Das Comeback der Kassette : Drück mal auf die Rückspultaste

Analog ist besser: Nicht nur die Vinylschallplatte, sondern auch die Musikkassette erlebt derzeit eine verblüffende Renaissance. Eine Begegnung mit den Chefs von zwei Berliner Tape-Labels.

Elia Buletti vom Label "Das Andere Selbst".
Elia Buletti vom Label "Das Andere Selbst".Foto: Thilo Rückeis

Die gute alte Schallplatte ist wieder da, das hat sich inzwischen herumgesprochen. In Berlin machen neue Plattenläden auf, und Vinyl spielt bei den Kalkulationen von Plattenfirmen wieder eine Rolle. Die CD wird sterben, glauben viele Fachleute, für Schallplatten aber werde es auch weiterhin ein paar Liebhaber geben.

Gleichzeitig findet ein noch viel erstaunlicheres Comeback statt: das der Kassette. Dabei könne man nicht mal von Comeback reden, so Robert Schulze, der in Friedrichshain den Plattenladen Bis auf’s Messer mitbetreibt. Denn in subkulturellen Nischen wie der Punk- oder Noiseszene sei die Kassette eigentlich nie weg gewesen. Dort gelte sie immer noch als perfektes und billiges Medium – zwischen fünf und sieben Euro kostet ein Tape im Normalfall –, um neue Bands kennenzulernen. Tatsächlich kann man in Schulzes Plattenladen außer Vinyl und CDs auch jede Menge Tapes kaufen. Alleine ist er damit in Berlin nicht. Der Plattenversand „Hip Hop Vinyl“ mit Sitz in Friedrichshain hat unzählige Tapes im Programm. Auch der Neuköllner Plattenladen Staalplaat, der sich auf experimentelle Klänge aller Art spezialisiert hat, führt eine große Tape-Sektion. Und das, obwohl man doch dachte, alle hätten schon vor Jahren mit ihrem Video- auch gleich den Kassettenrekorder auf den Sperrmüll getragen.

Kassetten sind einfacher und günstiger zu produzieren als Schallplatten

Auch wenn die Kassette zu Beginn des Jahrtausends weitgehend verschwand, Traditionsfirmen wie TDK, Maxell und BASF die Produktion von Kassetten irgendwann einstellten und der Walkman endgültig reif fürs Museum wurde, überlebte die Kassette in diversen Nischen. Und sei es nur als Nostalgieobjekt auf Flohmärkten, wo Kassetten mit „Benjamin Blümchen“- und „TKKG“-Folgen angeboten werden.

Doch was derzeit mit der Kassette passiert, ist mehr als die Folge wehmütiger Erinnerungen an eine Zeit, in der man der oder dem Liebsten ein Tape aufnahm, es bemalte und mit den Worten „Hör das, das bin ich!“ überreichte. Das Tonband, dieses analoge Medium aus der Steinzeit der Aufnahmetechnik, wird in manchen Kreisen wieder eingesetzt, um im flüchtigen Digitalzeitalter ein physisches Medium bereitstellen zu können. Etwas, das man – anders als einen Stream – in der Hand halten, verleihen, sammeln kann. Zudem sind Kassetten einfacher und kostengünstiger zu produzieren als Schallplatten.

Vor allem in Großbritannien und den USA gibt es unzählige Tape-Labels, meist aus dem experimentellen und elektronischen Bereich. Wie in der Blütezeit der Kassettenkultur in den Achtzigern versuchen diese Labels, eigene Vetriebsstrukturen aufzubauen und eine kommerziell unabhängige Musikkultur abzubilden. Labels wie Night People oder The Tapeworm können sogar etabliertere Avantgarde-Musiker wie Oren Ambarchi oder Elektro Guzzi davon überzeugen, wieder exklusiv auf Tapes zu veröffentlichen. Auch eines der führenden Hipsterlabel, Not Not Fun aus Los Angeles, veröffentlicht viel ausschließlich auf Kassette. Und das etablierte Indielabel Drag City bringt seit etwa drei Jahren wieder fast jede Neuerscheinung nicht nur als Vinyl und CD, sondern auch auf Kassette heraus. Dass Kassetten wieder ein ernstzunehmendes Medium sind, beweist auch der „Cassette Store Day“, den es seit zwei Jahren gibt.

Der Tapehype hält sich in Deutschland noch in Grenzen

„In den USA“, sagt Rinus van Alebeek, „hat es aber auch schon immer eine ausgeprägtere Kassettenkultur gegeben als hier. Das geht schon los mit den ganzen Selbsthilfekassetten, die man dort viel selbstverständlicher gehört hat als bei uns – etwa beim Autofahren.“ Mit Staaltape, das er in Eigenregie führt, obwohl es lose an den Berliner Plattenladen „Staalplaat“ angeschlossen ist, betreibt er seit vier Jahren sein eigenes Tape-Label. Noch sieht er hierzulande keinen Tapehype wie in den USA, er ist aber davon überzeugt, dass auch bei uns das Interesse an der Kassette zunehmen werde. Deutsche Blogs wie Tape Attack seien da nur der Anfang. Eben ist er von Berlin nach Italien gezogen, für seine Labelarbeit spiele der Ortswechsel jedoch keine Rolle, sagt er. Dank Internet könne er seine hundertprozentig analogen Produkte von überallher betreuen.

Van Alebeek ist ein echter Tape-Enthusiast. Er höre nur noch Kassetten, sagt er, und glaubt, sie haben sogar einen typischen Sound: „Analoge Aufnahmen haben für mich einfach mehr Power.“ Damit argumentiert er ähnlich wie viele Vinylliebhaber, die gerne vom „warmen“ Klang ihres bevorzugten Mediums im Gegensatz zu den „kalt“ klingenden CDs sprechen.

Auf Staaltape erscheinen unregelmäßig Veröffentlichungen von experimentellen Musikern, die sowieso nicht damit rechnen, von einer großen Firma unter Vertrag genommen zu werden. Dafür bekommen sie bei van Alebeek sehr liebevoll gestaltete Tapes, die er in kleinen Auflagen zwischen zwölf und 150 Stück vertreibt. Das meiste davon über den „Staalplaat“- Plattenladen. Um Geld kann es hier niemandem gehen. Es zählt die reine Liebe zum Objekt. „Die Kassetten sind wie kleine Bücher für mich“, sagt van Alebeek, „Artefakte, die super aussehen können und bei denen ich versuche, sie zu kleinen Kunstobjekten zu machen.“

Eine Gegenbewegung zur Durchdigitalisierung unserer Lebenswelt

Ganz ähnlich ist das auch bei Elia Buletti, der vor sieben Jahren mit seinem Label Das andere Selbst von Genf nach Berlin gezogen ist und jetzt in Neukölln wohnt. Gleich mehrere alte drehbare Kassettenständer stehen in seiner Wohnung, es läuft die Musik eines Internetradiosenders. Buletti, der selbst auch elektronische Experimentalmusik produziert, drückt einem gleich einen Stapel Kassetten in die Hand. Die Hüllen sind irre bunt, fast, als seien sie im LSD-Rausch entstanden. Die Kassetten selbst sind meist auch noch bedruckt worden.

Es gibt keine Barcodes auf den Tapes von Bulettis Label und kaum Informationen über die jeweiligen Künstler. Die Ästhetik scheint wichtiger zu sein als Künstlernamen oder Songtitel. Auf manchen Tapes steht gar nichts, auf einem lediglich „Marimba“. Manchen liegen Download-Codes bei: Wer keinen Kassettenrekorder mehr hat, soll trotzdem die Möglichkeit haben, die Musik zu hören. Eine Gegenbewegung zur Durchdigitalisierung unserer Lebenswelt will die neue Kassettenszene also nicht unbedingt sein, obwohl es durchaus auch Kampfansagen ans Internet gibt. Buletti kramt zum Beweis eine Kassette des Labels Digital Death Records heraus, von dem es angeblich keinerlei Spuren im Netz gibt.

Kassetten stehen für eine bestimmte Haltung und entschleunigen den hektischen Klick-Alltag. Das kleine Plastikding, das man umständlich vor- und zurückspult, wobei der gefürchtete Bandsalat entstehen kann, wird mit neuer Bedeutung aufgeladen. „Tapes zu hören, ist eine Lebensweise“, sagt Buletti. Er glaubt, dass man sich ein Tape einfach bewusster anhört als einen Spotify-Stream. Für ihn passt die Kassettenkultur, die sich tatsächlich größtenteils außerhalb der Verwertungsmechanismen der etablierten Musikindustrie befindet, zu dem Bedürfnis, sich nicht von Facebook und Algorithmen abhängig zu machen.

Musikindustrie zeigt neues Interesse an der Kassette

Allerdings bringt die Musikindustrie der Kassette inzwischen ein neues Interesse entgegen. Das Wiederveröffentlichen und das Ausgraben musikalischer Schätze aus aller Welt ist längst zum Geschäftsmodell unzähliger Labels geworden. Die ungewöhnlichsten Funde machen sie – da langsam jede Schallplatte mindestens einmal wiederveröffentlicht worden ist – mit der Wiederaufbereitung von Kassetten. Das Label Awesome Tapes From Africa etwa treibt in Afrika obskure Tapes auf, um diese auf einem westlichen Markt zu veröffentlichen, der gerade absolut gierig ist auf Funk aus Nigeria oder Jazz aus dem Senegal. Auch die gerade auf einem englischen Label erschienene Compilation „Science Fiction Park Deutschland“ gräbt weitgehend vergessene Kassettenmusik der Achtziger aus. Auf dem Sampler findet sich unter anderem das Stück „Die Bombe“ des Duos Das Glück, bei dem Berlins heutiger Kulturstaatssekretär Tim Renner das Casio-Keyboard bediente.

Renner betrieb damals auch ein Kassettenfanzine. Vielleicht sollte er mal im Keller nachschauen, ob noch einige seiner Tapes von früher herumliegen. Sammler würden dafür heute Unsummen zahlen.

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