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© Illustration: Phillips/Panini

Superhelden-Retro-Krimi: Neo-Pulp mit doppeltem Boden

Mutantenhooligans und Superschurkinnen: „Incognito“ ist eine Liebeserklärung an ein verrufenes Genre – atemberaubend, überzeichnet und randvoll mit Anspielungen auf die Klassiker. Jetzt gibt es den ersten Sammelband auf Deutsch.

Die kongenialen Partner Ed Brubaker und Sean Phillips haben der Comicgeschichte mit "Criminal" und "Sleeper" bereits ihren eigenen Stempel aufgedrückt. Sie haben bewiesen, dass sie grandiose Teamspieler und eines dieser Paare sind, denen man eine lange gemeinsame Zeit wünscht, weil die Klassikerdichte der beiden erschreckend hoch ist.

Der neuste Streich der Magier firmiert unter dem Seriennamen "Incognito" und verspricht wieder einmal großen Spaß. Neben der tiefen Verneigung vor den Pulp-Inhalten früherer Zeiten und der atemberaubend atmosphärischen Kolorierung, hat mich der schier unglaubliche Plot einfach kalt gepackt. Dabei wirkt er in seiner Schlichtheit zunächst etwas einfältig, doch dies ist bloß eine dieser wundervollen Mimikryformen, die dieses Team so populär machten.

Zur Dekonstruktion des alterwürdigen und zur Erschaffung eines neuen Pulps braucht es scheinbar nicht viel - solange man auf den Namen Brubaker hört. Die Zutaten: Man nenne einen ehemaligen Superschurken, beraube ihn durch eine staatlich genehmigte Drogenkur seiner Übermenschlichkeit und verspreche ihm Straffreiheit - solange er den Kopf des Superschurkenkonsortiums liefert.

Gesagt, getan aus Zack Overkill (sic!) wird Zack Andersen, eine blasse Bürohilfskraft, deren Tagwerk im Hin- und Herbewegen von Akten besteht. Kurz, sein Leben ist eintönig, sinnentleert und wenig aufregend.

Es scheint folgerichtig, dass er, der früher ganze Straßenzüge mit seinem (inzwischen verstorbenen) Zwillingsbruder freudig in Schutt und Asche legte, irgendwann versucht, sich von den medikativen Fesseln zu entbinden. Dies gelingt ihm dann (per Zufall) auch ganz gut, und der ehemalige Mutantenhooligan nutzt seine wiedererstarkten Kräfte, um den Schwachen und Bedrohten beizustehen.

Hinter der unglaublich charmanten (und vordergründigen) Polarität, mit welcher Brubaker die Bösewichte mit einigen wenigen Attributen kennzeichnet und welche sich eher bei der Gegenseite schwer tut, verbirgt sich eine kluge Reflektion über das Heldentum an sich und dessen Problematiken.

Aber stellen wir die theoretischen Überlegungen ein wenig zurück, denn diese Serie funktioniert noch auf einer anderen, direkteren Ebene ganz vorzüglich.

Jeder, der sich an Dr. Fu-Manchus Größenwahnsinnigkeiten, an den gigantomanischen Projekten eines Fantômas oder an den fleißigen Armeeordnungen der Bondbösewichte ergötzen kann, wird hier einen Hain der Freude finden.

Liebenswerter, überzeichneter, dekonstruierter, doppelbödiger Neo-Pulp, so kann man "Incognito" bezeichnen, dass dieser in Großleuchtbuchstaben in auffälligem Neongelb daher kommt, ist bloß eine nette Dreingabe.

Alle Figuren der Story sind in ihrer hingerotzten Holzschnittartigkeit funktional, sind Vehikel einer schnellen Erzählgeschwindigkeit. Und dennoch stellen sie stets mehr dar, als der erste Eindruck glauben lässt. Brubaker wildert im reichen Kanon der Schurken und Heldenfiguren der goldenen Tage des Pulps, im Ergebnis schafft er einige aberwitzige und wie gewohnt gekonnt gebrochene Figurenprismen, die in ihrer Gestalt durchaus in der Lage sind Comicgeschichte zu schreiben.

Da wären: Zack, der chemisch gebändigte Ex-Schurke, welcher in seiner wiedergewonnenen Übermenschenkraft kein Werkzeug der Rache findet, sondern den Weg eines Vaganten wählt. Der zwar an der Seite, derer die sich nicht wehren können steht, dessen Kommentierung aber im scharfen Kontrast zu der moralisch integeren Dichtung der konventionellen Helden steht.

Eine weiteres prachtvoll ausgeschlachtetes Klischee stellt Amanda dar, diese immer schlüpfrige Bürokollegin, kann seit einer prägenden biographischen Erfahrung (die ich aus Spoilervermeidungsgründen nicht ausführen werde) keine wirkliche Lust mehr erleben, weshalb sie einen Superschurkenfetisch auslebt, der sehr unterhaltsam inszeniert ist, wenn man ausreichenden grenzwertigen Humor besitzt.

Black Death, der nahezu altväterliche, weihevolle Erzschurke, welcher telepathische Sitzungen mit seinem Anwalt abhält und sinistre Pläne hinter Hightechknastmauern entwirft, um Zack zu schaden, der sich durch seine Kooperation mit der Staatsgewalt in den kalten Augen des Heerführer des Bösen selbst diffamiert hat. Er ist die aktualisierte Version des boshaften, herzlosen Genies, der über eine Unzahl willfähriger Helfer befehligen kann, deren infrastruktureller Organisationsgrad jeden Geheimdienst neidvoll erblassen lassen würde.

Diese scharfsinnig dargestellte Kreatur, deren gottesnaher Zorn sich gegen die Normalität der Menschenwelt richtet, ist die konkret gewordene Bedrohung der Menschheit durch all ihre technologischen Errungenschaften. Black Death weiß nicht nur um die Funktionsweisen von toxischen Gasen, er setzt diese auch skrupellos ein, er ist in seiner erschreckenden kaltblütigen Logik, die Illustration einer amoralischen wissenschaftlichen Unverantwortlichkeit, ein Physiker nach Dürrenmatts Deutung, wenn man so will.

Eine besondere Erwähnung verdient die Superschurkin Ava Destruction, die eine Art Fleisch gewordener Feuchttraum darstellt, platinblond, leicht bekleidet, ewig jung, wohl(über)proportioniert und stets begattungswillig. In ihr findet Zack eine unerwartete Alliierte, denn der wissenschaftliche Zauber, der ihr die ewige Jugend schenkte, beginnt zu schwinden. Diese moderne Version einer Lady Bathory welkt hinter ihrer Girliefassade dahin und sie kämpft an gegen dieses Vergehen.

Vieles was der Leser über die Grundlagen der Superkräfte des Protagonisten erwahren soll, wird von ihr eingebracht, ihr Egoismus und der unbedingte Überlebenswille zwingen sie dazu Detail nach Detail auszuplaudern, Schwäche und Sterblichkeit machen selbst Erzschurken auskunftswillig.

Über die Gegenspieler der Schurken, etwa den Gegengenius Professor Zeppellin oder dessen kaltblütig Superschurken mordenden, bewaffneten Arm Lazarus möchte ich nicht sprechen, zum einen, weil Helden stets nur so gut sind wie ihre Gegner, aber auch weil diese, die öffentliche Ordnung verteidigenden Kräfte weit außerhalb der Legalität stehen, und diese Inszenierung muss man lesend genießen - am Werk selbst, ohne störende Sekundärdeutungen. Pulp eben.

Eine Anspielung auf Spezialhaftanstalten, menschenrechtlich bedenkliche Entwicklungen in der Strafverfolgung von Systemgegnern ist nicht ausgeschlossen, aber ich möchte meine Lesart nicht verabsolutieren, denn dieser Comic ist beides - fesselnde Meditation über den Begriff des Heroen an sich und wunderbar anarchische Blood'n'Guts-Revue, trotziges Wiedererwecken einer Ästhetik, die zu Unrecht als reaktionär gebrandmarkt wurde und freudiges Bloßstellen der tatsächlichen Stereotypismen.

Eben diese Offenheit und das charmante Changieren zwischen Pulp-Zitat und Dekonstruktion manchen auch diesen Comic zu einer besonderen Lektüre. Brubaker baut seine Position als eigenständiger Autor weiter aus, während Phillips Strich immer leichter zu werden scheint. Das clevere Seitenlayout, das eindrückliche Ausschöpfen der Farbskala, die stellenweise fast schon skizzierte Figuren - all dies macht seinen Stil so unverkennbar und auch so brubakerkompatibel, ich bitte um mehr!

Ed Brubaker und Sean Phillips: Incognito, inhaltlich abgeschlossener Sammelband mit den Folgen 1 bis 6, Panini Comics, 164 Seiten, 19,95 Euro. Mehr unter
diesem Link.

Mehr von unserem Gastautor Markus Dewes finden Sie auf seinem Blog derdigitaleflaneur.blogspot.com.

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