Liebe“ Zuflucht zu finden? Wenn, dann würde ich wirklich gerne erfahren, bildhaft und im Wort, was die Interessen, Leiden-Schaften und Wege vor und nach diesen in ihren Anfängen geschilderten Begegnungen wären. Denn das schafft „Zuflucht nehmen“ nicht: Der Comic bleibt in seinem wuchtigen Umfang dort stehen, wo die Anekdote beginnt.