Das DSO in der Philharmonie : Achtung, Hochspannung!

Christoph Eschenbach und das Deutsche Symphonie-Orchester spielen auf hohem Energielevel. Tzimon Barto erreicht das nicht ganz.

Jonas Zerweck
Der Dirigent Christoph Eschenbach
Der Dirigent Christoph EschenbachFoto: Manu Theobald

Zur Faust ballen sich die Finger. Tzimon Barto hebt sie hoch, etwas über seinen Kopf. Dann dreht sich sein wuchtiger Oberkörper leicht nach links ein, die Faust beschleunigt, zieht eine enge Kreisbahn durch die Luft und schlägt auf den tiefen Tasten ein. Zweites Klavierkonzert von Béla Bartók, mittlerer Satz.

Die Brutalität der Geste drückt sich im Klang aus. Hart brechen die Töne in die Philharmonie. Gleich danach schon das Gegenteil: Der Pianist streichelt mit den Hämmern die Saiten, und dem Publikum fliegen weiche, abgerundete Klänge entgegen. Dass die wie lyrische Melodien wirken, liegt am Klangrahmen, den Christoph Eschenbach und das Deutsche Symphonie-Orchester ihnen geben. Die Streicher zum fein flirrenden Fundament formiert, muss Barto seine sanften Klänge nur noch draufsetzen.

Eschenbach sorgt sensibel dafür, dass stets das Orchester den Klavierklang stützt. Nur an ausgesuchten Stellen wie den langen Trillern im zweiten Satz mischt er die Töne des Flügels als Farbe in den Orchesterklang. Behutsam lässt er das DSO anschwellen, das Soloinstrument wird zu einem der vielen.

Tzimon Barto fügt sich der Leitung Eschenbachs – wohl auch, weil er sicher sein kann, dass die Bühne ihm gehört. Dafür sorgt sein seit einiger Zeit sehr vertrauter Spielpartner am Pult verlässlich. Dass die beiden oft gemeinsam auftreten, zeigt sich auch in der Art und Weise wie sie miteinander kommunizieren. Nur selten nehmen sie Augenkontakt auf, doch trotzdem passt die Feinabstimmung. Tatsächlich wendet sich Eschenbach lediglich in den heiklen Momenten zu dem in seinem Rücken sitzenden Barto.

Im steten Fluss

So wunderbar filigrane und harsch polternde Klänge Barto auch zaubert, so virtuos er die schnellen Passagen mit leichtem Anschlag meistert, nach der Pause herrscht ein anderes Energielevel auf der Bühne.
Mit den ersten Noten wird das klar, bis zu den letzten bleibt der Eindruck bestehen. Wie entfesselt spielt das Deutsche Symphonie-Orchester, dann ohne Klavier vor der Nase, Robert Schumanns zweite Sinfonie. Aufmerksam folgen die Musikerinnen und Musiker den Anweisungen des Maestros. Der wiederum hält zu allen engen Kontakt und führt sie sehr präzise. Von abwechselnden Instrumentengruppen gespielte Motive enthebt er deutlich dem Gesamtklang, sodass sich unter ihnen kleine Dialoge entwickeln. Mal sind es die ersten Violinen mit den zweiten, später mal mit den Celli. Und die Oboe darf über einem wogenden Streichermeer ihre Stimme entfalten.
Vor allem aber charakterisiert Eschenbachs Interpretation ein stetes Fließen – selbst dort, wo Schumann die Linien am Anfang des ersten Satzes durch stoppende Tuttischläge unterbricht, denkt der Dirigent die Bewegung weiter.

Den musikalischen Fluss unterstützt er durch Zweierlei: Zum einen sind es die eher flotten Tempi. Gerade im zweiten Satz stellen sie eine Herausforderung an das Orchester dar, die es aber souverän mit ungebrochener Spielfreude und Genauigkeit nimmt. Zum anderen ziehen die weit ausholenden Spannungsbögen das Stück immer nach vorne. Eschenbach steuert den Klangkörper auf klare Zielpunkte hin, baut mit den Musikern eine packende Intensität auf. Nur selten lässt er die Bögen wirklich mal ganz los und setzt neu an. Ganz nebenbei lädt sich die Musik dadurch mit einer ungeheuren Spannung auf.

Auf www.deutschlandfunkkultur.de ist das Konzert nachzuhören.

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