Cyrill Lachauer in der Berlinischen Galerie : Im Nebelnichts des Mississippi

Der Fotograf und Videokünstler Cyrill Lachauer spürt in der Berlinischen Galerie amerikanischen Mythen nach.

Der Mississippi. Tor zum Westen und Heimat von Huckleberry Finn (Ausschnitt).
Der Mississippi. Tor zum Westen und Heimat von Huckleberry Finn (Ausschnitt).Foto: Cyrill Lachauer

Die Frage ist berechtigt: „Was willst Du eigentlich hier?“ Cyrill Lachauer hat sie sich auf seiner Reise häufiger stellen lassen müssen. Von den Amerikanern, die er für die Serie „The Adventures of a White Middleclass Man“ gesprochen und mitunter auch fotografiert hat.

In der vom Künstler mit eigenen Texten und literarischen Zitaten gestalteten Zeitung, die zur Ausstellungstrias aus 36 Bildern und dem Carlos Castaneda gewidmeten Filmessay „Dodging Raindrops – A Separate Reality“ gehört, ist das in fetten Lettern nachzulesen. „What do you want here? It’s a bad town“ oder „What do you want here? You don’t even live here. Go and bother some white people!“ Das ist nicht gerade ein Sound, der nach Gastfreundschaft oder der Neugier auf Fremde klingt. Da trifft es sich, dass Cyrill Lachauer ohnehin kein Freund leicht zugänglicher Reiseführerinformationen oder gar touristischer Attraktionen ist.

Der Werkzyklus, den die Berlinische Galerie nun zeigt, gleicht einer Spurenlese. Sie hat den 1979 in Rosenheim geborenen und in Berlin lebenden Fotografen und Videokünstler tief in ein Amerika randständiger Existenzen geführt. Die Faszination für die Vereinigten Staaten treibt ihn, wie auch die vorhergehende Fotoserie „Full Service – From Walker River to Wounded Knee“ (2014/15) belegt, schon seit Kindertagen um. Worauf sie beruht, weiß der Schlaks mit der Wollmütze gar nicht genau zu sagen. Aber dass sie seit der Lektüre von Mark Twains Geschichten über Huckleberry Finn und Tom Sawyer besteht, das weiß er genau.

Degenschlucker. Fahrendes Volk am Mississippi (Ausschnitt).
Degenschlucker. Fahrendes Volk am Mississippi (Ausschnitt).Foto: Cyrill Lachauer

Vom November 2016 bis April 2017 folgt Cyrill Lachauer, der vor seinem Kunststudium an der Universität der Künste Berlin in München einen Masterabschluss in Ethnologie erworben hat, dem Lauf des Mississippi – vom Ursprung in Minnesota bis zur im Bundesstaat Louisiana gelegenen Mündung im Golf von Mexiko. „Klare Kategorien versagen angesichts dieser Fahrt, die zur Präsidentschaftswahl Donald Trumps beginnt“, schreibt er. Und ergänzt mündlich, dass die Armut rechts und links der Ufer des Stroms ihn frappiert hat.

Hobos, das waren die nordamerikanischen Wanderarbeiter

Auch in den Fotografien winterlich verwaister Felder, ins Nebelnichts starrender Menschen, verlassener Häuser und blätternder Fassaden ergibt das Abgleichen der Kindheitsmythen mit der Wirklichkeit einen eher ernüchternden Befund. Frei von Romantik ist diese Landschaftsfotografie jedoch nicht. Die nomadische Kultur der Hobos, der nordamerikanischen Wanderarbeiter, die sich laut Lachauer bei jungen Driftern aus dem Mittelstand gerade wieder einer neuen Beliebtheit erfreut, bildet er mit Aufnahmen ihrer Nachrichten-Zinken und Schlaflager an Eisenbahnstrecken ab.

Verteidigung des Gartenzauns. Erst auf den zweiten Blick fällt der extralange Revolver in der Hand des Mannes auf (Fotoausschnitt).
Verteidigung des Gartenzauns. Erst auf den zweiten Blick fällt der extralange Revolver in der Hand des Mannes auf...Foto: Cyrill Lachauer

Die historischen Figuren im Untertitel „From Black Hawk to Mother Leafy Anderson“ erinnern an einen widerständigen Häuptling und die Gründerin einer spirituellen Kirche aus New Orleans. Sie legen eine Fährte zum Subtext von Lachauers verschlüsselter Erkundung. „Ich gehe davon aus, dass Landschaft keine physische Oberfläche ist, sondern dass Kultur und Geschichte sich in den Raum einschreiben“, sagt er. Diese schweigende Geschichte, diese erzählende Landschaft ist es, die sich in seinen Fotografien widerspiegelt.

So wie in eine rostige, aus einem satten, frühlingshaften Grün fotografierte Eisenbahnbrücke. Das Foto scheint eine zufällige Idylle am Fluss zu zeigen. Doch in der korrespondierenden Zeitung ist die Hängebrücke, überschrieben mit der Ortsangabe „Shubuta, Mississippi“, auf einer historischen Fotografie zu sehen. Das alte Bild zeigt einen weißen Lynchmob, der zwei Schwarze an der Hängebrücke aufgeknüpft hat. Darüber hat Lachauer ein Zitat aus einem von ihm geführten Gespräch gesetzt: „My father stood right there on the bridge when they took the picture“. Schon ist ein unsichtbarer Faden vom historischen Rassismus in die Gegenwart geknüpft. Das ist aber auch schon das Maximum an Eindeutigkeiten, das man von einem subtilen Beobachter wie ihm erwarten kann. Auch, was für eine Funktion die über einem Acker in Golgatha-Formation aufragenden Kreuze haben, verrät Lachauers Foto aus dem Land des Ku-Klux-Klan nicht.

Mutters Hände. Eine Dame, ihr Gefrorenes und die Spuren des Lebens auf Haut und Tisch (Ausschnitt).
Mutters Hände. Eine Dame, ihr Gefrorenes und die Spuren des Lebens auf Haut und Tisch (Ausschnitt).Foto: Cyrill Lachauer

Und der weiße alte Mann in Karohemd und Jeans – eigentlich ein Amerika- und Trump-Wähler-Klischee, aber eben nicht als solches inszeniert – offenbart seine Bewaffnung mit extralangem Revolver erst auf den zweiten Blick. Eindrücklicher als die Knarre ist die Bildkomposition, die die milchige Dunstglocke des Stroms mit der Position des Alten hinter einem hohen Lattenzaun kontrastiert. Vom Eroberungsfuror des Westerners ist dieses Amerika inzwischen meilenweit entfernt. Was bleibt, ist sein Wille zur Verteidigung.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg, bis 30. April Mi-Mo 10-18 Uhr, Katalog: Distanz Verlag, 19,80 bzw. 29,90 €.

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