"Wie gut, dass wir darüber geredet haben" : Psychogramm einer Generation

Unangenehme oder absurde persönliche Gespräche - selten wurden sie so präzise und witzig in Comicform gegossen wie im aktuellen Buch von Julia Bernhard.

Lara Keilbart
Zwischen Besorgnis und Übergriffigkeit: Eine Szene aus "Wie gut, dass wir darüber geredet haben".
Zwischen Besorgnis und Übergriffigkeit: Eine Szene aus "Wie gut, dass wir darüber geredet haben".Foto: Avant

Zu Beginn ihrer kreativen Laufbahn zeichnete Julia Bernhard Comics aus Trotz - im Studium wurden ihre gezeichneten Gesichter als "zermatschte Kürbisse" bezeichnet. Also setzte sich die gebürtige Aschaffenburgerin jeden Tag an den Zeichentisch und übte. Gesichter alleine sind aber auf Dauer langweilig, also gab sie den Gesichtern Sprechblasen. Daraus entstanden kleine Geschichtchen, die sie auf Instagram postete und die schnell viel positive Kommentare bekamen.

Instagram war dann auch das Sprungbrett für den ersten großen Karriereschritt, denn über die Plattform wurde die Comic-Redakteurin des Magazins "New Yorker", Emma Allen, auf Bernhard aufmerksam. Seit Januar 2018 wurden ihre Cartoons und Illustrationen wiederholt in der renommierten Publikation abgedruckt. Wenig später wurde Bernhard auch vom US-Polit-Magazin "The Nib" angefragt, die den Großteil ihrer Beiträge als Comic-Journalismus veröffentlichen.

Nun hat sie mit "Wie gut, dass wir darüber geredet haben" (Avant, 96 S., 20 €) ihr erstes Buch in Deutschland veröffentlicht. Der im Rahmen ihrer Masterarbeit entstandene und preisgekrönte Comic zeigt episodenhaft aus der Perspektive einer jungen Frau vor allem die Erwartungshaltung, die die Gesellschaft gegenüber Frauen mit Ende 20, Anfang 30 hat.

Das fängt bei der eigenen Oma an, die ihr veraltetes Rollenbild auf die Enkelin projiziert. Unbeirrt und im passiv-aggressiven Tonfall setzt sie die Protagonistin unter Druck und geht ihr auf die Nerven. Eine "liebevolle Besorgnis, die schnell in Übergriffigkeit überschlägt", nennt Bernhard das süffisant.

Da ist auch die Freundin, die eigentlich mit ihrem Partner nichts gemeinsam hat und sich ständig über seine Gedankenlosigkeit ärgert, aber trotzdem in der Beziehung bleibt. Denn nichts sei schlimmer als mit 30 noch Single zu sein. Als sich dann noch der Hund, die Zimmerpflanze und der Toaster zu Wort melden, wird es für die Hauptperson immer unerträglicher.

Gespräche aus der Ich-Perspektive der Protagonistin

Visuell erinnert ihr Stil an Adrian Tomine oder Richard McGuire. Julia Bernhard verschwendet keine Zeit auf hochdetaillierte Hintergründe oder spektakuläre Ansichten. Der Fokus liegt klar auf den Gesprächen und den Gesprächspartnern.

Das bedeutet jedoch nicht, dass wir hier bloße Litaneien und Textwüsten vorgesetzt bekommen. Um die Gespräche herum spielen sich kleine Szenen ab, ob im Café oder im Büro. Und oft blitzt dabei der verschmitzte Humor Bernhards durch, den sie sonst pointiert in den Magazinbeiträgen zeigt.

Das Titelbild des besprochenen Buches.
Das Titelbild des besprochenen Buches.Foto: Avant

Der optische Kniff in "Wie gut, dass wir darüber geredet haben" allerdings ist, dass wir alles aus der Ich-Perspektive der Protagonistin erleben. Das erzeugt beim Lesen eine starke Nähe zu dem Geschehen, wir sind mittendrin und oft spricht die Protagonistin das aus, was wir gerade als Antwort gedacht haben. Das passiert nach ein paar Seiten ganz automatisch und völlig unabhängig von der tatsächlichen, lesenden Person.

Das Spannende an diesen Episoden ist, dass diese fiktionalen Gespräche, selbst die absurden, so redundant wie lebensnah sind. Man muss den Titel also mit einem resignierten, ironisch seufzenden Tonfall verstehen. Denn nichts an diesen archetypischen Gesprächen ist gut, hilfreich oder sinnvoll. Dennoch führen wir diese Gespräche nahezu täglich, anstatt ehrlich uns und den anderen gegenüber zu sein.

Das bedeutet allerdings nicht, dass in den einzelnen Kapiteln nur Oberflächlichkeiten behandelt werden. Bernhard beschäftigt sich auch mit den allgemeine Herausforderungen ihrer Generation: Arbeit und Selbstdarstellung, der Umgang mit psychischen Krankheiten, Beziehungsfragen und - formen.

Sich schwierigen Situationen im Umgang mit diesen Themen lieber zu entziehen ist eine im Buch oft dargestellte Strategie, das sieht man auch in der Pointe am Ende. Dass der Rückzug, das Ausweichen und Weglaufen langfristig keine Lösung ist, weiß Bernhard: "Du kannst dich diesen Situationen nicht ad infinitum entziehen, du musst dich den Dingen irgendwann stellen, sonst löst du dich selbst auf." Wie das aktive sich den Problemen stellen aussehen kann, ist dann vielleicht ein Thema ihres nächsten Buchs. Möglicherweise zeichnet Bernhard dann ein Psychogramm der nachfolgenden Generation.

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