Roald Dahls „Hexen hexen“ als Comic : Mit Mäusekraft gegen die Hexenbrut

Die französische Zeichnerin Pénélope Bagieu hat aus Roald Dahls gruseligem Roman „Hexen hexen“ eine rasant-abgedrehte Achterbahnfahrt der Gefühle gemacht.

Horror mit Herz: Eine Szene aus „Hexen hexen“.
Horror mit Herz: Eine Szene aus „Hexen hexen“.Foto: Reprodukt

Der evolutionäre Weg vom Kind zur Maus ist ein kurzer. Nur wenige Sekunden dauert es, dass der achtjährige Held in „Hexen hexen“ ganz haarig geworden ist, auf Mausgröße schrumpft und schließlich ganz zum Nager wird. Aber immerhin: Sprechen und denken geht noch.

Zusammen mit einem ebenfalls „vermausten“ Mädchen versucht er alles, um noch Schlimmeres zu verhindern. Denn wenn es nach den Hexen ginge, sollten alle Kinder – diese ekeligen, lauten. stinkenden, rülpsenden und pupsenden Wesen - auf diese Weise verschwinden!

Nah am Geist Roald Dahls

Roald Dahls Kinderbücher würden wohl heutzutage (und insbesondere hierzulande) kaum einen Verleger finden, so finster und makaber erscheinen manche Phantasien des Engländers (1916-1990). Doch zugleich sollte man nicht übersehen, dass seine Geschichten von menschlicher Wärme geprägt sind, dabei vor Humor und phantasievollen, abgedrehten Einfällen nur so sprühen.

„Hexen hexen“ schrieb der Autor 1983, 1990 wurde es von Nicolas Roeg mit Angelica Huston und Rowan Atkinson auch populär verfilmt. Nun hat die 1982 geborene französische Zeichnerin Pénélope Bagieu (u.a. „Unerschrocken“, „Eine erlesene Leiche“, „Wie ein leeres Blatt“) eine Comicadaption geschaffen, die dem Geist Roald Dahls sehr nahe kommt (Reprodukt, aus dem Französischen von Silv Bannenberg, Handlettering von Olav Korth, 320 S., Harcover, 24 €).

Eine weitere Szene aus „Hexen hexen“.
Eine weitere Szene aus „Hexen hexen“.Foto: Reprodukt

Sie verdichtet dessen Roman geschickt, lässt manches heute unwichtig erscheinende Detail weg (wie die norwegische Herkunft der Großmutter, die auf Dahls eigene Familiengeschichte verweist) und konzentriert sich auf die wesentlichen Geschehnisse und Personen (der Leidensgenosse des Protagonisten, Bruno, wird bei ihr zu einem Mädchen), lässt aber auch Raum für verspielte, skurrile Ideen, von denen auch der Roman lebt. Und: sie gibt der über dreißigjährigen Geschichte neuen Drive, indem sie das Erzähltempo deutlich erhöht.

Lila Wattebausch-Frisur und Riesenbrille

Dahls liebevoll gezeichnete Charaktere spielen für die Geschichte eine große Rolle. Insbesondere die Beziehung des kleinen (namenlosen) Protagonisten zu seiner Großmutter steht im Mittelpunkt. Der Junge hat gerade einen Autounfall überlebt, dem seine Eltern zum Opfer fielen, und wächst nun bei der Oma auf.

Bagieu zeichnet diese als kleine, hinreißend eigensinnige Person, die gerne Kette raucht und den Enkel mit ihren Erzählungen von Hexen ängstigt. Doch die Großmutter will ihn nur darauf vorbereiten, dass es diese Hexen wirklich gibt, damit er im Falle einer Begegnung vorbereitet ist. Nachdem er während eines Hexenkongresses in eine Maus verwandelt wurde, gehen die beiden zur Gegenoffensive über...

Stilistisch orientiert sich Pénélope Bagieu nicht an den eher dezenten, zarten Illustrationen Quentin Blakes, der die Illustrationen zu Roald Dahls Kinderroman schuf, sondern geht ihren ganz eigenen Weg.

Das erstaunlich umfangreiche Wissen der Großmutter über „echte“ Hexen (die sie wie schon bei Dahl deutlich vom üblichen Hexen-Aberglauben unterscheidet) wird dabei bis ins kleinste Detail auf mehreren Doppelseiten dargelegt.

Das Titelbild des besprochenen Bandes.
Das Titelbild des besprochenen Bandes.Foto: Reprodukt

In locker karikierenden Zeichnungen mit Sinn fürs absonderliche Detail gibt Bagieu der Geschichte einen leicht schrägen Touch, der gut zur flotten Erzählweise passt. Die Oma lernt man mit ihrer lila Wattebausch-Frisur und der Riesenbrille schnell lieben, während die sich schwuppdiwupp von hübsch toupierten Damen zur hässlichen Hexenschar sich wandelnden Antagonistinnen den Leser gehörig gruseln lassen.

Pénélope Bagieu macht aus Roald Dahls gruseliger Geschichte eine rasant-abgedrehte Achterbahnfahrt der Gefühle, bei der der kindliche Blickwinkel einfühlsam eingefangen wird. In locker karikierendem Zeichenstil, peppigen Farben und abwechslungsreichem Seitenlayout zieht sie nervenstarke kleine und große Leser in ein berührendes wie höllisch komisches Spektakel. Und ihre Oma sticht als Figur gar die finstere „Hoch- und Großmeisterhexe“ aus.

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So entwickelt sich der Kinderbuchklassiker unter Bagieus Feder zu einer zeitgemäßen, gelungenen Neuinterpretation und zugleich zu einem rasanten Pageturner, der sicher auf magische Weise eine neue Lesergeneration verzaubern wird.