Manga „Chiisakobee“ : Tradition mit Hipster-Faktor

Elegant und luftig wie ein traditionelles japanisches Haus: Minetaro Mochizukis Romanadaption „Chiisakobee“ entfaltet einen kontemplativen Reiz.

Barbara Buchholz
Blicke, Hände, Füße: Eine Seite aus „Chiisakobe“.
Blicke, Hände, Füße: Eine Seite aus „Chiisakobe“.Foto: Carlsen

Shigeji steht vor Trümmern: Seine Eltern sind bei einem Brand ums Leben gekommen, auch der Familienbetrieb, die Zimmerei Daitome in Tokio, ist zerstört. Der in sich gekehrte junge Mann entspricht mit seinen langen Haaren, Hipsterbart und Sonnenbrille nicht den Vorstellungen vom Chef eines Handwerksbetriebs (schon gar nicht den japanischen), aber er ist entschlossen, das Unternehmen seiner Eltern wieder aufzubauen. Und zwar, und das wiederum wirkt sehr japanisch, aus eigener Kraft und ohne durch Annahme von Almosen das Gesicht zu verlieren.

Im großen Elternhaus nimmt er Rizu, eine ebenfalls verwaiste Freundin aus Kindertagen, als Haushaltshilfe auf, und mit ihr fünf elternlose Kinder in ihrer Obhut. Regelmäßige Besucherin wird die hübsche Bankierstochter Yuko, die sich um die Erziehung der fünf widerspenstigen Gören kümmern soll. So beginnt der erste von vier Bänden des Mangas „Chiisakobee. Die kleine Nachbarschaft“ von Minetaro Mochizuki.

Aus der Edo-Zeit in die Gegenwart verlegt

Mochizuki, von dem auch die Postapokalypse-Serie „Dragon Head“ stammt, hat mit „Chiisakobee“ einen historischen Roman des japanischen Schriftstellers Shuguro Yamamoto aus dem Jahr 1957 adaptiert, dabei aber die Handlung aus der Edo-Zeit in die Gegenwart verlegt.

Schicksalsgenossen. Eine Doppelseite aus „Chiisakobe“.
Schicksalsgenossen. Eine Doppelseite aus „Chiisakobe“.Foto: Carlsen

Insgesamt passiert auf den mehr als 200 Seiten gar nicht so viel, so hat es den Anschein. Es geht vielmehr um die Beziehungen zwischen den zusammengewürfelten Schicksalsgenossen und darum, wie sie ihren Alltag bestreiten. Dabei liegt das Augenmerk auf den Details; kleine Ausschnitte füllen ganze Panels: Blicke, Hände und immer wieder Füße, unbekleidet, in Sandalen, Turnschuhe, Slippern, Pumps oder Wanderschuhen genauso wie Teekannen, Einkaufslisten, Aschenbecher, Sakeschälchen oder eine frisch gefüllte Bentobox.

Manga Metropolis - ein Tokio-Rundgang
Alltagskultur. Eine junge Mangazeichnerin arbeitet in einem Café an ihrem Werk.Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: Lars von Törne
10.11.2014 14:19Alltagskultur. Eine junge Mangazeichnerin arbeitet in einem Café an ihrem Werk.

Mochizuki verwendet ruhige, klare Linien, dazu hellgraue Rasterfolie, viel Weißraum und wenig dunkle Flächen. Seine Zeichnungen wirken elegant und luftig wie das traditionelle japanische Haus mit seinen papiernen Schiebetüren, um das herum sich Shigejis kleine Nachbarschaft entwickelt. Nicht zuletzt dadurch entfaltet die Geschichte in ihrem zurückgenommenen Tempo kontemplativen Reiz. Und am Ende des ersten Bandes möchte man durchaus wissen, was es mit dem Begriff „Chiisakobee“ auf sich hat.

Minetaro Mochizuki: Chiisakobee, Band 1, Carlsen Manga, 216 Seiten, 14,90 Euro.

Das Cover des besprochenen Bandes.
Das Cover des besprochenen Bandes.Foto: Carlsen

4 Kommentare

Neuester Kommentar