David Berman ist tot : Rock’n’Roll muss wie Konzeptkunst klingen

David Berman, Sänger der Silver Jews, galt als genialer Texter. Nun ist er gestorben, unmittelbar vor einer Tour mit seiner neuen Band Purple Mountains. Ein Nachruf.

David Berman
David BermanFoto: imago images / MediaPunch

Als 1994 „Starlite Walker“ herauskam, das Debütalbum der Silver Jews, war Aberwitz Programm. Auf eine Persiflage des Klassikers „House of the Rising Sun“ folgten das dissonant zerschredderte Tagebuch eines U-Bahn-Schaffners und die Country-Ballade „Rebel Jew“, in dem Sänger David Berman von Jesus träumte, der bei ihm durch die Wand bricht, um die Welt zu retten.

Berman hatte als Security-Mann am Whitney Museum in New York gejobbt, dabei kam ihm die Idee, dass Rockmusik wie Konzeptkunst sein sollte. „Lass uns eine Platte machen, die aussieht wie eine Platte, Songtitel und alles andere hat, aber die Songs nehmen wir zu Hause auf und klingen schrecklich.“ Allerdings hatten die Stücke schwer Schlagseite in Richtung Folk. Einige klangen überaus melodiös.

Die Silver Jews waren von David Berman 1989 mit Stephen Malkmus und Bob Nastanovich gegründet worden, die ungefähr gleichzeitig ihre Band Pavement starteten. Unklar ist, ob der Bandname auf ein Plakat zurückgeht, das für „Silver Jewelry“, Silberschmuck, warb, auf den Beatles-Vorläufer The Silver Beatles oder auf einen Slangausdruck für einen blonden Jesus anspielt.

Post-Rock hieß der neue Stil

Es war die Zeit, in der Alternative-Musiker die klassischen Regeln des Songwritings zerlegten, die Abfolge von Strophe und Refrain aufgaben und ihre Stücke – mal wütend, mal träge – vor sich hinfließen ließen. Post-Rock hieß der neue Stil, und Pavement wurden seine Könige. Aber auch „Starlite Walker“ gehört zu den Meisterwerken des Genres. Berman sang mit schläfrig zerdehnter Stimme, es gab elektronische Störgeräusche und hymnische Chöre, ein paar auf einen majestätisch wabernden Rhythmus reduzierte Stücke hätten endlos weitergehen können. Berman, 1967 im Städtchen Williamsburg in Virginia geboren, hatte Malkmus und Nastanovich an der Universität von Virginia kennengelernt und war mit ihnen nach New Jersey gezogen.

Malkmus und Nastanovich verließen die Gruppe bereits vor dem Erscheinen der zweiten Platte „The Natural Bridge“ 1996. Fast dreißig Mitmusiker kamen und gingen, Berman blieb die einzige Konstante. Dass der kommerzielle Erfolg überschaubar war, lag auch daran, dass die Band lange Zeit kaum Konzerte gab. Berman litt unser seinem Vater, der als Lobbyist für die Alkohol- und Waffenindustrie gearbeitet hatte. Mit seiner Musik, sagte er, wolle er den Schaden mindern, den der Vater für die Gesellschaft angerichtet habe. 2009, nach dem sechsten Album, zog Berman sich aus dem Musikbusiness zurück.

Als Texter stand Berman, der zwei Gedichtbände veröffentlichte, unter Genie-Verdacht. Auf das Ende der Silver Jews folgten Nackenschläge: Seine Mutter starb, die Ehe ging zu Bruch, der Musiker kämpfte mit Depressionen. Umso überraschender dann das Comeback. Im Juli erschien das erste Album von Bermans neuer Band Purple Mountains, das er mit New Yorker Musikern aufgenommen hatte. Unmittelbar bevor die Gruppe eine Tournee beginnen wollte, ist David Berman, wie sein Label Drag City mitteilte, nun gestorben. Er wurde 52 Jahre alt

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