Der Porno ist im deutschen Independent-Comic angekommen

Seite 3 von 3
Sex im Comic : Strich für Strich zum Höhepunkt
Hautnah: Das "Bettgeschichten"-Coverbild von Frank Schmolke.
Hautnah: Das "Bettgeschichten"-Coverbild von Frank Schmolke.Foto: Zwerchfell

Iris Luckhaus und Naomi Fearn frönen beide der Kunst des exzessiven Hintergrunddekors in Kleiderschränken oder Appartements. Während sich Luckhaus zurückhaltendem Voyeurismus und perfektionierter Formausgestaltung widmet, lässt Fearn es dagegen richtig krachen. Die Jugendstil-Ornamentik ihrer an George McManus geschulten „Zuckerfisch“-Strips hat sie etwas gedrosselt, dafür inszeniert sie in kräftigen Farben einen Dreier inklusive Sandwich, gelegentlich gebrochen durch animalische Niedlichkeit auf floralem Grund.

Die bereits an Beiträgen für Marvel-Comics erprobten Berliner Steffi Schütze und Christian Nauck toben sich dagegen lieber in der Natur oder im Wilden Westen aus. Bei Schütze wird daraus ein in dicken kurvigen Linien getuschtes Plädoyer zur Bewahrung der Schöpfung mit wechselseitiger pastellig-zärtlicher Dominanz zwischen den Geschlechtern. Naucks maskuline Wild-West-Outlaws verschmähen die Pferde und reiten sich lieber gleich gegenseitig zu, lehnen aber auch die Teilnahme einer Dame nicht ab. Schüsse fallen nicht, abgesehen vom finalen Gang-Bang. Der Zeichenstil erinnert an amerikanische Superhelden-Comicbooks der 1970er Jahre, und der Wechsel zwischen gedeckten und schreienden Farben lenkt den Blick des Lesers auf das Wesentliche.

Auch Christian Turks Beitrag hat einen Bronze Age-Look, durch das von ihm gewählte Sujet der Mythologie bekommt sein Beitrag nicht nur einen leichten Studio-Giolitti-Touch, sondern auch einen paternalistischen Subtext.

Mawil, der von überarbeiteten Feuilletonisten oft irrtümlicherweise mit neurotischen Stadtbewohnern in Verbindung gebracht wird, weiß, wie es anders geht. Sein lesbisches Intermezzo punktet mit sinnesfreudigem Egoismus und durch Kenntnis von Eurodance-Eintagsfliegen der 1990er Jahre. Die niedlichen Figuren haben nicht nur da Rundungen, wo es für derartige Geschichten nötig ist, sondern praktischerweise gleich überall.

Kantiger wird´s bei Reinhard Kleist, der sich besser mit norwegischen Krachkapellen und Country Music auskennt - Man(n) bleibt unter sich. Folglich wird umfeldgemäß dreckiger Sex auf dem Männerpissoir zelebriert, wobei besonders die Hintergründe des Handlungsortes liebevolle Darstellung erfahren und so mittels derartiger ästhetischer Aufwertung kein Griff ins Klo entsteht.

Nicolas Mahler ist eher still, der einzige Österreicher unter lauter Deutschen und daher vermutlich etwas schüchtern. Er nutzt dieses vermeintliche Handicap und setzt, wie immer, auf abstrakten Minimalismus. Dabei zeigt er mehr, als manchem lieb sein mag.

Unter lauter Deutschen stimmt nur insofern, dass Horst Dounchidy-Glokken im Elsass geboren wurde und eigentlich eine Frau ist. Im Stil eines schrägen Funnys erhält Goethes Zauberlehrling ein sexy hexy Make-over in erdfarbener Koloration. Dieses dämonische Up-Date wird durch einen Coitus interruptus gestört, welcher gottlob allerdings nur der Auszubildenden widerfährt, nicht dem Leser.

Maike Plenzke zeigt in einem an Animation-Cels angelehnten Stil den vergnüglichen Einkauf in einer exklusiven Boutique, verliert dabei aber den Umsatz aus den Augen. Doch die Zunge wird hier für andere Dinge als verkaufsfördernde Argumentation benötigt - und bei H&M will ohnehin niemand arbeiten, geschweige denn Sex in der Umkleidekabine haben.

Tim Dinter und Verena Klein verlegen sich auf´s Kulinarische und beweisen ökotrophologische Kenntnisse bezüglich der Nährwerte männlichen Spermas. Damit bleibt man nicht nur zeichnerisch auf einer klaren Linie. Laska Comix, das zweite gemischte Doppel, verzaubern die Leser lieber durch eine fröhliche Ode an die Masturbation. Ihre Beschwörung der Macht des Bildes bringt die Existenzberechtigung dieser Anthologie auf den Punkt.

Christopher Tauber tummelt sich gleichfalls im Bereich der Funnies, allerdings derer mit derberem Humor. Liebhaber von Kaviar werden so ebenfalls bedient, jedoch nur temporär. Von hinten schließlich kommt Ingo Römling, und zwar auf dem Backcover. Da hätte man gerne noch mehr gesehen.

One Night Stand: Diese sechs Künstler machen bei der Lesung mit.
One Night Stand: Diese sechs Künstler machen bei der Lesung mit.Foto: Zwerchfell

Porno ist also angekommen in der Gesellschaft - und im deutschen Independent-Comic. Vollzog Arthur Schnitzler an Hand seines „Reigen“ noch einen Abgesang auf die Moderne, so kann man in „Bettgeschichten“ eher einem Loblied auf die Freiheiten der Postmoderne und auf das anything goes der aus ihr erwachsenen Nonkonformität lauschen. Letztlich ist dieser Comic aber auch ganz klar Pornografie und will als Anregung verstanden werden. Dass dieses in relativ hoher ästhetischer Qualität geschieht, ist lobenswert; dass einige der teilnehmenden Künstler sogar etwas mehr erreichen als simple Erregung - umso besser.

Naomi Fearn und Reinhard Kleist (Hg.): Bettgeschichten, Zwerchfell, 104 Seiten, 20 Euro, nur für volljährige Leser. Zur Verlags-Website geht es hier. Und einen Blog zum Buch mit Leseproben gibt es hier.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben