Kultur : Das Ende des Herankumpelns

Christine Wahl

Wenn sich erwachsene Menschen unter Aufbietung sämtlicher Zappelphilipp-, Knatsch- und Kulleraugen-Ressourcen an der Kunst der Kinder-Imitation verheben und dabei in jedem Satz dreimal „megageil“ sagen, ist klar: Man befindet sich in einem angestrengten Kindertheaterstück. Leider hat die versuchte krachlederne Herankumpelei nicht gerade Seltenheitswert. Man kann es dem Nachwuchs nicht verdenken, wenn er solche Veranstaltungen damit zubringt, irritiert in sein Programmheft hineinzufeixen.

Der Regisseur Hans-Werner Kroesinger hält nichts von Publikumsunterforderung. Egal, ob er für Zehn-, für Dreißig- oder für Sechzigjährige inszeniert: Kroesinger verrät seinen Anspruch des genauen, differenzierten Blicks nicht an falsch verstandene Kompromisse. Seine auch für Erwachsene erhellende Arbeit Die Kindertransporte im Theater an der Parkaue ( 6.3. und 26./27.3., 18 Uhr sowie 7./8.3., 10 Uhr) konfrontiert Zuschauer ab zehn mit dem Schicksal der etwa 10 000 jüdischen Kinder und Jugendlichen, für deren Aufnahme die britische Regierung nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 die Grenzen öffnete. Kroesinger betrachtet das Sujet aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Die Quellen erzählen genauso ermutigende wie bizarre oder deprimierende Geschichten.

So verschweigt die Inszenierung nicht, dass die Kinder auch in England mit antisemitischen Vorurteilen konfrontiert waren oder dass die Ankunft in London mit einer demütigenden Besichtigungssituation einherging, wo Pflegeeltern sich die hübschesten Flüchtlingskinder aussuchten, während die Pummligen und Pickligen stundenlang sitzen blieben. Der Erfolg – wache, augenscheinlich mitnichten überforderte Zuschauer in ausverkauften Aufführungen – gibt Kroesinger gegenüber den notorischen Niveauherunterschraubern recht.

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