Zeitreise mit Donald und Dagobert : Die Rückkehr der viereckigen Eier

Eine neue Gesamtausgabe der Comics des Disney-Zeichners Don Rosa stellt frühere Ausgaben in den Schatten.

Klassischer Strich: Ein Panel aus „Onkel Dagobert und Donald Duck – Die Don Rosa-Library“.
Klassischer Strich: Ein Panel aus „Onkel Dagobert und Donald Duck – Die Don Rosa-Library“.Foto: Egmont

Glück oder Verhängnis? Wer einmal in seiner Kindheit damit angefangen hat, Entenhausen-Comics zu lesen, wird wohl ein Leben lang davon geprägt sein und möglicherweise immer wieder auf die Idee kommen, sein eigenes mit dem der Hauptcharaktere zu vergleichen.

Entspreche ich vielleicht dem stets vom Glück gesegneten Typ Gustav Gans? Der etwas selbstverliebten Daisy? Oder etwa dem alten Knauser Onkel Dagobert? Bin ich so naseweis wie Tick? Oder bin ich gar ähnlich tolpatschig wie der Pechvogel Donald?

Wer in den Genuss kam, mit den von Carl Barks gezeichneten Abenteuern um Donald und Dagobert Duck aufzuwachsen, kann diese Charakterzüge noch deutlicher studieren, war der „Duck Man“ Barks (1901-2000) - lange Zeit nur als „der gute Zeichner“ unter den vielen anonymen Disney-Zeichnern bekannt - doch der Erfinder vieler Figuren (Dagobert Duck, Gustav Gans, die Panzerknacker u.v.a.) und prägte auch die schon vorhandenen Charaktere entscheidend.

Künstler und Werk: Don Rosa und Dagobert Duck.
Künstler und Werk: Don Rosa und Dagobert Duck.Foto: Promo

Wie unzähligen Lesern erging es auch dem amerikanischen Comiczeichner Don Rosa, der schon früh seine Begeisterung speziell für Barks´ Entenhausen-Geschichten entdeckte. Der 1951 in Louisville, Kentucky, als Sohn eines italienischstämmigen Vaters und einer deutsch-irisch-schottischen Mutter geborene Don Hugo Rosa begann bereits als Junge mit dem Comiczeichnen, konnte sich jedoch noch nicht vorstellen, damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Mit „Der Sohn der Sonne“ ging es los

Nach einem Bauingenieurstudium übernahm er zusammen mit seinem Cousin das Familienunternehmen, die „Keno Rosa Co.“, eine Baufirma. Nebenbei schrieb er Kolumnen über Comics und Filme und zeichnete eigene Undergroundcomics wie „Captain Kentucky“.

Da seine Barks-Verehrung bereits bekannt war, bekam er eines Tages – im Juni 1986 - vom kleinen Verlag Gladstone Comics, der von Disney lizenzierte Comichefte wie „Uncle Scrooge“ herausbrachte, die Gelegenheit, eine eigene Geschichte um die Duck-Familie zu entwickeln.

Das Titelbild des ersten Bandes der besprochenen Reihe.
Das Titelbild des ersten Bandes der besprochenen Reihe.Foto: Egmont Comic Collection

Don Rosa war begeistert und schrieb sogleich ein umfangreiches Abenteuer, „Der Sohn der Sonne“, das an die längeren Abenteuercomics von Barks anknüpfte, die Rosa am liebsten las. Schon mit dieser ersten Geschichte um Dagobert, Donald und einen Inkaschatz zeugt von Rosas Kenntnis von Barks´ Werken und wimmelt nur so vor inhaltlichen wie gezeichneten Details, die auf dessen klassische Geschichten anspielen. Don Rosa gab kurz darauf die Arbeit in der Baufirma auf, um sich nun ganz dem Comiczeichnen zu widmen.

Die neue, insgesamt auf zehn Bände angelegte Gesamtausgabe, die nun im Egmont-Verlag unter dem Titel „Onkel Dagobert und Donald Duck – Die Don Rosa-Library“ erscheint, wurde zuerst ab 2014 vom amerikanischen Verlag Fantagraphics veröffentlicht.

65 Jahre Dagobert Duck
Harte Schale, weicher Kern: Dagobert in einer Szene aus dem Band "Die Mutprobe", in dem er seinen ersten Auftritt hat.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Egmont Ehapa Verlag © Disney
21.11.2012 17:40Harte Schale, weicher Kern: Dagobert in einer Szene aus dem Band "Die Mutprobe", in dem er seinen ersten Auftritt hat.

Don Rosa selbst half bei der Herausgabe – er wollte sicherstellen, dass, angesichts zahlreicher eher lieblos herausgegebenen Ausgaben, dass die von ihm gezeichneten Comics in der bestmöglichen Restaurierung und Kolorierung erscheinen, sodass etwa das Geld in Dagoberts Geldspeicher nicht – wie meist in europäischen Ausgaben - golden wie Goldmünzen wiedergegeben wird, sondern in unterschiedlichen Kupfer- und Silbertönen wie einfaches Münzgeld, wie es auch ursprünglich in amerikanischen Barks-Ausgaben angelegt war. Für die deutsche Ausgabe wurden erneut Verbesserungen in grafischen Details wie auch redaktioneller Art getätigt.

Auch „Citizen Kane“ wird zitiert

Während Rosas frühe Duck-Comics schon durchaus professionell und liebevoll im Detail, aber im Stil etwas holzschnittartig gezeichnet sind, zeugen sie doch bereits von seinem überragenden Erzähltalent. So knüpft er in „Der letzte Schlitten nach Dawson“ an „Wiedersehen mit Klondike“, eine der schönsten Barks-Geschichten von 1953 an, in denen von Dagoberts Zeit als Goldschürfer am Yukon erzählt wurde.

Das Titelbild des zweiten Bandes.
Das Titelbild des zweiten Bandes.Foto: Egmont Comic Collection

In Rosas Fortsetzung kehrt er mitsamt Donald und dessen drei Neffen zurück, um seinen alten Schlitten aus dem Eis zu bergen und seiner alten Liebe Nelly wiederzubegegnen. Im (stets unterhaltsam zu lesenden) Kommentar erfahren von Rosa, dass die Schlittenidee wiederum auf einen anderen Comic zurückgeht, der nicht von Barks stammt („Das Geheimnis des Gletschers“ von Carl Fallberg und Tony Strobl von 1957).

Rosa baut weitere Referenzen ein und zitiert etwa das Rätsel aus Orson Welles´ Film „Citizen Kane“, in dem ebenfalls ein Schlitten (nebst einer Pralinenschachtel) eine wesentliche Rolle in der Erinnerung der Hauptfigur spielt.

Im Comic „Zurück ins Land der eckigen Eier“, den Rosa 1988 zeichnete, wird wiederum ebenfalls eine legendäre Geschichte geschickt und durchaus behutsam im Sinne des Meisters Barks weitergesponnen und um zahlreiche originelle Einfälle Rosas angereichert. Das „Eckige“ der absurd-komischen Geschichte wird dabei ganz im Barksschen Sinne auf die Spitze getrieben.

90 Jahre Micky Maus
Eine seiner berühmtesten Rollen hatte Micky 1940 als Zauberlehrling in "Fantasia" - der Film galt wegen seiner innovativen Tricktechnik, seiner prächtigen Technicolor-Farben und der klassischen Musik im Stereoton als bahnbrechend.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: Disney
17.05.2019 06:43Eine seiner berühmtesten Rollen hatte Micky 1940 als Zauberlehrling in "Fantasia" - der Film galt wegen seiner innovativen...

Eine weitere gelungene Geschichte ist „Auf der Suche nach dem heiligen Krokodil“, in der Donald und seine drei Neffen nach einer seltenen Krokodilart in Afrika suchen. Auslöser für diese Geschichte war ein Cover von Barks (ebenfalls im Band abgedruckt), zu der der „Duck Man“ keine Geschichte gezeichnet hatte – ein gefundenes Fressen für Rosa, dem daran gelegen war, aus Donald keinen grausamen Kroko-Leder-Jäger zu machen (wie es Barks´ Cover nahelegte), stattdessen einen intelligenten Plot um ein mysteriöses Zeichen entwickelte, das auf dem Rücken jedes Exemplars einer ausgestorbenen Krokodilsart zu sehen ist.

Neben den Geschichten werden einige Skizzen von Rosa, fürs Verständnis wichtige Auszüge aus Barks-Comics, sowie sämtliche von ihm gezeichnete Titelbilder zu den eigenen Geschichten abgebildet (wie auch Cover zu Barks-Geschichten, die keins hatten).

Nach jeder einzelnen Geschichte kommentiert Rosa ausführlich die Hintergründe zur Entstehung und gibt so einiges aus seiner Werkstatt preis. Diese höchst witzigen Kommentare machen jeden einzelnen Band zum Vergnügen und darüber hinaus bieten sie zahlreiche Querverweise zu Barks-Comics und hie und da auch anderer Zeichner, die Rosas Lektüre prägten.

Dahinter steckt immer ein kluger Kopf: Dieses Bild zeichnete Don Rosa einst bei einem Berlinbesuch.
Dahinter steckt immer ein kluger Kopf: Dieses Bild zeichnete Don Rosa einst bei einem Berlinbesuch.Illustration: Don Rosa

2022 soll die Edition komplett sein

Insbesondere die zahlreichen, oft unauffällig im Hintergrund platzierten Anspielungen lassen Leser entzücken, wenn etwa Rosas eigentlich „verbotene“ D.U.C.K.-Widmung von ihm an unterschiedlicher Stelle und in oft originell gestalteter Variation versteckt wird, regelmäßig Micky-Maus-Silhouetten in unterschiedlichsten Kontexten auftauchen oder auch einmal ein kleiner Batman in einer Fledermaushöhle zu entdecken ist.

Rosas Kommentare zeugen kenntnisreich von seiner Leidenschaft für Barks´ Universum, und geben einen guten Einblick in die Rosa-Werkstatt, der sein eigenes Können immer sehr selbstironisch betrachtet, oft gar als dilettantisch, laienhaft und so weiter bezeichnet. Nicht weniger amüsant ist die Lektüre der Don-Rosa-Autobiografie „Mein Leben, meine Comics“, von der in jedem Band ein Fortsetzungsteil eingegliedert wurde.

Einziges Manko: In Rosas Hinweisen zu Barks' Storys verweist die Redaktion lediglich auf die US-Erstveröffentlichung sowie auf die deutsche „CBC“, die sehr kostspielige Carl-Barks-Collection, die sicher nicht jeder Leser im Regal stehen hat und so recht mühselig recherchieren muss, in welcher seiner Ausgaben die entsprechende Barks-Geschichte zu finden ist, auf die Rosa anspielt.

Davon abgesehen ist die Don Rosa Library deutlich besser und gründlicher als die vorherige Gesamtausgabe, die ab 2011 erschienene „Don Rosa Collection“.

Die ersten beiden Bände (beide im Schuber erhältlich, zusammen 70 €; Band 1 - 208 S., 30 € - auch einzeln erhältlich, Band 2 erscheint einzeln erst im September) bieten den perfekten Einstieg ins Don Rosa-Universum.

Die Bände der „Don Rosa Library“ erscheinen im Dreimonatsrhythmus und sollen im September 2022 mit Band 10 komplett sein. Die Reihe bietet durch die sorgfältige Edition alles auf, um Don-Rosa-Fans zu begeistern und auch strenge Donaldisten, die eigentlich keinen Künstler als Nachfolger von Barks dulden, davon zu überzeugen, dass Rosa dessen Erbe würdig weiterführt.