Daniel Lozakovich in der Komischen Oper : Mehr als ein Wunderknabe

Der 16-jährige Daniel Lozakovich spielt Tschaikowskys anspruchsvolles Violinkonzert mit absoluter Präzision und Gespür für emotionalen Spannungsaufbau.

Der 2001 in Stockholm geborene Geiger Daniel Lozakovich.
Der 2001 in Stockholm geborene Geiger Daniel Lozakovich.Foto: Lev Efimov/Komische Oper

Ein 16-Jähriger spielt Tschaikowskys Violinkonzert – da ist Skepsis angebracht. Kann ein Teenager diesem technisch überaus anspruchsvollen, ästhetisch leicht in den Kitsch abgleitenden Werk überhaupt gewachsen sein? Doch Daniel Lozakovich, den das Orchester der Komischen Oper eingeladen hat, ist kein willenloser, vom überehrgeizigen Umfeld zum Showäffchen gedrillter Wunderknabe. Sondern ein absolut seriöser junger Interpret, der hörbar aus eigenem Antrieb handelt.

Blitzsauber selbst in den heikelsten Flageolett-Passagen intoniert der in Schweden aufgewachsene Russe, schummelt bei keiner noch so heiklen Stelle, absolviert das brillante Beiwerk dieses romantischsten aller Virtuosenkonzerte mit absoluter Präzision. Was aber am meisten begeistert, geht über reine Fingerfertigkeit hinaus. Es ist Lozakovichs frühreifes Gespür für organische Phrasierung und emotionalen Spannungsaufbau. Diese Gabe ermöglicht es ihm, auch den langsamen Satz überzeugend zu gestalten. Als großen Monolog einer wunden Seele, bei dem der Solist die weit ausschwingenden Melodien ausatmen muss wie Sehnsuchtsseufzer.

Lozakovich hat sich das Stück zu eigen gemacht

So furios, dass seine Mitspieler kaum hinterherkommen, fegt der schmächtige junge Mann im dezenten grauen Anzug dann im Finale los, wirbelt förmlich dem Jubel des Publikums entgegen. Hier spielt einer nicht nur sehr schnell sehr viele Noten, sondern wirklich ein Stück, das er sich gedanklich zu eigen gemacht hat.

Eher ernüchternd dagegen ist der Eindruck, den Jordan de Souza hinterlässt, der neue Kapellmeister der Komischen Oper. Bei seiner Einstandsinszenierung „Pelléas et Mélisande“ hatte man darüber gestaunt, wie selbstbewusst eigenwillig er der Komposition alle französische Farbigkeit austrieb, durchaus passend zur Inszenierung von Barrie Kosky. Hier aber drängt sich nun ein Verdacht auf: Vielleicht liegt dem 30-jährigen Kanadier das Atmosphärische einfach nicht. Rhythmisch ist Tschaikowskys „Romeo und Julia“-Ouvertüre gut gearbeitet, doch viel zu lange hält er das suggestive Werk im Vagen, lässt lyrisch-innige Passagen neutral musizieren. So kann sich das konzentrierte Spiel des Orchesters klanglich kaum entfalten, fehlt dem Zugriff der Zauber. Ein Eindruck, der sich in Franz Schrekers dekadent ausufernder Kammersymphonie von 1917 wiederholt.

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