„My Father Never Cut His Hair“ : Erinnerungen aus dem Schuhkarton

Für die Bilderzählung „My Father Never Cut His Hair“ verarbeitet Peter Phobia die Geschichte seines Vaters. Das Ergebnis kann jedoch nicht überzeugen.

Diffuse Erinnerung: Eine Seite aus „My Father Never Cut His Hair“.
Diffuse Erinnerung: Eine Seite aus „My Father Never Cut His Hair“.Foto: Luftschacht

Eines steht fest: Er hat sich nie die Haare schneiden lassen. Was seinen Vater Rudy sonst ausmachte, das erzählt der deutsche, in New York lebende Künstler und Illustrator Peter Phobia in seinem Buch „My Father Never Cut His Hair“, das im Luftschacht Verlag erschienen ist.

Er macht sich daran, die Lebensgeschichte seines Vaters, zu dem er zwanzig Jahre lang kaum Kontakt hatte, aus einer Handvoll Erinnerungsstücke in einem Schuhkarton zu rekonstruieren. So heißt es zumindest im Buch.

Phobia ist 26 Jahre alt, als er dieses Projekt in Angriff nimmt – genauso alt wie sein Vater war, als dieser bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt wurde und große Teile seines Gedächtnisses verlor.

In ganzseitigen Illustrationen, die in zarten Rot- und Rosatönen gehalten sind, führt er Rudy als jungen Mann vor Augen. Diesen Bildern zur Seite gestellt sind große Blöcke mit englischsprachigem Text, in denen das Leben des Vaters von der Schulzeit bis zum Tag des Unfalls chronologisch und in einem fast sachlich wirkenden Ton dargelegt wird.

Vom Verlag als Graphic Novel verkauft

Vorangetrieben wird die Erzählung allein durch den Text, die Bilder stehen jedes für sich alleine und laden an keiner Stelle dazu ein, als Sequenz wahrgenommen zu werden. Das Buch wirkt daher auch nicht wie ein Comic, auch wenn es vom Verlag als Graphic Novel verkauft wird.

Hinzu kommt, dass die Bilder rein illustrativ sind und die Motive oft zu naheliegend und zu platt. So wird im Text beispielsweise berichtet, dass Rudy sich nach jahrelangem Sparen endlich ein Auto kaufen konnte und das Bild auf der gegenüberliegenden Seite zeigt ebendieses Auto.

In Bezug auf den Unfall heißt es „His youth was over and he couldn´t even remenber how it had happened“. Diesem Satz zur Seite gestellt ist ein Bild von verwelkenden Blumen in einer Vase.

In einem Interview erklärt Peter Phobia, dass er an der Beziehung zwischen Bild und Text und den Möglichkeiten beider Elemente sich zu ergänzen interessiert sei.

Ein weiteres Bild aus „My Father Never Cut His Hair“.
Ein weiteres Bild aus „My Father Never Cut His Hair“.Foto: Luftschacht

Solch eine produktive Ergänzung findet in „My Father Never Cut His Hair“ jedoch leider nicht statt. Seine Illustrationen greifen lediglich das auf, was im Text gesagt wird. Es gelingt ihm nicht, der Erzählung mit ihnen eine zusätzliche Dimension hinzuzufügen.

Und auch inhaltlich kann das Buch nicht überzeugen, das als Spurensuche daherkommen möchte, dafür jedoch zu wenig hinterfragt.

Natürlich muss man als Autor die Recherche, das zusammentragen von Informationen und die Lücken, die sich dabei zwangsläufig auftun in der Erzählung nicht zwingend thematisieren. Wenn man zu Beginn jedoch ankündigt, dass alles, worauf man seine Erzählung aufbaut in einen Schuhkarton passt, dann wirkt es mitunter merkwürdig, wenn die Geschichte allzu gleichmäßig dahinschnurrt.

Peter Phobia: My Father Never Cut His Hair, Luftschacht, 80 Seiten, 16 Euro

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Das Cover des besprochenen Bandes.
Das Cover des besprochenen Bandes.Foto: Luftschacht

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