Daniela Elstner über „Speak Up“ : Eine Charta gegen Belästigung

Daniela Elstner stellt an diesem Samstag in Berlin die Initiative „Speak Up“ vor. Sie will „MeToo“-Betroffene in der Filmbranche unterstützen.

Daniela Elstner, Chefin der Weltvertriebsfirma Doc & Film International mit Sitz in Paris.
Daniela Elstner, Chefin der Weltvertriebsfirma Doc & Film International mit Sitz in Paris.Foto: Privat

Frau Elstner, wie kam es zu „Speak Up?“

Ich wollte gemeinsam mit anderen in der Branche etwas Europäisches auf die Beine stellen. Bei Europa International, der Vereinigung der Filmverkäufer in Europa, habe ich eine Lecture über sexuelle Belästigung in der Branche gehalten, das war die Initialzündung. Auf der Berlinale werden wir ein kleines Manifest vorstellen. Wir wollen über Anlauf- und Beratungsstellen überall in Europa informieren und erreichen, dass es so etwas wie einen Verhaltenskodex gibt. Eine Art Charta, die von Filmfirmen unterschrieben wird, von Produzenten, Verleihern, Vertriebsfirmen, Presseagenten. Wir wollen Regeln für einen respektvollen Umgang erarbeiten, zu denen sich alle verpflichten, über Landesgrenzen und Berufssparten hinaus. Es geht uns auch um die Arbeit während großer Festivals und Filmmärkte.

Sind Festivals ein besonders anfälliger Bereich für sexuelle Belästigung?

Es ist eine Zone, in der niemand so genau zuständig ist und alle nicht in ihrem gewohnten Umfeld arbeiten. Man ist nicht in seinem eigenen Land oder seiner eigenen Firma, geht abends nicht nach Hause, meist für zehn oder zwölf Tage. Die Sphären sind nicht getrennt: Meetings finden im Hotelzimmer statt, es existiert kaum eine Grenze zwischen Privat- und Berufsleben. Und alle schlafen wenig, sind überanstrengt, überreizt. Deshalb sind Festivals ein besonders schutzloser Raum. Hier müssen wir einen Rahmen stecken. Ganz konkret: Wenn jemand sich unwohl dabei fühlt, alleine zum Meeting in eine Suite zu gehen, sollte sie oder er um eine Begleitung bitten können.

Sie wurden vor 20 Jahren Opfer eines sexuellen Übergriffs, auf einem Festival. Auch ein Grund, jetzt aktiv zu werden?

Mir liegt daran, dass die junge Generation vor so etwas sicher sein kann. Mir ging es damals ähnlich wie vielen Frauen, die jetzt an die Öffentlichkeit gegangen sind. Man erlebt etwas Traumatisches, das Umfeld weiß Bescheid, aber die anderen sagen: Das gehört zum Beruf dazu, da musst du durch. Oder: So sexy, wie du angezogen bist, bist du auch selber schuld. Es ist ungemein wichtig, dass wir die Betroffenen ernst nehmen, nicht nur prominente Schauspieler, sondern auch die Praktikantin.

Es soll auch eine Hotline geben: Funktioniert „Speak Up“ ähnlich wie „Time’s Up“ in den USA?

Die Hotline ist erst mal eine Mailadresse auf unserer Website. Betroffene können schreiben, wir stellen dann Telefonnummern bereit, unter denen sie Hilfe bekommen können, etwa von Anwälten, teils auch honorarfrei. Wir hatten zunächst über Crowdfunding nachgedacht, aber in Europa bekommt man nicht wie in den USA mit wenigen Spenden von Hollywoodstars einen Fonds mit einer zweistelligen Millionensumme zusammen. In Europa werden Filme zu großen Teilen staatlich gefördert, deshalb suchen wir uns institutionelle Unterstützung und sind etwa mit Brüssel im Gespräch. Die Initiative auch institutionell zu verankern, das ist die europäische Antwort auf „Time’s Up“.

17.2., 12.15 Uhr Meistersaal (Köthener Str. 38), beim Seminar „Close the Gap“. Anmeldung: www.eventbrite.eu. Die Website www.speakupnow.eu wird an diesem Samstag freigeschaltet, mit Informationen und Beratungsangeboten.

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