Kultur : Das Ende der Sklavenhalter

Römische Ökonomie: Max Webers Aufsätze zum Altertum in der Gesamtausgabe vollständig ediert

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Anfang 1898 schrieb Max Weber in einem Brief, dass „mein Fach mich dazu verdammt, mich zunächst in die Zustände des Altertums zu vergraben und nur über diesen zäh-materiellen Umweg an den Menschen des Altertums gelangen zu können“. Zwei Jahre zuvor war er von der Jurisprudenz zur Volkswirtschaft gewechselt – und hatte mit dem Aufsatz „Die sozialen Gründe des Untergangs der antiken Kultur“ Furore gemacht. Nicht die Ende des 19. Jahrhunderts in fin-de-siècle-Stimmung gern beschworene Dekadenz trug nach Weber die Schuld am Untergang des Römischen Reiches, sondern ökonomische Gründe. Das Versiegen der auf den Expansionskriegen beruhenden Sklavenbeute und die dadurch verursachte Umstellung auf selbstgenügsame Naturalwirtschaft außerhalb der aufgeblähten Großstädte wie Rom waren die Ursache. Dem antiken Menschen kam Weber, der künftige Begründer der Soziologie, in seinen jungen Jahren noch nicht recht nahe, erkannte aber in Umrissen sein Ziel. Die monumentale Max-Weber-Gesamtausgabe versammelt in ihrem jüngsten Band I/6 „Zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Altertums“ Schriften und Reden der Jahre 1893 bis 1908, also von Webers Habilitation über seine langjährige Lebenskrise hinweg bis in die Gründungszeit der „Deutschen Gesellschaft für Soziologie“. 1908 erschien Webers „großer Aufsatz“ über die „Agrarverhältnisse im Altertum“, der im vorliegenden Sammelband glatte 427 Seiten einnimmt – ein Beleg für Webers unmäßiges Arbeitspensum, sollte es doch lediglich um die Überarbeitung eines früheren Beitrags für ein Handwörterbuch gehen. Weber hat die Arbeit an diesem Aufsatz buchstäblich verflucht, musste anschließend – wie so oft – wochenlang Urlaub machen. Doch diese „Pflichtarbeit“ zieht die Summe aus einer jahrelangen Beschäftigung mit dem Altertum, die nun die sozioökonomischen Kategorien hervorbringt, die Weber zum bewunderten, von konservativen Kollegen misstrauisch beäugten „bürgerlichen Marxisten“ stempelten. Und wie stets in seiner Soziologie betont er die Labilität der gesellschaftlichen Verhältnisse, die von zahllosen, einander widerstreitenden Interessen ihrer Akteure bestimmt und eben auch unterminiert werden.

Die Altertumsforschungen zählen nicht zum Kernbestand des Weber’schen Œuvres. Sie sind gleichwohl vom gleichen, unerbittlichen Geist durchzogen: unerbittlich gegen jede Verklärung, und stets auf der Höhe des Forschungsstandes. Für die Hoch-Zeit des europäischen Imperialismus war Webers Analyse ein Affront. So schlicht-sachliche Gründe mochte man damals, im Vollgefühl der eigenen Überlegenheit, nicht hören.

Max Weber: Zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Altertums. Hrsg. v. Jürgen Deininger. Max-Weber-Gesamtausgabe I/6. Tübingen, Verlag Mohr (Paul Siebeck), 2006. 978 S., 329 €.

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