NS-Geschichte im Comic : Zeugen des Grauens

Nüchterne Fakten, persönliche Skizzen: Leopold Maurer hat zusammen mit Regina Hofer die Geschichte seines Großvaters verarbeitet, der bei der SS war.

Leopold Maurer hat für das Buch drei längere Interviews mit seinem Großvater aufgezeichnet.
Leopold Maurer hat für das Buch drei längere Interviews mit seinem Großvater aufgezeichnet.Foto: Luftschacht

Stumme Zeugen – als solche sieht Leopold Maurer die „Insekten“, die seinem neuen, in Zusammenarbeit mit seiner Frau Regina Hofer entstandenen, Comic den Titel geben (Luftschacht, 240 S, 23 €).

Im Zentrum stehen die Erinnerungen von Maurers Großvater an den Zweiten Weltkrieg. Mit 17 Jahren meldete dieser sich freiwillig zur Waffen-SS und kämpfte in Russland, Belgien, Frankreich und der Ukraine.

Und seine Erinnerungen an diese Zeit sind durchaus positiv. Er erfuhr Anerkennung und Respekt und fühlte sich stark. Damals, da war er wer. Ganz im Gegenteil zu den Erfahrungen nach Kriegsende. Ohne Berufsausbildung und als ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS war es für ihn schwer, zu gesellschaftlichem Ansehen zu gelangen.

Der Versuch des Enkels, den Großvater zu verstehen

Der Comic ist nun, etliche Jahrzehnte später, der zeichnerische Versuch des Enkels, den eigenen Großvater zu verstehen. Die Grundlage für diesen Versuch bilden drei längere Interviews mit ihm, die Leopold Maurer und Regina Hofer mit ihm geführt und aufgezeichnet haben. Im Nachhinein versuchen sie, Bilder für das Erinnerte zu finden.

Der Comic enthält jedoch nicht nur die Erzählungen des Großvaters. Diese werden mit Jugenderinnerungen Maurers und historischen Fakten kombiniert und arrangiert. Verstärkt wird dieser inhaltliche Kontrast zusätzlich auf der stilistischen Ebene. Passagen, die von Maurer selbst gezeichnet wurden, wechseln sich mit solchen ab, die von Regina Hofer stammen.

Stilwechsel: Regina Hofer präsentiert in „Insekten“ historische Fakten.
Stilwechsel: Regina Hofer präsentiert in „Insekten“ historische Fakten.Foto: Luftschacht

Hofers Zeichnungen kommen plakativ und flächig daher mit klaren schwarz-weiß Kontrasten. In diesem eher nüchtern wirkenden Stil werden historische Fakten präsentiert. Man merkt den Zeichnungen an, dass Regina Hofer deutlich mehr Distanz zum Stoff hat.

Bildliche Omnipräsenz der Insekten

Maurers Strich hingegen ist skizzenhafter, die Passagen erinnern an Tagebucheinträge, sein Zugang ist wesentlich persönlicher. Das Wechselspiel der beiden Zeichenstile funktioniert sehr gut. Es verstärkt das Collagenhafte und Arrangierte der verschiedenen Versatzstücke. Verbindendes Element sind die titelgebenden Insekten.

Für Maurer sind sie nicht nur stumme Zeugen der Gräueltaten, sondern erweitern den Comic gleichzeitig um eine surreale Ebene, die eben durch ihre Surrealität ein Gegengewicht zum Grauen des Erzählten bildet.

Beide Ansprüche an dieses Stilmittel gehen nicht wirklich auf. Dennoch ist das Bild der Insekten keinesfalls fehl am Platz. Die beiden Zeichner erzielen mit ihm jedoch eine gegenteilige Wirkung. Wenn man sich vorstellt, wie laut und bedrohlich das Summen und Sirren von Tausenden von Insekten in den Massengräbern geklungen haben muss, dann sind die Insekten als Zeugen des Grauens wohl alles andere als stumm.

Das Titelbild des besprochenen Bandes.
Das Titelbild des besprochenen Bandes.Foto: Luftschacht

Aber nicht nur diese imaginierte Geräuschkulisse, auch die surreale Ebene, die durch die bildliche Omnipräsenz der Insekten entsteht, verstärkt das Unbehagen, das man als Leser angesichts des Erzählten empfindet.

Ein ähnliches Unbehagen muss auch Maurer beschlichen haben, als ihm im Laufe der Interviews klar wurde, dass die Rolle des Großvaters im Zweiten Weltkrieg von der Familie bisher immer verklärt wurde. Die harte Erkenntnis: Der Opa war eben nicht nur der Fahrer, der Nachschub an die Front brachte oder Verwundete ins Lazarett transportierte. Er war an Kriegsverbrechen, wie zum Beispiel der Ermordung von Zivilisten, beteiligt.

Ob er Reue empfindet wird im Comic nicht klar. Und auch, was diese Erkenntnis mit Maurer und seiner Beziehung zum Großvater macht, bleibt offen. Was der Leser mitnimmt, ist die beklemmende Atmosphäre des Erzählten und das bedrohlich anschwellende Summen der Insekten im Ohr.