Das Café M wird 40 Jahre alt : Früher Stamm-Bar von Nick Cave, heute Legende

Das Café M in Schöneberg war einst ein Tummelplatz urbaner Coolness, voller Stars und eigenwilliger Regeln. Heute wird es 40 Jahre alt. Ein Grund zum Feiern?

Das Café M im Winter 2018/19, von innen, mit Blick auf die Goltzstraße.
Das Café M im Winter 2018/19, von innen, mit Blick auf die Goltzstraße.Foto: privat

Es stellt sich die Frage, ob er tatsächlich ein Grund zum Feiern ist, dieser 40. Geburtstag des Café M in der Schöneberger Goltzstraße; mit der Coolness und Hipness hört das in so einem Alter ja oft auf. Heute ist das M ein Café von vielen, immerhin existiert es noch. Doch eine Legende gehört natürlich gefeiert. 

Wer in den achtziger Jahren nach Berlin kam, nach West-Berlin versteht sich, und seine ersten Nachtlebenserfahrungen im Mitropa machte, wie das Café M in noch grauerer Vorzeit lustigerweise hieß, bis die Speisewagengesellschaft der Reichsbahn diesen Namen verbot, so die Legende, der oder die lernte im Café M gleich so einige urbane Regeln: Bedient wurde nicht am Tisch. Von einer Bedienung an der Theke konnte jedoch genau so wenig die Rede sein.

Arroganz und Ignoranz waren Trumpf, bis doch mal ein Blickkontakt mit dem Keeper oder der Keeperin hergestellt war. Dann gab es Flensburger (kein Beck’s, wie sonst überall in West-Berlin) oder die Schale Milchkaffee (wie überall). Und es galt, Blicke, die es von den Keepern nicht gab – nämlich die der anderen im Laden – auszuhalten: Durch das Café M zu laufen bis hinten zum Telefon und zu den Klos, war wie auf dem Laufsteg.

Wer nun erst in den späten achtziger oder frühen neunziger Jahren zum M-Sitzer wurde, musste sich häufig von Altvorderen anhören, dass die großen Zeiten des Café M vorbei seien. Jemand wie Nick Cave, der hier angeblich ein und ausging, habe die Stadt lange verlassen, auch Blixa Bargeld würde kaum noch zu sehen sein.

Doch was war das für ein Getuschel, ein Frohlocken, wenn Blixa, ein anderer Neubauten-Musiker oder ein Exil-Australier wie Simon Bonney doch vorn rechts am Eingang stand, mit der Tresenkraft plauderte und Kaffee für eine Mark fünfzig trank! Oder wenn gar Wim Wenders mal hereinlugte, weil er nicht zuletzt im M das Personal für die Cave-Konzert-im-Esplanade-Szene von „Himmel über Berlin“ zusammengesucht hatte.

„Was könnten die Wände erzählen?", hat David Wagner gefragt

Warum das M, fragt man sich bisweilen? Warum ist es so legendär geworden? Und nicht das Lux nebendran, das Fischlabor, das um die Ecke war, oder die Rössli-Bar? Wegen der Bargeld-Cave-Connection? Wegen seiner Schlichtheit, den rumpeligen roten Kunststofftischen, den rot, grün oder schwarz geflochtenen Plastikstühlen? Oder wegen seiner Ed-Hopper-Fensterfront, die doch nichts half, weil der Laden durchweg zugeraucht war?

Doch waren es weniger die Promis als die vielen skurrilen Typen, die das M zu seinen großen Zeiten ausmachten. Zum Beispiel der „Skateboardfahrer“ mit seinem Kanu- R-4, der Anzugsträger, der immer Joyce und Proust las, zumindest bis zum dritten Bier, oder der „Serbe“. Oder Tanith, der noch nicht bekannt war; dann der „Taxifahrer“, der immer nur Milchkaffee trank; oder die Nachtigall von Ramersdorf, die oft Tische abräumte, aber böse wurde, wenn man das nicht belohnte.

„Was könnten die Wände erzählen?“, hat der Schriftsteller David Wagner einmal in einem Café-M-Erinnerungstext gefragt. „Wen haben sie hier sitzen sehen? Was haben sie belauscht? Wie oft habe ich hier eigentlich gesessen? Mit wem?“. Beantwortet hat er diese Fragen nicht. Was auch heißt: Das Café M, es ist noch lange nicht auserzählt.

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