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Crowdfunding : Die Masse macht’s

Ein weiteres aktuelles Beispiel zeigt, was alles möglich ist. Gerade wurde erstmals ein deutscher Film komplett über Crowdfunding finanziert. Auf einer eigenen Homepage konnte die Produktionsfirma Teamworx 170 000 Euro für den Erotikfilm „Hotel Desire“ mit Clemens Schick und Saralisa Volm auftreiben, noch vor Ablauf der 80-Tage-Frist. Das Team um Regisseur Sergej Moya hat bereits mit den Dreharbeiten begonnen. Weil es sich um einen expliziten Sexfilm handelt, der nur 45 Minuten dauert, gingen die Produzenten nicht davon aus, Fördermittel zu bekommen.

Tausende Privatpersonen spendeten kleine Beträge – einen Credit im Abspann gab es schon für 250 Euro –, es waren aber auch größere Investoren dabei. „Der Unterschied ist, dass die Macher von ,Hotel Desire‘ mit Teamworx eine große Firma im Hintergrund haben und entsprechend Werbung machen können“, sagt Claudia Rorarius. „Das kann eine kleinere Produktion nicht leisten.“ Doch auch sie glaubt, dass mit der Bekanntheit des Crowdfundings die möglichen Summen steigen. „Es gibt bereits Modelle, bei denen die Spender am Erfolg beteiligt werden“, sagt Karsten Wenzlaff.

Man muss das wollen. Denn, das sagen alle, die Erfolg hatten, Crowdfunding ist extrem zeitaufwendig. Ohne Engagement und Durchhaltevermögen geht gar nichts. „Man muss bereit sein, etwas zu investieren“, sagt Hagen Lindner von Startnext. Ein Projekt auf einer der Plattformen zu platzieren, dauert nicht länger als einen Tag. Doch dann geht die Arbeit erst los: Facebook, Twitter, Blogs, Pressearbeit. Je mehr die Projekte mit ihren Finanzierern kommunizieren, desto eher haben sie Erfolg, bestätigt Wenzlaff. Viel hängt von der Selbstdarstellung ab. Crowdfunding ist nichts für Introvertierte.

Der Berliner Filmkomponist Hans Hafner hatte das unterschätzt. Obwohl er auf der Plattform MySherpas.de 1500 Euro für die Musik zu Alexander Pfanders Film „Abschiedstournee“ gesammelt hat, warnt er vor allzu großer Euphorie. „Für mich war es zu früh“, sagt er. Eine große Spende am Schluss sicherte zwar die Finanzierung, aber Hafner rät: „Man muss die Community vorher aufbauen und sie dann kapitalisieren. Wenn der Zug erst mal rollt, ist er nicht mehr aufzuhalten.“

In erster Linie wollen sich die Künstler von der öffentlichen Förderung unabhängig machen. Die Kulturausgaben von Bund und Ländern lagen 2010 zwar bei 9,6 Milliarden Euro, doch viele innovative Projekte passen nicht in die Förderformate. Die Wege sind lang, erfordern unzählige Anträge und ein gutes Konzept. Drei Monate hatte Claudia Rorarius an ihrem gebastelt, letztlich verlorene Zeit. Sie lehnt die klassischen Förderwege nicht ab, findet es aber „schade, dass wenige Projekte viel Geld bekommen und Sachen, die eher kulturell wertvoll sind, auf der Strecke bleiben“. Und immer besteht die Gefahr, dass Projekte gefördert werden, die hinterher kein Publikum finden.

Bei Jann Klose und Claudia Rorarius waren es vor allem Freunde und Fans, die kleinere Beträge gaben. Die Bindung, die so entsteht, darf man nicht unterschätzen, so Klose. Crowdfunding sei mehr als reines Geldeintreiben. „Die direkte Beziehung zu den Fans ist wichtig, die Leute haben das Gefühl, mitgemacht zu haben.“ Das ist eine charmante Art des Marketings: Wer investiert, wird seinen Freunden davon erzählen und sie mit ins Kino nehmen oder ihnen die CD schenken. Die kaufe im Download-Zeitalter ja ohnehin kaum jemand mehr, sagt Jann Klose. „Aber wenn die Leute dir vorher das Geld geben, dann sehen sie, was es kostet, ein gutes Album zu produzieren.“

Für einen Sexfilm mit Starbesetzung sammelt es sich einfacher als für eine anspruchsvolle Doku. Auch mit einem bekannten Namen wie Bar 25 kommt schneller Geld zusammen. Doch mit einer guten Idee und ein wenig Fantasie schaffen es auch kleinere Projekte. „Wichtig ist, dass die Leute authentisch sind“, sagt Hagen Lindner von Startnext.

Es werden immer mehr. Startnext hat einen Besucherzuwachs von monatlich 45 Prozent. Und, auch das ein Ergebnis der Ikosom-Studie, Crowdfunder sind Wiederholungstäter: 96 Prozent der befragten Künstler wollen wieder ein Projekt auf diese Weise realisieren. Das gilt auch für Claudia Rorarius. Dann vielleicht den gesamten Film.

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