Coronatagebuch, New York (7.) : Anglizismen, für nichts und alles

Die Krise prägt Begriffe, Metaphern und Sprachweisen, vom Social Distancing bis zur neuen Normalität. Sie verraten auch etwas über die Politik.

Klaus Brinkbäumer
Jacinda Ardern, Premierministerin von Neuseeland, macht währen der Coronakrise einen guten Job in ihrem Land.
Jacinda Ardern, Premierministerin von Neuseeland, macht währen der Coronakrise einen guten Job in ihrem Land.Foto: dpa, Mark Mitchell

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer. In seiner wöchentlichen Kolumne „Spiegelstrich“ verfasst er derzeit ein Coronavirus-Tagebuch mit kurzen Beobachtungen aus dem Alltag und Überlegungen zur Krise.

– Müssen in Deutschland und in diesen Zeiten Anglizismen eigentlich deshalb her, weil the State of the Republic so crazily heavy ist; oder müssen inzwischen sowieso und immer Anglizismen her, für nichts und alles, damit wir nicht selbst zu denken brauchen?

Lockdown und Shutdown werden von deutschen Kollegen beschrieben, die im Homeoffice zu sitzen behaupten; und vor dort aus erzählen sie ihrer Leserschaft vom Outbreak. Social Distancing? Please, no!

Wir sollten diesen Begriff allerdings auch nicht träge übersetzen, denn soziale Distanz ist ja nicht besser, ist sogar schädlich, weil sozial im Deutschen ein großes Wort ist, das Verantwortung trägt und Solidarität verspricht.

Das englische social möchte bloß beisammen und gesellig sein; darum ist social distancing in New York auszuhalten. Verehrtes und vermisstes Berlin, sei bitte kreativ, oder nenn’s einfach Abstand halten.

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– Dass Olaf Scholz Begriffe prägt, kommt, sagen wir es in aller Grausamkeit, nicht täglich vor. Seine neue Normalität allerdings wird bleiben, als Terminus für das 2020-Gefühl.

– In einem F.A.S.-Text habe ich von dem SPD-Abgeordneten Fritz Felgentreu ein zweites Mal gelernt, was mir vor genau 41 Jahren mein Vater schon einmal beigebracht hatte: dass nämlich das Wort Virus eines von drei lateinischen Substantiven ist, die auf -us enden, zu den o-Stämmen gehören und dennoch Neutrum sind. Die anderen beiden: vulgus (Volksmasse) und pelagus (Meer). Letzteres dürfen Sie nun für 41 Jahre vergessen, merken Sie sich aber bitte: nicht der, sondern das Virus.

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.
Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

– Jacinda Ardern, Neuseelands Premierministerin, war entschlossen und mitfühlend. „Bitte seien Sie stark, freundlich und vereint im Kampf gegen Covid-19“, sagte sie und verkündete früh (als es im Land erst 52 Fälle gab) Einreise- und Quarantänemaßnahme sowie flächendeckende Tests.

Neuseeland scheint den Kampf gewonnen zu haben; lässt sich also bereits sagen, welche Art von Führung gegen das Virus nützlich ist? Ja: exakte Analyse von Daten, flink getroffene und durchgehaltene Entscheidungen, angstfreie Kommunikation, Empathie.

Donald Trumps USA tun auf allen vier Ebenen leider das Gegenteil, aber Island scheint so durch die Krise zu kommen, ebenfalls Südkorea, Taiwan, verblüffenderweise Griechenland, schließlich Deutschland, falls wir uns jetzt nicht in unserer besonderen Mischung aus berechtigt besorgter Ungeduld und etwas weniger berechtigt bräsiger Ignoranz (als Individualität verkleidet) zu allerlei Fehlern verführen lassen.

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– Diktaturen wie China setzen beschlossene Maßnahmen rigide durch und können sie vergleichsweise früh wieder lockern. Die Freundin Wu Nan, Technologie-Journalistin in Peking, kam aus Südostasien nach Hause und schwärmt heute von der Quarantäne-Logistik: wie sie schon am Flughafen empfangen und befragt, dann überwacht wurde (mit Kamera im Flur), wie ihr aber auch Essen gebracht wurde; „Quarantäne ist der Schlüssel“, schreibt sie

– China hatte allerdings auch versagt, zuvor. Als das Virus in Wuhan noch einzufangen gewesen wäre, durften die Ärzte dort nicht darüber reden; dann wurde die Welt belogen; Journalisten, die beschreiben wollten, was war, wurden ausgewiesen; bis heute können wir den Zahlen aus Peking nicht trauen.

– Wie handlungsmächtig westliche Gesellschaften sein können, wenn sie die Bedrohung spüren, erleben wir gerade. Was wir noch nicht wissen: welche Staats- und Regierungsform langfristig am besten mit dieser Krise fertig geworden sein wird; und dann natürlich mit künftigen Krisen. Klimaforscher sprechen von der „Tragödie des Horizonts“: Wird die Demokratie ähnlich fulminant gegen eine Gefahr angehen können, die hinterm Horizont liegt?

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