Das Ritual der Zugabe : Echtes Gefühl? Blankes Kalkül!

Beinahe jedes Konzert endet mit einer Zugabe. Ein Akt spontaner Dankbarkeit? Längst nicht mehr. Ein Plädoyer gegen das standardisierte Ritual.

Die schwedischen Band The Hives im Postbahnhof in Berlin.
Die schwedischen Band The Hives im Postbahnhof in Berlin.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Aufregung war groß, der Unterhaltungswert zunächst auch. Jamaika-Gespräche. Nächtelange Zugaben. Die Spannung unerträglich, doch am Ende stand Enttäuschung. Oder war es bloßes Kalkül und von langer Hand geplant? Was in der Politik derzeit skandalisiert wird, müssen Konzertgänger allabendlich über sich ergehen lassen: Musiker beenden ihr Konzert, winken gerührt. Das Publikum klatscht und johlt, minutenlang. Dann kehren Sängerin oder Sänger oft scheinbar überraschend zurück, finden schmeichelnde Worte für die Zuschauer. Erleichtertes Seufzen.

Es folgt eine herzzerreißende Ballade. Die Band stößt hinzu, um jenen Hit zu spielen, auf den alle gewartet haben. Die Zeremonie kann nach Belieben ausgewalzt werden: Die britische Band The Cure lässt sich bis zu fünf Mal zurückklatschen. Einst war die Zugabe noch eine spontane Reaktion der Musiker auf die Publikumsbegeisterung. Bei der Premiere von Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ im Mai 1786 waren die Zuhörer von solcher Euphorie ergriffen, dass beinahe jeder Teil wiederholt werden musste.

Einst wurden Zugaben gar verboten

Der Kaiser untersagte diese Auswüchse für weitere Aufführungen höchstpersönlich. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Zugaben in den Opernhäusern Norditaliens von den österreichischen Besatzern gar generell untersagt. Die Machthabenden befürchteten daraus resultierende öffentliche Unruhen. Wer aber heute noch glaubt, bei Zugaben einem Akt von gefühlsgeleiteter Spontanität oder gar persönlicher Regung beizuwohnen, nimmt auch Beziehungstipps von Helene Fischer entgegen. Es ist blankes Kalkül. Akribisch auf der Setlist geplant, verwaltet mit der Präzision einer preußischen Militärparade.

Meist müssen Künstler ihre Zugaben sogar gegenüber dem Veranstalter vertraglich zusichern. Es wird erwartet, es wird erbracht. Stillschweigende Übereinkunft mit dem Publikum: Ihr tut überrascht, wir spielen, was ihr hören wollt. Bitte. Danke. Klatschklatschklatsch. Zugaben sind vorhersehbare, blutleere und leidenschaftslose Routine wie der samstägliche Brötchenkauf. Der größte Betrug aber ist, dass den Zuschauern suggeriert wird, es handele sich um eine demokratische Form der Mitbestimmung. Dabei vollzieht sich in der einstudierten Bitte um Nachschlag ein bewährtes ökonomisches Prinzip der Musikindustrie. Und der vermeintlich beschenkte Konzertbesucher wird in seiner Rührung noch großzügiger sein Geld in Merchandise investieren.

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