„Micky Maus - Café Zombo“ : Micky unter Arbeitslosen und Kaffee-Zombies

In dem Hommage-Comic „Micky Maus - Café Zombo“ verknüpft Régis Loisel die Depressionsära mit der Gegenwart - stilistisch wie inhaltlich.

Ds pure Grauen: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.
Ds pure Grauen: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.Foto: Egmont Ehapa

Deprimierender Alltag: Micky Maus und Rudi Ross stehen inmitten von Tagelöhnern in der Warteschlange eines Vorarbeiters und betteln um einen Job. Frustriert müssen sie abziehen, als sie aus hanebüchenen Gründen („zu groß“ - „zu klein“) für untauglich befunden werden...

Nanu? Micky ein Arbeitsloser? Hält die Wirklichkeit nun Einzug in die sonst so eskapistischen Disney-Comics?

Doch wie Jedemaus weiß, spiegeln auch Disney-Comics immer wieder gesellschaftliche Realitäten wider – man denke nur an das Arm-Reich-Gefälle innerhalb der Familie Duck.

Eine Verbeugung vor der Zeit der Stummfilme

Der Zeichner Régis Loisel wiederum – seit den 80er Jahren bekannt durch seine stilbildenden Fantasy-Comics („Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit“, „Peter Pan“, „Das Nest“, „Der große Tote“) - kehrt im gerade bei Egmont (innerhalb einer Reihe von Maus-Hommagen aus den Händen europäischer Zeichner) erschienenen Band „Micky Maus-Café Zombo“ zu den Wurzeln der Maus zurück. Der 1951 geborene Franzose siedelt seine Geschichte genau in jener Zeit an, in der die ersten Mickey-Mouse-Filme und Comics entstanden: Ende der 1920er Jahre, am Vorabend der Weltwirtschaftskrise in den USA, die geprägt war von Arbeitslosigkeit und bitterer Armut weiter Teile der Bevölkerung.

Schlechte alte Zeiten. Eine weitere Seite aus dem besprochenen Buch.
Schlechte alte Zeiten. Eine weitere Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Egmont Comic Collection

Loisel verbeugt sich in „Café Zombo“ in vielfältiger Weise vor dieser frühen, charakterlich noch wenig homogenen, aber umso lebendigeren Figur Micky Maus, wie sie bis etwa Mitte der 1930er Jahre dargestellt wurde, indem er etwa an Stummfilme erinnernde Zwischentitel einfügt und am Ende des Buches den gesamten Cast noch einmal vorstellt, als wären die Comic-Charaktere von Darstellern in einem Film verkörpert worden.

„Cartoons“ nannten sich in den USA damals die kurzen Animationsfilme, die als Vorfilme im Kino liefen. Mit dem Film „Steamboat Willie“ erreichte Micky Maus 1928 seinen Durchbruch im Kino, entworfen und gezeichnet wurde die Figur maßgeblich von Ub Iwerks.

Der immense Erfolg des Films basierte auch darauf, dass Produzent und Co-Maus-Erfinder Walt Disney die Entscheidung traf, ihn - im Gegensatz zu zwei zuvor produzierten, stummen Micky-Filmen - als animierten Tonfilm zu konzipieren, der den Rhythmus der gerade brandaktuellen Jazzmusik synchron in die Zeichnungen übertrug. Erst ab 1930 erschienen dann in Tageszeitungen die ersten Micky-Fortsetzungscomics des Zeichners und Szenaristen Floyd Gottfredson (1905-86), der den Charakter und den Stil der Micky Maus-Comics maßgeblich prägte.

Anarchischer, frivoler Slapstick-Humor

Auch wenn in den frühen Filmen und Comics der Unterhaltungswert immer im Vordergrund stand, schien doch bei genauerem Hinsehen das ärmliche, ländliche Milieu durch, in dem sich die Figurenschar um Micky bewegte. Die Freunde Micky, Minnie, Goofy und Co lebten in einfachen Holzhäusern auf dem Lande oder am Stadtrand, fuhren schrottreife Klapperkisten und trugen (wie im Falle von Goofy) geflickte Klamotten. Trotzdem genossen sie das einfache Leben in vollen Zügen, pfiffen und sangen etwa in den Filmen bei jeder Gelegenheit Jazz-Melodien.

So ist es nur konsequent und clever, dass Régis Loisel diesen Hintergrund der von anarchischem, frivolem Slapstick-Humor geprägten ersten Zeichentrickfilme und Comics direkt thematisiert.

Das Cover des besprochenen Buches.
Das Cover des besprochenen Buches.Foto: Egmont Comic Collection

In „Café Zombo“ leben Micky und sein Freund Rudi Ross in einer ärmlichen Siedlung am Stadtrand, wo auch ihre Freundinnen Minnie und Clarabella Cow sowie Goofy jeweils ein Häuschen haben. Die Romantik ihrer „Arm, aber glücklich“-Lebensweise wird in einer längeren Urlaubsepisode bebildert, in der die beiden Paare Donald Duck besuchen – eine Reminiszenz vor allem an den Trickfilm-Klassiker „Mickey´s Trailer“ von 1938, in dem Micky, Goofy und Donald campen gehen.

Nach dieser mit allerlei Slapsticks vollgepackten Ablenkung kehren sie in ihre Siedlung zurück und erleben das pure Grauen: während der weibliche Teil der Bewohner in ein Ferienlager umgesiedelt wurde, wandelt der verzweifelt arbeitssuchende männliche Anteil als Haufen willenloser Zombies umher, die stupide das Wort „Café“ vor sich hin murmeln und dabei eine Kaffeemühle drehen– darunter auch der arme Goofy.

Dahinter steckt ein rücksichtsloser Bauunternehmer, der kein Mittel scheut, um die ganze Siedlung plattzumachen und einen Golfplatz für die Reichen zu errichten. Kater Karlo und weitere Halunken sind ihm dabei behilflich. Die Bevölkerung wird dafür in vielfacher Weise ausgenutzt und überlistet.

Lust am Chaos

Régis Loisel gelingt eine originelle Hommage, die gewieft die Depressionsära mit der Gegenwart verknüpft: In Zeiten von Wohnungsmangel und einer größer werdenden Kluft zwischen Prekariat und reichen Bevölkerungsschichten wirkt „Café Zombo“ auf heutige Leser kein bisschen harmlos, die vorwiegend dunkle, schmuddelige Farbgebung unterstützt das.

In manchen Sequenzen überwiegt jedoch der pure Slapstick, die Lust am Chaos, was an die schönsten Trickfilme der 30er und 40er Jahre erinnert. Ähnlich wie in Lewis Trondheims und Nicolas Keramidas´ Hommage „Mickeys Craziest Adventures“ ist der Charakter von Micky hier deutlich grimmiger, ja aggressiver angelegt als man ihn kennt (auch dies eine Reminiszenz an seinen anarchischen Charakter der ersten Trickfilme). Und selbst die weiblichen Charaktere Minnie und Klarabella haben Ecken und Kanten, man könnte sagen sie haben „Haare auf den Zähnen“, manchmal gar „die Hosen an“, worunter einmal der gutmütige Goofy zu leiden hat.

Der französische Comiczeichner eignet sich den zeitlos-quirligen Zeichenstil der frühen Micky-Cartoons von Iwerks und Gottfredson geradezu perfekt an (hierin sogar noch überzeugender als sein Schweizer Kollege Cosey im ebenfalls gelungenen Vorgängerband „Mickys geheimnisvolle Melodie“) und verknüpft diesen mit seiner Vorliebe für Hintergründe voller verspielter Details und hemmungsloser Dynamik in den zahlreichen Slapstick-Action-Sequenzen.

Régis Loisels augenzwinkernde Hommage reicht bis ins Querformat des Bandes hinein: es entspricht etwa dem Zeitungsstripformat der ersten Micky-Comics.

Régis Loisel: Micky Maus - Café Zombo. Egmont Comic Collection, 80 S., 29 €

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