Corona-Pop von Charli XCX : Lasst uns unsterblich werden

Crowdpop gegen Corona: Die britische Sängerin Charli XCX erschuf mit ihren Fans das Album „How I’m Feeling Now“.

Charli XCX
Charli XCXFoto: Asylum Records

In der Ära sozialer Medien bedeutet das Popstardasein ein hartes Stück Arbeit. Für die digitalen Natives ist es ein Vollzeitjob, die Kanäle müssen ja permanent bespielt werden – selbst wenn es mal nichts zu berichten gibt. Der Lockdown hat auch die Aufmerksamkeitsökonomie der Unterhaltungsbranche außer Kraft gesetzt. Wer bitteschön braucht gerade Stars, zu denen man ehrfürchtig aufblickt? Und wo die große Bühne fehlt, bleibt eben nichts anderes übrig, als sich mit seinen Fans gemein machen. Das „One World“-Benefizkonzert im April hat diese ernüchternde Erkenntnis mit einem Blick in die Wohnzimmer der Popgrößen auf traurige Weise bestätigt.

Selbstquarantäne als Heilungsversuch

Charlotte Aitchison hat gegen die Frühjahrsdepression in der Selbstquarantäne ein heilsames Mittel gefunden. Die 27-jährige Britin, besser bekannt als (ehemaliges) Pop-Girlwonder Charli XCX, hatte Anfang April aus der heimischen Isolation in Los Angeles, wo sie mit ihrem Freund und zwei Managern lebt, ein „Lockdown-Album“ angekündigt. Ihr sechstes Album in sieben Jahren, der Vorgänger „Charlie“ war gerade erst vergangenen September erschienen. Sechs Wochen gab sich Aitchison für „How I’m Feeling Now“, das unbedingt in der Corona-Zeit erscheinen sollte: als Zeichen der Hoffnung, aber auch als Dokument dieser hochgradig seltsamen Zeit. Sie wolle ausschließlich mit Produktionstools arbeiten, die ihr Zuhause zur Verfügung stehen, versprach sie in einem Video auf Twitter.

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Den Titel, zunächst als Arbeitstitel angedacht, der nun offiziell das sechste Album von Charli XCX ziert, ist programmatisch zu verstehen. Sie hätte sich auch depressiv auf die Couch legen und Netflix gucken können, erzählte sie kürzlich der BBC. Die elf Songs sind die Bekenntnisse eines hyperproduktiven Partygirls, das sich plötzlich auf sich selbst zurück geworfen sieht. Aber auch eine Reflexion über die Musikindustrie, in der Charli XCX bereits als alter Hase gilt.

Aitchison war schon vor ihrem Debüt ein Selfmade-Star auf MySpace (erinnert sich noch jemand?). 2010 unterschrieb sie einen Plattenvertrag bei Asylum Records, dem Label, das in den Siebzigern Joni Mitchell und Linda Ronstadt entdeckt hatte. Keine schlechte Ahnenreihe für einen renitenten Teenager. So etwas Anachronistisches wie ein Plattenlabel hat die Influencerin Charli XCX bis heute, aber den Regeln der Musikbranche konnte sich Aitchison meist erfolgreich entziehen.

Das Warten in der Krise

Alle Welt wartet ja gerade, obwohl wir doch in einer Zeit besinnlicher Entschleunigung leben, sehnsüchtig auf den Roman/das Theaterstück/den Film zur Krise. „How I’m Feeling Now“ könnte dies für die Popmusik darstellen, eine Gemeinschaftserfahrung unter den Bedingungen der Isolation. „Eine positive Einstellung geht bei mir Hand in Hand mit Kreativität“, verkündete Charli XCX am 6. April auf Twitter, umflattert von Schmetterlingsavataren. Sie forderte ihre dreieinhalb Millionen Follower auf, Sounds und Videos zu schicken, ihre Textideen und Cover-Artworks zu kommentieren, Songfragmente zu remixen, bei Zoom-Konferenzen (unter anderem mit Pussy-Riot-Gründerin Nadya Tolokonnikova) zuzuschalten und sie bei der Produktion ihres „Lockdown-Albums“ zu begleiten.

Mithören im Studio bei Twitter

Für Legacy-Popstars wie Bob Dylan, die Rolling Stones oder Led Zeppelin gehört es längst zum Geschäftsmodell, zu runden Jubiläen ganze Boxsets mit Outtakes und Demo-Aufnahmen aus den Archiven zu veröffentlichen, an denen Hardcore-Fans die Genese der Klassiker studieren können. Im Fall von „How I’m Feeling Now“ würde schon der Twitter-Feed von Charli XCX reichen. Dort können Pop-Exegeten die Entstehung des Albums minutiös nachverfolgen.

Am 2. Mai zum Beispiel veröffentlichte Charli ein kurzes Video vom Voice-Editing-Prozess ihrer zweiten Single „Claws“, zwei Tage später bot sie die Greenscreen-Version des dazugehörigen Videos zum Download an, damit Fans es mit eigenen digitalen Hintergründen tapezieren konnten. Zwei Wochen vorher hatte Aitchison beinahe einen Nervenzusammenbruch erlitten. Am 20. April gestand sie in einer Videobotschaft, dass sie am Tag zuvor in Tränen ausgebrochen sei. „Ich habe gefühlt, dass ich euch alle überfordere, immer mehr von euch erwarte, wenn ihr vielleicht einfach nur in der Quarantäne chillen wollt.“

„TMI“, too much information, heißt das in der Sprache ihrer Altersgenossinnen. Aber das Sich-Exponieren war schon immer ein Aspekt der multiplen Persönlichkeit von Charli XCX, die anders als bei den Justin Biebers und Ariana Grandes dieser Welt, tatsächlich ein Ausdruck von Authentizität ist. Ihr Bubblegum-Futurismus – nach der fast standesgemäßen Cheerleader/Schulmädchen-Frühphase à la Britney Spears – basiert auf der griffigen Formel von Sex, Party, Riot-Grrrl-Attitüde und kristallinen Club-Bangern, die auch die Hörgewohnheiten ihrer jungen Fans mit Aufmerksamkeitsdefiziten nicht überfordern. Natürlich liegen diesem gleichermaßen für Smartphonelautsprecher und Großraumdiscos optimierten Sounddesign avancierteste Produktionstechniken zugrunde.

Versuch der Selbstbeschränkung

„How I’m Feeling Now“ ist nun der Versuch einer Selbstbeschränkung. Wie wenig Mittel sind für große Popmusik heute noch nötig? Diese neue Bescheidenheit steht auch Popstars gut zu Gesicht. Der Reiz des gereiften Popstars Charli XCX – dieser Entwicklungsschritt lässt sich etwa auf die Veröffentlichung ihres Albums „Pop 2“ von 2017 datieren – besteht darin, dass selbst in ihren funktional-pumpenden Clubhits eine Brüchigkeit zwischen Selbstzweifeln und Punk-Dekonstruktion durchblitzt. Wer will, kann unter dem ganzen Produktionsschmock noch die Ecken und Kanten heraushören, manchmal fressen sich die hohen Bassfrequenzen auch direkt durch die schönen, eingängigen Melodien und Hooklines, die sie übrigens alle selbst schreibt.

Auf „How I’m Feeling Now“ lässt sich in der Stakkato-Nummer „Pink Diamond“ – der Hip-Hop-Beat wirkt wie mit dem Presslufthammer gemeißelt – oder dem überkandidelten Ravepop von „Visions“ noch die Autorin der nicht minder hedonistischen Girlpower-Hymne „I Love It“ heraushören. Der Hit, den sie mit dem schwedischen Electro-Duo Icona Pop schrieb, machte Charli XCX 2013 über Nacht zum Star.

Melancholie und Einsamkeit

Aber es sind die eher melancholischen Einsamkeitsbekenntnisse „Forever“ und „Claws“, beide flankiert von Do-It-Yourself-Videos vor heimischer Greenscreen-Kulisse, die „How I’m Feeling Now“ zu einem exemplarischen Album unserer Zeit machen. Dua Lipas als Corona-Hoffnungsschimmer lanciertes Album „Future Nostalgia“ aus dem März hatte bereits ein Veröffentlichungsdatum, als die Krise hereinbrach. Charli XCX fing bei Null an, eine im Moment für viele nachvollziehbare Erfahrung.

Blecherne Beats, klonkige Synthiesounds

„How I’m Feeling Now“ ist ein hinreißendes Popalbum geworden – und Charli XCXs bisher persönlichstes. Die blechernen Beats und klonkigen Synthesizer-Bleeps in „Detonate“ bringen Aitchisons Songwriting-Qualitäten besser zu Geltung als ihre überproduzierten Stücke. „7 Years“ ist ein perfekter Tune, der gleichzeitig wie ein Lehrstück in Artpop-Theorie klingt; wobei sich Charlie XCX immer gegen die intellektualisierende Vereinnahmung ihrer Musik gewehrt hat. Selbst die billigen Autotune-Effekte auf ihrer Stimme – in der Quarantäne fehlte die nötige Highend-Software – besitzen dank der Do-It-Yourself-Ästhetik plötzlich einen ganz eigenen Reiz.

Für Charlie XCX ist dieses „Mitmach-Album“ eine logische Konsequenz. Schon der Vorgänger „Charli“ besaß diesen gemeinschaftlichen Spirit dank umwerfender Duette mit so unterschiedlichen Rolemodels wie Christine and the Queens, Lizzo, Haim und Sky Ferreira. Charli XCX verkörpert einen neuen Typus von Pop-Superstar, sie spielt mit Taylor Swift in Sportarenen und Überraschungs-DJ-Sets auf Instagram-Partys der schwulen Dating-App Grindr.

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Natürlich müssen auch ihre „Engel“, wie Charlie XCX ihre treuesten Fans nennt, für „How I’m Feeling Now“ zahlen, so funktioniert moderner Pop-Kapitalismus, der in den sozialen Netzwerken die schöne Illusion einer Schicksalsgemeinschaft vorgaukelt. Vor der typischen Corona-Leere allerdings sind selbst Popstars nicht gefeit. „Ich fühle mich etwas verloren und nutzlos, ich weiß nicht, was ich tun soll“, schrieb Charli XCX drei Tage nach der Veröffentlichung. Willkommen in der Realität.

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