Das Rundfunk-Sinfonieorchester spielt George Enescu : Tönende Welthaltigkeit

Souverän, lustvoll, aufwühlend: Das RSB in der Philharmonie mit Brittens Violinkonzert und der 3. Symphonie von George Enescu.

Vladimir Jurowski und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.
Vladimir Jurowski und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.Foto: MUTESOUVENIR

„Tollkühn“, so könnte man den Gestus von Arabella Steinbacher umschreiben: Mit tiefenentspannter Furchtlosigkeit stürzt sich die Münchnerin in den Solopart von Benjamin Brittens Violinkonzert op. 15, ein Werk, das wie ein Tableau kniffligster Geigertechniken wirkt. Steinbacher scheint in der Philharmonie keine Schwierigkeiten zu kennen - und hat gerade deshalb Kapazitäten frei, mit ihrem Strich in den drei Sätzen ständig in neue Aggregatszustände zu schlüpfen, die ganze Palette von kantabler Lieblichkeit über schwermütige Melancholie hin zu verknarzter Großväterlichkeit zu durchlaufen und auch ihr Geistervibrato einzusetzen. Souverän-lustvoll hält Vladimir Jurowski am Pult des Rundfunk-Sinfonieorchesters dagegen, das RSB spielt mit einer schroffen Härte, die dem Stück, das laut Literatur sich auch mit dem Spanischen Bürgerkrieg auseinandersetzt, guttut.

[Uraufführung des aus Skizzen rekonstruierten Oratoriums „Strigoii“ von George Enescu durch das RSB: Do, 26.9., 20 Uhr, Konzerthaus am Gendarmenmarkt]

Warum auch George Enescus dritte Symphonie so unbekannt ist, bleibt ein Rätsel. Sie platzt vor tönender Welthaltigkeit, auch sie entstand 1916-1918 während eines Krieges und umspielt in ebenfalls drei Sätzen das vitalistisch-lebensbejahende C-Dur – ohne ihm je völlig zu vertrauen, es wird moduliert, verfremdet. Unmöglich, dabei nicht an Gustav Mahler zu denken: Wie bei diesem, allerdings versteckter, weniger grell an der Oberfläche, sind hier Ironie, Zweifel und Brüche einkomponiert. Jurowski setzt sich seit jeher für diese Musik ein. Man spürt es an der Verve, mit der sich alle Beteiligten ins Klangereignis werfen, das gleichwohl nie ins Plärrende abrutscht. Jurowski weiß stets rechtzeitig zu deckeln, auch in der Apokalypse des zweiten Satzes, in dem alle Blechbläser gleichzeitig im Stehen schmettern. Völlig ins Innere gewendet das finale Lento, zu dem diskret die Orgel einfließt sowie die Stimmen des Philharmonischen Chors „George Enescu“ und des Kinderchors der Berliner Staatsoper. Eine aufwühlende, befreiend wirkende Musik, die so häufig auf den Programmen stehen müsste wie die von Gustav Mahler.

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