Ungeschönter Western : Mit dem weißen Mann kam der Tod

Paolo Serpieris meisterhaft gezeichnete Westerncomics vermittelten ein authentisches Bild von der Inbesitznahme Nordamerikas. Jetzt gibt es eine Neuausgabe.

Überlebenskampf: Eine Seite aus dem dritten Band der Serpieri-Gesamtausgabe.
Überlebenskampf: Eine Seite aus dem dritten Band der Serpieri-Gesamtausgabe.Foto: Schreiber & Leser

Auch Bisons haben ihre Regeln. Wenn sie sich im späten Herbst zur Wanderung gen Süden begeben, führen die jungen Leitbullen die Herde an, während Kühe und Neugeborene ihnen folgen. Den schützenden Abschluss bilden die alten Leitbullen, von denen manch einer die lange Reise nicht überstehen wird.

Auch beim Nomaden-Stamm der Pawnee-Indianer, der sich auf Suche nach Wild und Weiden begibt, ist es ähnlich: Die Krieger führen den Zug an, dann folgen die Frauen mit den Kindern, die Alten reiten am Ende...

Eine Szene aus dem ersten Band der Serpieri-Gesamtausgabe, „Lakota“.
Eine Szene aus dem ersten Band der Serpieri-Gesamtausgabe, „Lakota“.Foto: Schreiber & Leser

Auf 13 fein getuschten schwarzweißen Seiten schildert der Zeichner Paolo Serpieri ruhig und anschaulich, dabei fast analytisch genau, wie das Zusammenleben zwischen Tieren und Indianern in der Prärie funktioniert, und wie auch die Bisonjagd der Indianer – geschildert als ein harter, aber fairer Kampf - zum natürlichen Kreislauf gehört.

Erst auf den letzten drei Seiten kommt die Zivilisation ins Spiel – in Form einer brachial in die Steppe hereinrauschenden Eisenbahn, der ein weißer Mann entsteigt. Dieser braucht sich nicht mehr die Mühe zu machen, zu jagen, um ein Bison zu erlegen. Ein Schuss genügt.

In dieser kurzen Western-Comicerzählung wird auf dokumentarisch nüchterne Weise und ohne jeden mahnenden Zeigefinger gezeigt, worauf es dem Zeichner ankommt: Der weiße Mann hat das natürliche Gleichgewicht durch seine überlegenen Technologien ausgehebelt – und er geht sorglos damit um. Sein Schuss erfolgt nicht aus einer Notwendigkeit heraus, er ist Mord.

Bekannt für seine Erotik-Reihe „Druuna“

Der 1944 geborene italienische Comiczeichner Paolo Eleuteri Serpieri ist Comicfans vor allem durch seine Erotik-Reihe „Druuna“ bekannt, in der sich die Titelheldin, eine dralle, dunkelhaarige Pin-Up-Schönheit, in einer finsteren, dystopischen Science Fiction-Welt behaupten muss - meist nackt und unter vollem Einsatz ihrer körperlichen Reize. Die ambivalente Reihe lebt vom unverhohlenen Voyeurismus ihrer naturalistischen Darstellungsweise, trumpft aber zugleich mit einer den Männern ebenbürtigen Heroine auf.

Eine weitere Seite aus dem dritten Band der Gesamtausgabe.
Eine weitere Seite aus dem dritten Band der Gesamtausgabe.Foto: Schreiber & Leser

Bereits bevor sich Serpieri ab 1985 nahezu ausschließlich dieser äußerst erfolgreichen Reihe (und dem Zeichnen pornographischer Fan Art) widmete, zeichnete der studierte Maler und Architekt bereits für italienische Comicmagazine („Lancio Story“, „Scorpio“) eine Vielzahl von Westerncomics, die von 1975 bis in die frühen 80er Jahre entstanden.

Die bei Schreiber und Leser nun in bislang drei Bänden vorliegende Gesamtausgabe dieser Arbeiten („Serpieri Collection Western“, ein abschließender vierter Band ist für Ende des Jahres geplant) ist eine lohnende Entdeckung, die den Lesern neue Facetten des Künstlers zugänglich macht.

Auf einen redaktionellen Teil wurde leider verzichtet - man hätte gerne Näheres zur Publikationsgeschichte der einzelnen Episoden erfahren. Zum Teil wird auch der Szenarist unterschlagen - die meisten Geschichten wurden von Serpieris Landsmann Raffaele Ambrosio geschrieben.

Raffinierter Erzähler mit pechschwarzem Humor

Von Beginn an ist Serpieris früh ausgebildete technische Meisterschaft in diesen grafischen Erzählungen erkennbar, die zum Teil dokumentarischen Charakter haben, aber auch rein fiktive Plots enthalten.

Insbesondere im ersten Band „Lakota“ sind neben fiktiven Geschichten vorrangig halbdokumentarische enthalten, die Episoden aus dem Leben berühmter Persönlichkeiten des Wilden Westens zur Zeit der Indianerkriege im späten 19. Jahrhundert erzählen, etwa von Oglala-Anführer Tashunka Witko alias „Crazy Horse“ oder vom selbsternannten General George A. Custer, dessen Selbstüberschätzung zur berühmten Niederlage am Little Big Horn in den Erzählungen „Crow´s Nest“ und „Die Niederlage“ eindrücklich und ungeschönt dargestellt werden.

Das Titelbild des zweiten Bandes der „Serpieri Collection Western“.
Das Titelbild des zweiten Bandes der „Serpieri Collection Western“.Foto: Schreiber & Leser

In Band 2 „Der Schamane“ steht das Zusammenleben von Weißen und Indianern im Mittelpunkt wie auch mehrere für die Zeit typische Frauenschicksale auf ernüchternd-realistische Weise anschaulich gemacht werden, etwa wenn Frauen – gleich welcher Hautfarbe - wie Rechtlose oder Freiwild behandelt werden („Die weiße Indianerin“, „Frauen an die Front“), sich aber durchaus zu wehren wissen.

Die meisten Geschichten der „Serpieri Collection Western“ sind in Schwarzweiß gehalten, einzelne sind farbig und dabei meist in erdigen Rottönen angelegt. Manche erzählen von indianischer Spiritualität und fügen auf geradezu heimtückische Weise phantastische Elemente hinzu (zum Beispiel werden in „Takuat“ im Band 3 „Roter Bruder“ außerirdische Einflüsse auf Indianerkulte aufgedeckt) und weisen Szenarist Ambrosio als raffinierten Erzähler mit einem Hang zu pechschwarzem Humor aus.

Lumpen, die einander gegenseitig übers Ohr hauen

Und auch Serpieris selbst geschriebene Comics wie „Die Bestie“, oder „Der Bison“ (siehe oben) besitzen diesen Humor und zeugen stets von sorgfältiger Recherche, insbesondere bei den Tier-Mensch-Geschichten („Der Biberbau“).

Dabei legen die Autoren wenig Wert darauf, die Charaktere sympathisch, geschweige denn heroisch erscheinen zu lassen – insbesondere die weißen Männer sind oft Lumpen, die einander gegenseitig übers Ohr hauen.

Das Titelbild des aktuellen dritten Bandes der „Serpieri Collection Western“.
Das Titelbild des aktuellen dritten Bandes der „Serpieri Collection Western“.Foto: Schreiber & Leser

Serpieris und Ambrosios Sympathien liegen eindeutig bei den Indianern, die einen strengen Verhaltenscodex haben und den ungehobelten Weißen auch in spiritueller Weise überlegen sind.

Serpieris unbestrittene Meisterschaft liegt in der fein mit der Tuschefeder schraffierten, naturalistischen Zeichnung, die die rauen Landschaften des Westens pointiert und authentisch widergibt.

Vor allem aber versteht er es, sehr lebensnahe, oft kauzige Charaktere auf äußerst vielfältige und ausdrucksvolle Weise zum Leben zu erwecken. In seiner in Gestik, Mimik und anatomischer Pose penibel genauen wie glaubwürdigen Menschendarstellung gibt es wohl keinen besseren Zeichner der realistischen Schule.

Die sorgfältig von Hannah Lisa Linsmaier aus dem Italienischen übersetzte Gesamtausgabe von Serpieris grafischen Western-Short Stories zeigt – von wenigen Ausrutschern abgesehen, in denen der Zeichner damals schon seiner Neigung zur erotisch-voyeuristischen Darstellung von Frauenkörpern nachgibt – ein ungeschöntes Bild von der Inbesitznahme Nordamerikas und entlarvt den geläufigen, in seiner Romantisierung falschen Mythos vom Wilden Westen.