"Otto" von Marc-Antoine Mathieu : Selbst-Findung zwischen All und Optik

Comic-Philosoph Marc-Antoine Mathieu spiegelt in „Otto“ die Biografie eines Performers zwischen Kindheit, Kunst und Zusammenbruch.

Selbstfindung in der Kunst: Eine Szene aus „Otto“ von Marc-Antoine Mathieu.
Selbstfindung in der Kunst: Eine Szene aus „Otto“ von Marc-Antoine Mathieu.Foto: Promo/Reprodukt Verlag

Am Anfang ist eine Lücke. Und der Konjunktiv. „In jener Nacht wäre inmitten der Menschenmenge, die sich auf einem gefrorenen See oberhalb des Polarkreises versammelt hatte, ein seltsam leerer Zwischenraum zu sehen gewesen, hätte denn jemand nicht in den Himmel geschaut.“ Dieser Text zur Vogelperspektive auf eine große Menschenmenge mit eben jener Lücke ist Versuchsanordnung und Einstieg in die neue Graphic Novel von Marc-Antoine Mathieu.

Der große Comic-Philosoph knüpft damit an seine Raum und Zeit sprengenden Werke an – seine wortlose Hommage etwa an die Labyrinthe, Richtungen und das Geworfensein des menschlichen Lebens („Richtung“).

Mit „Otto“ spielt Mathieu das Leben des erfolgreicher Performance-Künstlers Otto durch – schon der Name ist Spiegelung und natürlich ist auch sein Leben eine Spiegelung seiner Kindheit. In Performances mit Spiegeln befasst sich Otto „spektakulär“ mit dem „Geheimnis und der Unerbittlichkeit des Seins“, wie es in Mathieus Bildtexten heißt – ganz (oder fast) unironisch nüchtern formuliert. Die kurzen Texte duplizieren, spiegeln die darüber zu sehenden Bilder.

Eine weitere Szene aus „Otto“.
Eine weitere Szene aus „Otto“.Foto: Reprodukt

Nur kurz ist Otto noch in Aktion zu sehen, schon allein und verloren vor riesigem Publikum – dann bricht er auf dem Höhepunkt seiner Karriere zusammen, folgen Bilder der Einsamkeit auf, in, vor weiten Flächen, Himmeln und Abgründen.

Aus nüchterner Betrachtung wird große Comic-Poesie

Otto erfährt vom Tod seiner Eltern, erbt sein Elternhaus – darin ein alter Spiegel und eine Truhe, darin die minutiöse Dokumentation seines Lebens bis zum siebten Lebensjahr: Fotos, Videos, Notizen, Daten, nach wissenschaftlichen Kriterien erhoben und sortiert. Er zieht sich damit zurück und studiert seine Kindheit – rückwärts, ungeheuer detail- und facettenreich. Das alles bildet Mathieu in gleich großen schwarz-weiß-grauen Bildtafeln nach, die jetzt ganz kleinteilig werden, mitsamt sprunghaften Erinnerungen an schreckhafte, überraschende oder metaphysische Erlebnisse.

Auf zu neuen Dimension: Eine weitere Seite aus „Otto“ .
Auf zu neuen Dimension: Eine weitere Seite aus „Otto“ .Foto: Reprodukt


Metaphysik, Spuren, Pfade, Zwischenräume


Nach der Hälfte der insgesamt 88 Seiten des Buches kippen die bis dahin nüchtern-biederen, aber immer ausführlicher und genauer werdenden textlichen Szenenbeschreibungen plötzlich ins Poetische, Metaphysische, bekommen Lücken, werden assoziativ: „Er nahm es unterschwellig wahr, zwischen den Zeilen. Uns entgeht alles, und alles ist uns gegeben ...“ – Mathieu findet dafür Worte, zusätzliche Dimensionen, immer auch wieder Lücken, Durchbrüche, Zwischenwelten: Die Truhe wird unendlich, „sein Turm ohne Ende und sein Brunnen ohne Grund“, ein neues Universum: „Jeder Lichtstrahl aus der Truhe war die Geburt einer Wahrheit und der Tod einer Selbstillusion“.

Mathieu durchforstet und spiegelt, analysiert mit Otto dessen Leben – und treibt es immer weiter durch Räume und Zeiten: eine Selbstfindung in der Dokumentation und in der Kunst zugleich, in der Ottos Leben, seine Bilder, deren Perspektiven und Interpretation zeitgleich rekonstruiert und überhaupt erst konstruiert werden. Mathieu zeigt dazu Sternenbilder, Spiegellabyrinthe, Ottos puzzle- und collageartig überfülltes Recherche- und Analyse-Loft nach Art einer Profiler-Werkstatt und dann wieder die Strukturen eines Blattes ... in dessen Verästelungen er weiter lebt und gräbt.

Das Cover des besprochenen Buches.
Das Cover des besprochenen Buches.Foto: Reprodukt

Otto verirrt, verliert sich in sich selbst – wird sich zur neuen Dimension und Galaxie, zum QR-Code ... und schließlich Teilnehmer einer Mega-Performance, die aus dem All gespiegelt wird – als einziger unsichtbar: Eine Lücke. Wer hinuntergesehen hätte, hätte sie gesehen: Otto. Siehe oben.

„Otto“ von Marc-Antoine Mathieu, aus dem Französischen von Norma Cassau, Handlettering von Andreas Michalke, Reprodukt Verlag, 88 Seiten, 20 Euro

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