„Stups und Steppke“ von Hergé : Der Witz der frühen Jahre

Neben „Tim und Struppi“ schuf Hergé auch „Stups und Steppke“. Nun gibt es davon eine Neuausgabe - eine adäquate Gesamtausgabe ist das aber nicht geworden.

Nicht den Kopf verlieren. Die Pointe eines Strips aus der Reihe - für Komplettansicht auf Plus-Symbol klicken.
Nicht den Kopf verlieren. Die Pointe eines Strips aus der Reihe - für Komplettansicht auf Plus-Symbol klicken.Foto: Carlsen

Der kindlichen Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Als Stups und Steppke einen Ballon kaufen, haben sie schon eine Idee im Kopf, was sie damit anstellen können. Kurz darauf fällt Wachtmeister Nr. 15 ein besonders stilles Kind auf. Nach wiederholter Ansprache rüttelt er an seiner Schulter – da macht sich der Kopf selbstständig und fliegt in die Höhe. Ein Schock!

Ein typischer Streich von „Stups und Steppke“. Moment mal - ein Comic von Hergé? Aber das ist doch der Zeichner von „Tim und Struppi“!

Tatsächlich verbinden viele Leser mit Hergé nur ein Werk, nämlich sein Meisterwerk „Tintin“, wie es im Original heißt, „Tim und Struppi“ auf deutsch. Kein Wunder, ist doch die 1929 gestartete Abenteuerserie einer der beliebtesten und langlebigsten Comicserien frankobelgischer Prägung, die fast jedermann kennt.

Ihre Qualitäten werden bis heute unterschätzt

Doch der Brüsseler Zeichner Hergé alias Georges Remi (1907-1983) hat noch zwei weitere Serien gezeichnet, die bis heute im Schatten des „pfiffigen Reporters“ stehen. Beide entstanden neben dem Weiterzeichnen an „Tim“ in den 1930er Jahren, einer besonders ergiebigen wie wichtigen Schaffensperiode im Werk Hergés, in der er auch allmählich zu seinem typischen klaren Zeichenstil und der dazu passenden Erzählweise fand, die man zusammen später „Ligne Claire“ nennen sollte.

Nach der vor zwei Jahren bei Carlsen erfolgten Neuauflage seiner fünfbändigen Reihe „Jo, Jette und Jocko“, einer Abenteuerserie um ein Geschwisterpaar und ihren Affen, macht der Verlag nun auch die zahlreichen „Stups und Steppke“-Strips um zwei Brüsseler Lausejungen und deren chaotische Streiche wieder zugänglich, deren Qualitäten bis heute unterschätzt werden.

Zeichner und Werk: In diesem Strip hat sich Hergé selbst verewigt.
Zeichner und Werk: In diesem Strip hat sich Hergé selbst verewigt.Foto: Carlsen

„Stups und Steppke“ erschien wie „Tim“ in der Zeitschrift „Le Petit Vingtième“, der Jugendbeilage der katholischen Zeitung „Le XXième Siècle“ („Das 20. Jahrhundert“). Da Hergés erste Tim-Abenteuer so beliebt waren, verlangten die jungen Leser bald nach mehr aus der Feder Hergés. So erdachte er 1930 „Stups und Steppke“ (im Original „Quick et Flupke“), meist zweiseitige Strips, in denen anfangs nur einer, nach wenigen Wochen jedoch bereits zwei Jungs aus dem Brüsseler Altstadtviertel Marolles als Unruhestifter auf Brüssels Straßen agieren.

Oft kommen ihnen dabei die Erwachsenen – Eltern, Lehrer oder Passanten – in die Quere, am häufigsten jedoch „Wachtmeister Nr. 15“. Dieser stolze, schnauzbärtige Vertreter seiner Zunft versucht, auf den Straßen für Ordnung zu sorgen, wird beim Beobachten der beiden Lausbuben jedoch oft selbst wieder zum Kind, imitiert die Fahrradkunststückchen der Kinder oder schießt mit deren Schleuder auf harmlose Leute.

Purer Slapstick und hintergründige Ideen

Die nun in farbiger Version veröffentlichten Streiche offenbaren Hergés Talent, auch in der kurzen Form spannungsreich und mit Blick auf eine überraschende Pointe hin zu erzählen. Viele dieser Strips nehmen spätere Kabinettstückchen vorweg, die in den „Tim und Struppi“ - Bänden die Handlung auflockerten, etwa wenn Kapitän Haddock ein Problem mit einem Stück Klebeband hat oder die Schul(t)zes durch eigenes Verschulden ins Stolpern geraten und auf der Nase landen. Purer Slapstick manchmal, feine Situationskomik, aber auch hintergründige Ideen, die sich in die kindliche Denkweise der kleinen Helden einfühlen.

Einmal baut Stups (immer mit schwarzer Mütze und rotem Pullover) aus Holz ein Flugzeug nach und macht eine Bruchlandung. Der kleinere Steppke (mit blonder Tolle und grüner Jacke) sieht sich bestätigt, dass das Flugzeug gar nicht geflogen ist, und Stups reagiert empört: „Nicht geflogen? Ist doch nicht meine Schuld, dass es Luftlöcher gibt!“

Tonstörung: Ein Schwarz-Weiß-Strip aus der Hergé-Werkausgabe.
Tonstörung: Ein Schwarz-Weiß-Strip aus der Hergé-Werkausgabe.Foto: Carlsen


Man kann beobachten, wie ernst es Hergé mit seinen kindlichen Helden meinte, indem er sie nicht als fiese kleine Bösewichte à la „Max und Moritz“ inszenierte, stattdessen den Leser – ob kindlich oder erwachsen - an eigene Erlebnisse oder Phantasien erinnerte. Die „Stups- und Steppke“-Strips leben aber auch von der authentischen Atmosphäre Brüssels, die Hergé mit wenigen Strichen einfängt und sich auch dabei ganz auf die ausschnitthafte Welt der Kinder konzentriert.

Stups und Steppke hocken nur selten in der Stube, sie sind noch echte Straßenkinder, denn in der „Welt“ gibt es mehr zu erleben. Die besten Gags entstehen dann, wenn die Absurdität auf die Spitze getrieben wird. In einem Strip schlägt Steppke ein Buch so in seinen Bann, dass er nicht bemerkt, wie ihn eine Sturmböe in die Luft befördert, in einen Fabrikschornstein weht und sogar den Grund eines Flusses durchwandern lässt. In mancher Episode bekommt der Wachtmeister Nr. 15 Gelegenheit zum großen Auftritt. Als er in die „Verkehrsstaffel“ versetzt wird, setzt er sich bierernst mit allerhand Literatur ans Notenpult, um mit der Trillerpfeife zu „üben“.

Eine redaktionelle Einführung fehlt

Hergé hörte 1940 auf, „Stups und Steppke“ zu zeichnen, um sich ganz „Tim und Struppi“ zu widmen. Der Carlsen-Verlag legt nun eine zweibändige Ausgabe der Farbseiten im Schuber vor, die mit 328 Comic-Seiten umfangreicher als alle bisherigen deutschen Ausgaben ist und den Eindruck einer Gesamtausgabe erweckt.

Die ab 1949 erschienenen Farbfassungen, die auch älteren deutschen Ausgaben der Streiche zugrunde liegen, sind jedoch Überarbeitungen der ursprünglich schwarzweiß erschienenen Strips, in denen der freche, anarchische Witz vieler Originalstrips geglättet wurde. In vielen Fällen erkennt man die Handschrift des frühen Hergé, der noch einen lebendigeren Strich hatte und dadurch Figuren mit skurril-witzigem Charme schuf.

Alkoholisierter Steppke: Eine Seite aus der Casterman-Ausgabe.
Alkoholisierter Steppke: Eine Seite aus der Casterman-Ausgabe.Foto: Casterman

Durch den gänzlichen Verzicht auf die schwarzweißen Urfassungen aus den 1930er Jahren fehlen aber auch etliche dieser Strips völlig in der unkommentierten Ausgabe. Das liegt daran, dass schon Hergé selbst einige der frühen Strips ausgemustert haben muss, da er, wie bei „Tim und Struppi“ auch zu sehen, zunehmend „zeitlose“ Geschichten bevorzugte und manche „Stups und Steppke“-Strips zu sehr auf die Umstände ihrer Entstehungszeit verwiesen.

Seine Mitarbeiter kolorierten so die ausgewählten frühen Strips und zeichneten manche sogar komplett neu, im Sinne der Ligne Claire. In der jetzigen Ausgabe vermisst man eine redaktionelle Einführung auf die Veröffentlichungsgeschichte und damit auch Hinweise auf Hergés Mitarbeiter Johan de Moor (Sohn von Bob de Moor) und darauf, welche Geschichten eventuell aus dessen Feder stammen.

Zudem fehlen – zieht man zum Vergleich die fünfbändigen Ehapa-Ausgabe aus den 80ern heran, die insgesamt nur 225 Seiten umfasste - gut zwei Dutzend kolorierter Strips, die wohl ebenfalls aus unerfindlichen Gründen einer „Zensur“ zum Opfer fielen. So gehen hier (wie auch in der französischen Originalausgabe) viel Esprit, Lokalkolorit und vor allem die politischen Anspielungen aus der Vorkriegszeit verloren.

Hitler, Mussolini und ein Kommunistenführer

In der „Hergé-Werkausgabe“ (Band 3, veröffentlicht 1999 bei Carlsen) wurde zumindest eine kleine Auswahl der ursprünglichen Strips übersetzt abgedruckt. Der Leser konnte staunen, wie bissig Hergé in diesen für Kinder gedachten Seiten die damalige Zeit einfing: belgischer Rexismus (eine wallonische faschistische Bewegung) und weltweit aufkommender Faschismus wurden etwa thematisiert. Ein Beispiel: Stups und Steppke wollen zu Hause ein schönes Konzert im Radio hören. Doch sie werden nicht fündig, alle Sender werden okkupiert von den mal langweiligen, mal aufhetzenden Reden von Politikern aus aller Welt – Hitler, Mussolini und ein Kommunistenführer darunter. Das Radio bekommt den Mund verbunden, auf der Straße spielt immerhin der Leierkastenmann. In einem anderen Strip spielen Stups und Steppke jeweils Hitler und Mussolini, die sich zu „Geheimverhandlungen“ treffen und dabei ein Kreuzworträtsel mit Hakenkreuzen füllen.

Gesammelt, aber nicht komplett: Die beiden neu aufgelegten Bände gibt's im Schuber.
Gesammelt, aber nicht komplett: Die beiden neu aufgelegten Bände gibt's im Schuber.Foto: Carlsen

Es ist verständlich, dass in den Jahrzehnten nach dem Krieg solch „unbequeme“ Comicstrips, die drohten, die ungeliebte Vergangenheit in den Köpfen der Leser wieder hochkommen zu lassen, nicht mehr in den Kanon aufgenommen wurden. Heute würden diese Seiten jedoch den wohl vorwiegend erwachsenen Käufern dieser Ausgabe vermitteln, wie Hergé – der nach dem Krieg zeitweise der Kollaboration beschuldigt wurde - in einer Zeit des sich andeutenden Zweiten Weltkrieges die Politik aus Kindersicht darstellte und den aufkommenden Faschismus der Nachbarn wie auch in Belgien nicht nur thematisierte, sondern auch satirisch bloßstellte.

Und auch jene Strips fehlen, die heute durch ihre Metaebene besonders modern erscheinen: wenn Steppke auf Skiern einen Abhang hinunterrast, prallt er gegen den Panelrahmen. Auf der nächsten Seite beschwert er sich handfest beim Zeichner Hergé, der Steppkes Bandagen zu verantworten hat.

Die zweibändige Ausgabe zeigt auf über 300 Seiten, wie brillant und abwechslungsreich der junge Hergé mit der kurzen Form umzugehen verstand. Seine in den 1930er Jahren entstandenen originalen Stups-und-Steppke-Strips waren den späteren Überarbeitungen jedoch an Witz und Lokalkolorit überlegen. Die politischen Anspielungen sind dadurch komplett verloren gegangen. Eine verpasste Gelegenheit, den frühen Hergé mit allen Ecken und Kanten wiederzuentdecken.

Hergé: Stups und Steppke, Band 1 und 2 im Schuber. Carlsen Verlag, 336 S., 50 €, oder einzeln je 25 €

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