Corona-Tagebuch, New York (9) : Wie Trump die Amerikaner in der Krise spaltet

Das Weiße Haus ignoriert die Toten und erfindet eine Geschichte des Triumphs. In einer fürchterlichen Wirklichkeit setzt es auf Abgrenzung und Polarisierung.

Klaus Brinkbäumer
Will den Tatsachen nicht ins Auge sehen. US-Präsident Donald Trump.
Will den Tatsachen nicht ins Auge sehen. US-Präsident Donald Trump.Foto: Alex Brandon/dpa

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer. In seiner wöchentlichen Kolumne „Spiegelstrich“ verfasst er derzeit ein Coronavirus-Tagebuch mit kurzen Beobachtungen aus dem Alltag und Überlegungen zur Krise.

Die Stadt ist stolz, neun Wochen Isolation lohnen sich: Die berühmte Kurve ist flach. C. und alle Ärzte und Ärztinnen haben verstanden, welches Symptom wie zu behandeln ist, haben Sicherheit gefunden. Wenn wir nun krank würden, wäre es nicht mehr apokalyptisch: Es gibt Betten, Beatmungsgeräte.

Blühende Stadt, der Mai war stets der leuchtende Monat in Manhattan. Diesmal passen wir New Yorker, die meisten, auf, halten Abstand, tragen Masken, aber wir gehen in die Parks, begegnen einander staunend, man kann schon auch nur mit den Augen lächeln.

Dass ich jemals den Sohn stoppen würde, wenn er auf einer Wiese freudvoll kreischend, die Schaufel schwingend, auf eine winkende Wendy zustapft, hätte ich vor Corona für unmöglich gehalten. Am Washington Square zerstreuen Polizisten Picknick-Gruppen; Zwanzigjährige halten sich für unverwundbar. Ich weiß noch, wie es sich anfühlte.

Was mir fehlt: das Gehupe, die Wutschreie, das Gerempel, die Klaustrophobie der U-Bahn. Erleben wir Übergangstage? Die Stunde null? Nur wenn ich die Nachrufe lese, fühle ich noch, was hier geschehen ist und noch immer geschieht.

Eine Frau trägt eine Schutzmaske mit Wahlwerbung für Donald Trump.
Eine Frau trägt eine Schutzmaske mit Wahlwerbung für Donald Trump.Foto: Brian Snyder/Reuters

Das Weiße Haus erwähnt die Toten nicht, will das Virus ignorieren, will das Land aufsperren, obwohl jene Kriterien, die vor sechs Wochen formuliert wurden, nirgendwo erfüllt sind. Es ist in Demokratien selten, dass eine Regierung eine fürchterliche Wirklichkeit durch eine alternative Wirklichkeit, nämlich die Erfindung von Sieg und Triumph, zu ersetzen versucht, während die fürchterliche Wirklichkeit erst noch geschieht; selten auch, dass eine Regierung in einer Krise nicht vereinen, sondern spalten möchte.

Trump twittert „Obamagate“ und kann das Verbrechen seines Vorgängers, welches „das schlimmste in der Geschichte der USA“ sein soll, nicht erklären; aber 2016 gab es auch keinen durch Hillary Clinton von einer Pizzeria aus geführten Kinderprostitutions-Ring, und trotzdem twitterte Trump „Pizzagate“.

Das rechte Amerika nahm den Begriff auf, und wenn Clintons Wahlkampfchef John Podesta sich etwas zu essen bestellte, galt dies als Bestätigung: „Hot dog“ musste das Codewort für „Junge“ sein, „sauce“ musste „Orgie“ bedeuten, was denn sonst. Es war Denunziation, war Lüge – nun also „Obamagate“.

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Die Republikaner machen auch dies mit, da sie jede Abscheulichkeit des eigenen Teams mit moralisch höheren Zielen begründen. Parteipolitik ist in den USA seit 55 Jahren Identitätssache, damals begann die Polarisierung: Die Demokraten stellten sich hinter die Bürgerrechtsbewegung; die konservativen Südstaaten-Demokraten, die Dixie-Dems, wechselten zu den Republikanern; die Republikaner wurden die Partei des weißen Amerika.

Heute ist jede Frage eine „wir oder die“-Frage, und Trump ist für die Republikaner „unser Mann“. Widerspruch würde den Ausstieg aus dem Team bedeuten, Heimatverlust, und wer verliert schon gern das Netz und die Freunde all jener Jahre? (Tipp vom Fachmann: Dear Republicans, life goes on and may even get better.)

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.
Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

Fang Fang, Schriftstellerin, lebt im Zentrum Wuhans, und ihr Tagebuch der Krise tröstet Millionen. In „Wuhan Diary“, der englischen Ausgabe, steht: „Es muss einen Weg in die Zukunft geben, den nur noch niemand gefunden hat.“

Vor knapp zwölf Jahren, in der Wahlnacht auf einer Wiese in Chicago, dachte ich, die Zukunft gehöre einer Weltgemeinschaft, welche globale Fragen gemeinsam angehen würde. Gottchen, wie naiv.

Fang Fang sei eine Verräterin, schwäche Partei und Nation, stärke den Feind, der Amerika heißt, das steht in Hunderten von Kommentaren zu ihren Texten; die Zensoren schreiten zur Tat. Identitätspolitik, Abgrenzung, Polarisierung: hier, dort, wo nicht?

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