Musikalisch ist das Werk noch eine größere Katastrophe als textlich

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Das neue Album von Helene Fischer : Achterbahn im Kopf
Lederfrau für jedermann. Helene Fischer, 32, singt auf der Hamburger Reeperbahn.
Lederfrau für jedermann. Helene Fischer, 32, singt auf der Hamburger Reeperbahn.Foto: dpa

Tatsächlich weichen nur zwei Lieder formal vom bewährten „Ich und du / Müllers Kuh“-Prinzip ab. In dem designierten Café-Keese-Playlist-Tophit „Schon lang nicht mehr getanzt“ erzählt Fischer das einzige Mal auktorial von einer anscheinend reiferen Frau, die einen Brief von einem ehemaligen Freund (?) bekommt, der mal wieder mit ihr tanzen will. Und in „Du hast mich stark gemacht“ ist das Du überraschenderweise ein Elternteil und lässt die eigentlich viel zu hans-hartzigen Jungspunde von AnnenMayKantereit dagegen mit ihrem „Oft gefragt“, der Liebeserklärung an einen alleinerziehenden Vater, aussehen wie die einfallsreichsten und klischeefreiesten Songschreiber der Nation.

Doch musikalisch – und darum geht es extra erst so spät, denn da ist nicht viel zu holen – musikalisch ist das Werk fast noch eine größere Katastrophe als textlich. Man könnte sogar diskutieren, ob es sich überhaupt um ein Musikalbum handelt, im eigentlichen Sinne: Müsste dafür nicht ein erkennbarer musikalischer Einfall zu finden sein, etwa mal ein erstaunlicher Akkord an einer unerwarteten Stelle? Eine Soundidee? Irgendeine Art von originärer musikalischer Aussage? „Helene Fischer“ – so heißt das Album, vielleicht um niemanden zu überfordern – quält sich an klassischem Schlager, zurückhaltendem Dancesound, vorsichtigem Country, Kitschballade und Chanson vorbei, um am Ende nichts richtig angepackt zu haben.

Der alte Ralph-Siegel-Trick

Es ist zu befürchten, dass sogar beinharten Helene-Fischer-Ultras nach den ersten Stücken die frequenzlinearen In-ear-Stöpselchen aus den Ohren schießen, weil sie es nicht mehr aushalten, dieses eierlose Geeiere. Weil es irgendwann reicht mit dem sauber gesaugten Teppich aus Seichtheiten, dem alkoholfreien Cocktail aus zwei Teilen „Gänsehaut pur“ und einem Teil Clubschiff Aida, dem nicht eingelösten Versprechen von Persönlichkeit und Emotionalität.

Dass Fischers Songschreiber sich bei fast einem Viertel der Lieder zudem des alten Ralph-Siegel-Tricks bedienen und die letzte Strophe ein oder zwei Töne höher als den Rest ansiedeln, macht auch dem treuesten Fan deutlich, wie wenig Dramaturgie ansonsten vorhanden ist: Ausschließlich die Tonart steigert sich. Die Songs verharren in schlagerhafter Wurstigkeit, verströmen weder Humor noch Tragik noch Tanzlaune noch Sex (obwohl Helene einmal stöhnt und einmal flüstert, fast wie so eine verruchte Frau mit erworbener Fußdeformation).

Sie laufen stattdessen einfach so unter dem Radar entlang, zur Kirmes, zum Seniorentanztee und in die Frequenzen der lokalen Provinzdudelsender. Und solange sich kein genialer DJ ihrer erbarmt und sie mit ein paar unterleibsmächtigen Beats aufmotzt oder eine schnodderige Punkband sie covert und die nichtssagenden Texte beim Herausschreien mit wahrhaftig empfundenem Hass auf die Gesellschaft auflädt, wird das Album wahrscheinlich als Belanglosigkeit des Jahres erinnert, eher noch: vergessen werden.

„Helene Fischer“ ist bei Universal erschienen. Tour ab September. Konzert im Berliner Olympia-Stadion am 8. Juli 2018.

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