Das vergessene Satzzeichen : Wir sollten mehr Strichpunkte wagen;

Das Semikolon, so feinsinnig wie raffiniert, ist in unserer lärmenden Smartphone-Sprache ein aussterbendes Satzzeichen – retten wir es!

Klaus Brinkbäumer
Eine Person gibt einen Text in die virtuelle Tastatur eines Smartphone ein.
Eine Person gibt einen Text in die virtuelle Tastatur eines Smartphone ein.Foto: Fabian Sommer/dpa

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer.

Ob es dem kleinen Semikolon wohl gut geht, dort oben zur Schau gestellt und so ganz allein in der Überschrift? Friert es, fürchtet es sich? Es kennt das nicht; das Semikolon, jenes „Satzzeichen, das etwas stärker trennt als ein Komma, aber doch den Zusammenhang eines größeren Satzgefüges verdeutlicht“ (Duden), ist an Gesellschaft gewöhnt, weil es ja eingekuschelt oder bisweilen auch eingeklemmt sein Leben verbringt: Das Semikolon hat zwischen zwei gleichrangigen Sätzen zu stehen; so verlangen es die Regeln der deutschen Sprache.

Das Semikolon ist nicht ganz ein Punkt; es lässt uns Leser innehalten und darum fühlen und denken, während es Komplexes verbindet; es sortiert und gewichtet, während es schwebt und die Wörter in seiner Umgebung mitschweben lässt.

Es ist der bessere Gedankenstrich. Es ist mein allerliebstes Satzzeichen. Autoren, die das Semikolon schätzen, werden von den anderen übrigens für manieriert gehalten. Wir Selbstverliebten; wir Schnörkelschnösel! Neulich habe ich zusammen mit einem ansonsten ganz wundervollen Kollegen ein ZEIT-Dossier verfasst, und dieser Kollege schätzt das Semikolon nicht. Es hätte zwischen uns kaum schlimmer kommen können; ich versprach, einige Semikola zu streichen, aber welche? Der Trennungsschmerz kostete mich einen Arbeitstag.

„Ohne den Bruch des Punktes“

Gänzlich übel und verdammenswert immerhin ist meine Gesellschaft nicht. Thomas Mann schreibt, „daß Tony auf ihren Gängen durch die Stadt alle Welt kannte und mit aller Welt plauderte; der Konsul zumal war hiermit einverstanden, weil es keinen Hochmut, sondern Gemeinsinn und Nächstenliebe verriet“. In seine „Buddenbrooks“ streute Mann 760 Semikola hinein, oft vor einem „denn“ oder einem „aber“; und gleiten wir nicht deshalb durch diesen Text, getragen und niemals fallen gelassen von einer schwingenden Sprache inklusive ihrer Interpunktion?

Die Griechen verwendeten Strich und Punkt erstmals gemeinsam, für sie aber war’s noch ein Fragezeichen. Der Drucker Aldus Manutius, ein Italiener, hinterließ uns 1494 das erste schriftliche Semikolon in unserem Sinne; es trennte noch Gegensätze. Aus jenem 15. Jahrhundert stammt auch der Name: „semi“ ist lateinisch für „halb“, „ktlon“ ist im Griechischen ein Körper- oder ein Satzteil.

George Orwell war nicht überzeugt und weigerte sich, das Semikolon zu verwenden. Elfriede Jelinek wiederum liebt’s und scheut sich „geradezu vor dem Punkt und dem Neuanfang eines Satzes. Mit dem Strichpunkt aber kann ich in meinen auf Lautlichkeit beruhenden Tiraden eine gewisse Ordnung schaffen, ohne den Bruch des Punktes“. Feridun Zaimoglu schwärmt vom „Code des Subtilen“. Stirbt es trotzdem aus?

„Harry Potter“ hatte es bloß noch in jedem 49. Satz

Linguisten schreiben mir, dass die Sache entschieden sei. Unsere lärmende Smartphone-Sprache habe das Ausrufezeichen den Wettstreit der Satzzeichen gewinnen lassen, auf Platz zwei lägen die drei scheinnachdenklichen Pünktchen, und auf Platz drei: gar keine Interpunktion mehr, sie sei dem Nachwuchs zu aufwendig. Die „Neue Zürcher Zeitung“ beschrieb den „Niedergang des Strichpunkts“ schon vor fünf Jahren, ordentlich belegt natürlich: In Jane Austens „Verstand und Gefühl“, 1811 veröffentlicht, stand noch in jedem dritten Satz ein Semikolon; in J.K. Rowlings „Harry Potter und der Stein der Weisen“ bloß noch in jedem 49. Satz.

Kolumnen dürfen zur Revolte aufrufen. Stellen wir uns also dem Trend entgegen. Lassen wir die Ausrufezeichen weg; wählen wir das Semikolon. Und tja nun, die gestrenge Regel des Duden mag uns zwar ebendies untersagen, doch leider, leider müssen wir sie brechen: Mit allem denkbaren Vergnügen setzen wir ab sofort sogar zwischen Haupt- und Nebensatz ein Semikolon; weil wir’s können.

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!