Das neue Album von Hinds : Komm zurück und liebe mich

Der spanischen Indierock-Band Hinds ist mit ihrem dritten Album „The Prettiest Curse“ eine fantastische Sommerplatte gelungen.

Jean Michel Dumler
Die Hinds aus Madrid starteten als Duo, seit 2014 sind sie zu viert.
Die Hinds aus Madrid starteten als Duo, seit 2014 sind sie zu viert.Foto: Keane Shaw

Ihr seid nur bekannt geworden, weil ihr attraktive Beine habt. Ihr könnt nicht singen und habt sowieso keine Ahnung von Musik – solche Sprüche bekommen Rock- und Pop-Musikerinnen immer noch zu hören. Misogyne Männer füllen damit regelmäßig die Kommentarspalten im Netz.

Die aus vier jungen Frauen bestehende spanische Indierock-Band Hinds kennt das alles – und hat einen sarkastischen Song aus ihren Erfahrungen gemacht.

In ihrer aktuellen Single „Just Like Kids (Miau)“ nehmen sie die Bemerkungen eines Typen über ihre Beine, ihren Sound und ihre Outfits auf und verabschieden den Macker schließlich mit den Worten: „Dude, it’s been a pleasant chat/Yeah, but I’m off to do my job/ Because we have the craziest crowd/ Waiting for these kittens to meow“. Sie müssen gehen, weil draußen eine aufgekratzte Menge auf sie wartet. Dass sie sich als „miauende Kätzchen“ bezeichnen, ist natürlich ironisch gemeint.

Das Quartett hat genug Selbstbewusstsein für solche Scherze – wozu nicht zuletzt die zahllosen Konzerte seit ihrem 2016 erschienen Debütalbum „Leave Me Alone“ beigetragen haben, bei denen tatsächlich „crazy crowds“ mit ihnen feierten.

So geschehen etwa im Frühjahr 2018 im ausverkauften Bi Nuu in Berlin-Kreuzberg. Die leidenschaftliche Rock’n’Roll- Perfomance des Quartetts aus Madrid euphorisiete das Publikum so sehr, dass es sich irgendwann in einem kollektiven Mosh-Pit wiederfand. Nach der Show stand Carlotta Cosials, Ana García Perrote, Amber Grimbergen und Ade Martin noch mit ihren Fans vor dem Club. Man quatschte, lachte und umarmte sich.

Solche Szenen werden sich in naher Zukunft nicht wiederholen, denn die für den Herbst geplante Tour musste abgesagt werden. Zum Trost können die Fans nun das dritte Album der Hinds hören.

Auf „The Prettiest Curse“ lassen sie den Lo-Fi-Sound des Debüt hinter sich und schwelgen in einer grandios breitgefächerten Produktion. Eine großer Entwicklungssprung. Wer nun meint, die Band habe sich von dem verabschiedet, was sie so sympathisch machte, irrt. Denn ihre herzerwärmenden Texte, die freundlichen Melodien und den leidenschaftliche Gesang hat das Quartett beibehalten. Noch immer lassen seine Songs von sonnigen Kulissen träumen.

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Es ist eine Platte, auf der die Musikerinnen komplexer wirken als bisher. Mitunter erinnern die neuen Synthieklänge an MGMT, M.I.A. und das aktuelle Album der Strokes. Die New Yorker Band gehört sei jeher zu den Idolen der Spanierinnen, die in ihrer Heimat sogar schon mit ihnen aufgetreten sind.

Die zehn neuen Songs sind kurzweilig und voller Lebensfreude. Mit dem von einer Akustikgitarre getragenen „Come Back And Love Me <3“ beweisen die Hinds ein weiteres Mal, wie fantastisch sie ruhige Songs beherrschen, bei „Burn“ hingegen spielen sie mit ihrem „Hannah-Montana“-Girl-Gang Image.

Mitunter mischt die Band Zeilen in ihrer Muttersprache in ihre Texte. Etwa bei dem poppigen „Boy“, durch das eine sehnsüchtig verhallte E-Gitarre geistert. Worum es geht, versteht man aber auch ohne Spanischkenntnisse: „All I want is my boy“ heißt es immer wieder.
Mit „The Prettiest Curse“ ist den Hinds ein fantastisches Sommeralbum gelungen. Es reiht sich zudem ein in eine Serie starker Indierock-Alben, die in jüngster Zeit von weiblich dominierten Acts wie Soccer Mommy, Jolly Goods oder Porridge Radio kamen. Und irgendwann werden dann auch die dummen Sprüche weniger.
„The Prettiest Curse“ erscheint bei Lucky Number Music/Rough Trade

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