• Das große Finale der Streaming-Tipps: Diese Online-Empfehlungen hat unsere Kulturredaktion für die nächsten Wochen

Das große Finale der Streaming-Tipps : Diese Online-Empfehlungen hat unsere Kulturredaktion für die nächsten Wochen

Drei Monate lang haben wir an dieser Stelle täglich digitale Kulturtipps veröffentlicht. Heute das große Finale - mit einem Ausblick auf das Streamingangebot dieses Sommers.

"Orpheus" an der Komischen Oper - gestreamte Inszenierungen hielten im Lockdown die Erinnerung an reales Theater wach.
"Orpheus" an der Komischen Oper - gestreamte Inszenierungen hielten im Lockdown die Erinnerung an reales Theater wach.Foto: Iko Freese/drama-berlin.de

Wieder offen, noch geschlossen? Die Kulturwelt erlebt gerade eine Zwischenzeit. In manchen Bundesländern können Theater und Konzerthäuser bereits wieder bespielt werden, in anderen nicht. Auch in Berlin bleiben bis zum Ende der Saison die Türen der Musentempel geschlossen. 

Ebenso gehören die Clubs wegen der besonderen Gefährdung tanzender, schwitzender, sich unweigerlich nahe kommender Gäste zu den Veranstaltungsorten, die mit am letzten wieder öffnen können. Während die meisten großen Festivals und Open-Air-Konzerte dieses Jahr weitgehend ausfallen, kann eine Vielzahl von Museen bereits wieder besucht werden: Mit Mundschutz, Abstand und Wegelenkung ist Kunst-Gucken möglich, bei beschränkter Besucherzahl. 

Die Literaturhäuser können wegen ihrer oft kleineren Säle nur vorsichtig wieder öffnen. Die Kinos legten einen Stotterstart hin, nahmen bundesweit versetzt den Betrieb wieder auf. 

Berlin ist ab nächsten Donnerstag wieder dabei, weshalb Sie ab 2. Juli die wichtigsten Kinostart-Kandidaten auch wieder auf der wöchentlichen Filmseite finden, und im Veranstaltungsmagazin „Ticket“.

Die staatlich Geförderten haben eine besondere Verantwortung 

Wir leben in einer Zwischenzeit. Bald ist Sommerpause, viele Kultureinrichtungen streamen aber nach wie vor, vor allem die staatlich geförderten. Denn sie werden ja finanziert, tragen in diesen kulturbeschränkten Zeiten also auch eine besondere Verantwortung, nicht zuletzt gegenüber den freischaffenden Künstlern und den privatwirtschaftlich betriebenen Häusern, die zwar mit staatlicher Hilfe rechnen können, aber trotzdem ums Überleben kämpfen. „Was machen wir heute?“: Unter diesem Titel haben wir auf tagesspiegel.de seit dem März tägliche Streamingtipps für Kulturflaneure zusammengestellt. Hier nun unser Finale mit Online-Tipps über den Tag hinaus. Ab Donnerstag finden Sie Streaming-Vorschläge dann auch jede Woche in „Ticket“. 

Film-Tipps

Es gibt nicht nur Netflix und Co. – auch wenn es sich lohnt, dort zum Beispiel den neuen Spike-Lee-Film „Da 5 Bloods“ zu gucken. Für Filmfans wurde der Lockdown nicht zuletzt wegen des Arsenal 3 mit kuratierten Zwei-Wochen-Programmen erträglich, die gratis im Netz präsentiert wurden. Und dank der zahlreichen Arthouse-Portale, die neben den Big Playern Streamingdienste anbieten, im Abo oder im Einzel-Angebot. Mubi (https://mubi.com) zum Beispiel, die am breitesten aufgestellte Arthouse-Plattform mit ebenfalls kuratierten Programmen. Jeden Tag ploppt ein neuer Film auf, der dann einen Monat zugänglich ist, man hat also ständig die Wahl zwischen rund 30 Filmen. Zur Zeit zum Beispiel zwischen David Lynchs „Elefantenmensch“, einer Jim-Jarmusch-Retro und einer Indien-Reihe. Oder www.filmingo.de (mit besonders vielen Produktionen aus Asien und Afrika). Oder www.alleskino.de fürs einheimische Heimkino, die Redaktion empfiehlt gerade die Karin-Duve-Romanverfilmung „Taxi“ oder auch „Love Steaks“ von Jakob Lass. Indie-Freaks werden vor allem auf Realeyz.de (https://realeyz.de) fündig, ein Portal, das besonders viel Underground, Experimentelles und queere Produktionen versammelt. Die meisten Plattformen kann man kostenlos ausprobieren. 

Literatur-Tipps

Die Wasserglaslesung war out, auch die Literaturhäuser probierten neue Formen aus, vom Podcast bis zum Kachelbild-Talk. Wer nun zur Analog-Veranstaltung zurückkehrt, bietet mitunter beides an. Das Literaturhaus München zum Beispiel (https://www.literaturhaus-muenchen.de) bittet ab 1. Juli in den Saal und parallel zum Livestream. Gleich am Mittwoch präsentiert Rolando Villazón seinen neuen Mozart-Roman„Amadeus auf dem Fahrrad“.  Das Stuttgarter Literaturhaus (https://www.literaturhaus-stuttgart.de/ ) fährt im Juli ähnlich zweigleisig. Das Berliner Literaturhaus in der Fasanenstraße nutzt auch weiter die Online-Option. Unter dem treffenden Titel „Together in Another World“ diskutieren etwa am 3. Juli die Kunsthistorikerin Isabelle Graw und der aus New York zugeschaltete Schriftstellerin Chris Kraus über Aspekte des Alltags, von Waxing Studios bis zur Ankunft von Flüchtlingen in Deutschland. Ab 18 Uhr unter https://www.literaturhaus-berlin.de/ . Und das Literarische Colloquim am Wannsee (https://lcb.de) setzt seine „weiter lesen“-Podcast fort, ebenso seine „Grenzgäng zwischen Realität und Fiktion“.

Rolando Villazón präsentiert am Mittwoch im Literaturhaus München seinen neuen Mozart-Roman.
Rolando Villazón präsentiert am Mittwoch im Literaturhaus München seinen neuen Mozart-Roman.Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Pop-Tipps

Die tolle Website Unitedwestream mit Live-Übertragungen von DJ Sets, Konzerten, Performances und Gesprächsrunden macht erstmal Pause. Doch die über 60 gestreamten Abende mit einem who is who der lokalen und internationalen DJ-Szene sind weiterhin im Netz abrufbar (https://unitedwestream.berlin/). Neben einer beachtlichen Spendensumme, die so manchem Club über magere hinwegzukommen hilft, ist ein einzigartiges Video- und Soundarchiv der zeitgenössischen DJ-Kultur entstanden. Die zu Beginn des Lockdowns ins Leben gerufene Plattform berlinalive (https://www.berlinalive.de) bietet aber weiterhin neben Lesungen und Freie-Szene-Angeboten auch etliche Konzerte, vom Lolita Kitchen Sound über Stephan Graf von Bothmers „Piano Visions“ bis zum Stream aus dem Wild At Heart Club. Auch Manfred Maurenbrecher setzt seine Wohnzimmer-Konzerte fort. 

Wie groß die Sehnsucht nach Live-Musik ist, belegen die enormen Klickzahlen der Tiny Desk Concerts des US-Radionetzwerks NPR auf Youtube. Die neuesten Clips von Alicia Keys, The Lumineers oder dem grandiosen Harry Styles sind alle kurz vor dem Lockdown aufgezeichnet worden. Die strengen Kontaktbeschränkungen in den USA erlauben noch keine neuen Studiotermine mit Zuschauern, und seien es noch so wenige (https://www.npr.org/series/tiny-desk-concerts/ oder über Youtube). Diese Lücke füllen die Tiny Desk (Home) Concerts, bei denen man den im häuslichen Umfeld Musizierenden sogar noch näher auf die virtuelle Pelle rücken kann. Zwar fehlt der Begeisterungsschub durch das Publikum, doch welchen Enthusiasmus Lianne La Havas, Little Dragon oder die wunderbaren Haim-Schwestern in diesem minimalistischen Setting an den Tag legen, ist unbedingt sehenswert (https://www.npr.org/series/820178308/tiny-desk-home-concerts oder über Youtube).

Eine direkte Reaktion auf den Lockdown ist das von den Hip-Hop Produzenten Timbaland und Swizz Beatz ins Leben gerufene Webcast-Format Verzuz TV. in bis zu fünfstündigen Konferenzschalten spielen sich jeweils zwei Stars der Black Music gegenseitig ihre Lieblingssongs vor und diskutieren leidenschaftlich darüber. Klingt nerdig? Ist es auch, aber wenn Berühmtheiten wie Bounty Killer und Beenie Man, Erykah Badu und Jill Scott oder DJ Premier und The RZA sich gegenseitig an Begeisterung zu übertrumpfen versuchen, ist das von hohem Unterhaltungswert (http://verzuztv.com/ oder über Youtube). 

Klassik-Tipps

Aktuelle Musikstreams gibt es von den Berliner Opernhäusern voerst keine mehr, die Häuser sind in der Sommerpause. Trotzdem finden sich weiterhin die "Lieblingsstücke" auf der Webseite der Deutschen Oper Berlin: Ensemblemitglieder stellen ihre Favoriten vor. Außerdem noch: Die kommentierte Werkeinführung in "Aida" und Uli Aumüllers Film über "Heart Chamber". Stark reduziert wurde das digitale Angebot der Berliner Staatsoper: Aktuell sind nur noch die Streams des Lieberabends vom 19. Juni, u.a. mit Anna Samuil, und der Operngala vom 20. Juni online. Auch die Komische Oper Berlin verabschiedet sich am 3. Juli in den Sommer, bietet aber weiterhin Inszenierungen im Stream an ("Moses und Aron", "Jewgeni Onegin"), aktuell und nur bis kommenden Montag Abend (29.6) "Orpheus" von Claudio Monteverdi in der Regie von Barrie Kosky. Ebenfalls online: drei Diskussionen über das Verhältnis von Streamen und Live-Aufführungen ("At the crossroads digital!", alles unter www.komische-oper-berlin.de).


Die Berliner Philharmoniker bieten bis 12. Juli noch jeden Samstag ein Livekonzert in der "Berlin Phil Series" an, das jeweils am nächsten Tag wiederholt wird, für HEUTE, Samstag 27. Juni zum Beispiel Konzerte für Ensemble und ein Soloinstrument von Vivaldi, Bach und Händel. Tickets dafür gibt es in der Digital Concert Hall. Noch bis 8. Juli sendet das Berliner Klavierfestival jeden Tag einen musikalischen Gruß aus dem Internet auf seiner Webseite, unter anderem mit Pianist Martin Helmchen. Und das Konzerthaus am Gendarmenmarkt präsentiert weiterhin die sechs Sonaten und Partiten für Violone Solo von Johann Sebastian Bach, interpretiert von sechs verschiedenen Berliner Geigerinnen, außerdem noch so manches anderes auf seiner Webseite, etwa die montäglichen digitalen Playlists oder ein Mitmachprogramm für Kinder. Das Open-Air-Konzert des Konzerthausorchesters mit Christoph Eschenbach und Beethovens Fünfter ist auf Youtube zu sehen. Und um nicht nur auf die Hauptstadt zu blicken, seien hier wenigstens noch zwei weitere Webseiten erwähnt - stellvertretend für die vielen Konzertsäle und Opernhäuser in Deutschland, die auch in der Krise digital weitergemacht haben. Das interessante und abwechslungsreiche Programm der Hamburger Elbphilharmonie auf www.elbphilharmonie.de wird laufend erweitert. Und in Nürnberg beginnt an diesem Samstag (27.6.) die ION, das Festival für Geistliche Musik. Alle Streams können auch auch im Nachhinein noch angesehen werden.

Theater-Tipps

Die meisten Bühnen haben ihr Streaming-Programm eingestellt, dafür aber hoffnungsfroh ihre Spielpläne für die Saison 2020/21 publiziert. Erste Wahl für einen Überblick, was täglich trotzdem an Inszenierungsmitschnitten geboten wird, ist der Nachtkritikstream - er listet ausgewählte interessante Aufführungen auf, nicht nur in Berlin, sondern im ganzen deutschsprachigen Theaterraum. Hier an der Spree führt das Berliner Ensemble live und physisch den ganzen Sommer sein Hof-Theater auf, aber auch virtuell ist unter "BE at home" auch weiterhin manches geboten, zum Beispiel Andreas Döhler und Josefin Platt mit Antonin Artauds Gedanken zum Theater und die Pest, die Frank Castorf in seine "Galileo Galilei"-Deutung mit dem erst vor wenigen Tagen verstorbenen Jürgen Holtz integriert hat. Beim Deutschen Theaters Berlin hingegen haben sowohl das Haus wie auch die Webseite bis einschließlich 9. August Sommerpause, ähnliches gilt für die Volksbühne, die auch digital nur noch ein Schatten ihres früheren Selbst zu sein scheint. Das Maxim Gorki Theater setzt online unter anderem die Serie "Berlin Calling" fort, die sich mit der Situation kritischer Künstlern und Künstlerinnen in anderen Ländern auseinandersetzt, im Libanon, in England, im Kongo - und sehr bald, so steht zu vermuten, auch mit dem heute (26. Juni) verurteilten russischen Regisseur Kirill Serebrennikow. Das Grips Theater will seinen neuen Spielplan am 14. August veröffentlichen und hält bis dahin mit dem Grip-Blog die digitale Flagge hoch. Jugendliche, die in den letzten Wochen zu wenig für die Schule getan und ein schlechtes Gewissen haben, können sich noch die Videos mit Tipps für richtiges Homeschooling auf der Webseite des Theaters Strahl reinziehen.

Und alles weitere....

Auch jenseits von Pop, Literatur oder Theater geht das kulturelle Streamingangebot weiter - und es wird sich wohl fest etablieren, die Pandemie wirkt als Digitalbeschleuniger. Hier noch einige Tipps: Die Urania öffnet am 1. Juli wieder ihre Türen, die Audio- und Videopodcasts, die in den vergangenen Monaten entstanden sind, sind aber weiterhin zugänglich. Auch das Wissenschaftskolleg zu Berlin veröffentlicht immer wieder spannende Reden oder Diskussionen im Netz, aktuell spricht der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov mit Susanne Frank über seinen Roman "Physik der Schwermut", die Eigenschaft des Romans als Erinnerungskapsel und das Schreiben in Zeiten der Angst. Mehr zum Lachen hat man dafür am Kreuzberger BKA-Theater, das in den vergangenen Wochen ebenfalls fleißig auch fürs Netz produziert hat (Spenden freiwillig). Die über 50 Videostreams, die so entstanden sind - etwa Jurassica Parka im Gespräch mit Comiczeichner Ralf König - sind alle noch hier abrufbar. Und es geht weiter: Am 2. Juli zum Beispiel gibt's ein neues Neuköllnical mit Ades Zabel und Biggy van Blond, ebenfalls im Stream zu sehen und für ein reduziertes Publikum auch physisch. Der Friedrichstadt-Palast hingegen bleibt bis 2. Januar 2021 dicht - die Pandemie wird dazu genutzt, eine geplante Lüftungssanierung vorzuziehen. Gerade die jungen Sängerinnen und Sänger, die jetzt in in ihre Karriere starten wollten, sind von Corona hart getroffen. Als kleinen sommerlichen Gruß haben sie ein Video produziert, das Hoffnung macht: "So wie es ist, wird es nicht bleiben/Wir sind die Hoffnung und das Glück, nur nach vorne, nicht zurück."

(Zusammenstellung: peitz, wun, uba)

Seite 1 von 45 Artikel auf einer Seite lesen
Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!