Nacha Vollenweiders „Fußnoten“ : Erzählen in Exkursen

Nacha Vollenweider nähert sich in ihrem Debüt „Fußnoten“ der Form des Essays.

Gedankengang. Zwei Panels aus dem besprochenen Buch.
Gedankengang. Zwei Panels aus dem besprochenen Buch.Foto: Avant

Laut Verlagsankündigung hat Nacha Vollenweider mit ihrem ersten längeren, in Buchform erschienenen Werk „Fußnoten“ nichts weniger erreicht als ein neues Genre zu erfinden: den Comic-Essay. Ob man dem nun zustimmen möchte oder nicht – lesenswert ist der Comic der in Argentinien geborenen Zeichnerin auf jeden Fall.

Seine Struktur und damit auch der Titel ergeben sich aus einer Art Rahmenhandlung, in der man der Erzählerin in der S-Bahn in ihrer Wahlheimat Hamburg begegnet. Den größeren Anteil des Comics machen jedoch die Fußnoten aus, längere Einschübe, in denen sie immer wieder gedanklich abschweift und über die eigene Familiengeschichte nachdenkt, die eng mit der argentinischen Geschichte, besonders der Zeit der Junta Ende der 1970er und zu Beginn der 1980er-Jahre, verknüpft ist.

Abschweifungen mit Ankündigung

Oft sind es visuelle Anker, Muster oder Strukturen, die die Gedanken im Hier und Jetzt mit den Erinnerungen verbinden. In jedem Fall markiert ein kleiner Kreis mit einer Zahl in der oberen Ecke des Panels die Stelle, an der der jeweilige Exkurs verankert ist. Ein paar Seiten später wiederholt sich das Motiv dieses Panels dann in Form eines Foto-Negativs und markiert den Beginn des Einschubs. Zusätzlich findet sich am Ende eines jeden Exkurses eine schwarze Seite. Es ergibt sich also letztendlich eine sehr klare Struktur, die auch als klassische Gliederung in Kapitel funktionieren würde.

Zwischen Hamburg und Argentinien: Eine Doppelseite aus „Fußnoten“.
Zwischen Hamburg und Argentinien: Eine Doppelseite aus „Fußnoten“.Foto: Avant

Die Fußnoten sorgen nicht in dem Maße für eine Unterbrechung des Leseflusses, wie man es von der Lektüre wissenschaftlicher Texte kennt, bei denen man bei jeder Anmerkung entscheiden muss, ob man innehält, um die zusätzlichen Informationen zu erfassen oder erst einmal weiterliest und am Ende des Absatzes noch einmal zu der Anmerkung zurückkehrt.

In Vollenweiders Comic wirken die Fußnotenziffern am Panelrand eher wie Ankündigungen der Abschweifungen und sorgen dafür, dass sich ein gleichmäßiger Rhythmus zwischen Rahmenhandlung und Exkursen ergibt. Das funktioniert wunderbar, macht das Werk jedoch noch nicht unbedingt zu einem Comic-Essay, zumal man in einem klassischen Essay selten Fußnoten findet, hebt sich diese Gattung doch durch ihre stilistische Leichtigkeit von anderen wissenschaftlichen Texten mit ihren formalen Zwängen ab.

Suche nach den eigenen Wurzeln.

Essayistisch zu schreiben bedeutet, sich dem Gegenstand der Abhandlung aus einem persönlichen Blickwinkel zu nähern, verschiedene Perspektiven zu beleuchten und die Gedanken gewissenmaßen vor den Augen des Lesers zu entwickeln. Diese Charakteristik passt wiederum gut zu Vollenweiders Comic.

Die Auseinandersetzung mit der jüngeren argentinischen Geschichte hat immer Aufhänger in der Biografie der Erzählerin oder der ihrer Familienmitglieder. Ihre gedanklichen Exkurse thematisieren verschiedene Aspekte dieser Geschichte und erzählen so auch von der Suche nach den eigenen Wurzeln.

Selbstporträt der Autorin auf dem Cover des besprochenen Buches.
Selbstporträt der Autorin auf dem Cover des besprochenen Buches.Foto: Avant

All dies begegnet dem Leser in großen, schwarz-weißen Panels und einem äußerst gleichmäßigen Seitenlayout mit zwei oder drei Bildern pro Seite. Dieses Layout steht dem etwas sprunghaften Wechsel von persönlichen Erinnerungen zu Überlieferungen aus der Familiengeschichte, von historischen Anekdoten zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen entgegen.

Es gibt den Comic jedoch Struktur und zeigt, wie Nacha Vollenweider ihre Gedanken in essayistischem Stil vor den Augen des Lesers entwickelt. Sie schafft es dabei, diesen mit der Sprunghaftigkeit ihrer Gedanken nicht zu überfordern und ihm eine strukturierte Erzählung zu präsentieren.

Nacha Vollenweider: Fußnoten, Avant, 208 Seiten, 20 Euro

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